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Die Sammlung Essl zeigt „Made in Leipzig“

Fleissiges Leipzig

Sabine B. Vogel

20. Juni 2006 

„Made in Leipzig. Bilder aus einer Stadt“, Sammlung Essl, Klosterneuburg. Bis 3. September 2006

Als „einer der heißesten Plätze am internationalen Kunstmarkt“ wird die Stadt angepriesen, als „Erfolgslabel“ die dort produzierte Kunst. Das sind große Versprechen, die hier nicht aus der Feder der Tourismusbranche kommen, sondern auf der Einladungskarte eines Museums stehen. Angekündigt wird eine Ausstellung – oder ist es eine Werbekampagne?

Anekdotenreich und mit überschäumender Begeisterung erzählen Karlheinz Essl, Unternehmer und Museumseigentümer im 10 Minuten von Wien entfernten Klosterneuburg, und Hans-Werner Schmidt, Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig, von ihrer Erfolgsstory: Mit Neo Rauch, entdeckt von Schmidt in einem Förderstand der Art Basel, beginnt der Siegeszug der Leipziger Maler, um dann 2003 in die Ausstellung „Sieben mal Malerei“ im Museum der bildenden Künste Leipzig zu münden, wo Essl als Käufer einstieg. Tilo Baumgärtel, Peter Busch, Tim Eitel, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, David Schnell und Matthias Weischer waren damals diese ersten sieben, die jetzt in Klosterneuburg um 22 Kolleginnen und Kollegen erweitert sind. Der Großteil der rund 100 ausgestellten Werke stammt aus der Sammlung Karlheinz Essls und ist etwa die Hälfte des gesamten Sammlungsbestandes an bisher gekauften Leipzig-Werken. Schmidt, der Entdecker; Essl, der Großaktionär.

Was eigentlich ist da entdeckt worden? Zunächst drängt sich der Vergleich zum Hype der „Jungen Wilden“ in den 1980er Jahren auf, ein Entdecken um des Entdeckens willen, stolz und vor allem gewinnorientiert. Darauf angesprochen, erklärt Schmidt jene Phase damals als kurzzeitige Blase, während es sich in Leipzig um harte Arbeit handle. Es werde nicht gefeiert, sondern gearbeitet, und zwar mit Plan. So folgte auf die Erkenntnis einiger Leipziger, dass sich von Leipzig aus die Welt nicht erobern lässt, ein Ausstellungsprojekt in Berlin, aber ohne damit die Heimat zu verraten – denn man trat als „Leipzig“ auf. Solche Schollen- oder besser Label-Verbundenheit zieht sich bis in die Hochschule: Dort sitzen die Künstler in der vierten Generation. Als Studenten beginnend, dann Assistenten, werden sie Professoren – und haben dabei weder die Akademie je verlassen noch allzu viele Außenstehende hereingeholt. Arno Rink etwa war Schüler von Bernhard Heisig, Lehrer von Neo Rauch und von 1987 bis 1994 Rektor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Als Leitmotiv der Erfolgsgeschichte ist dieser Aspekt keineswegs zu unterschätzen, denn hier wird historische Kontinuität versprochen – als Garant für Qualität. So kann dann auch gleich eine Schule ins Gewicht gelegt werden, die „Leipziger Schule“. Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke gehören zu dieser Schule der ersten Generation, damals in den 1970ern von Eduard Beaucamp so genannt, wovon sich die Künstler aber sofort distanzierten – zumal der Begriff ja vom „Klassengegner“ stammte. Das Vereinheitlichende benennt Schmidt im Katalogtext folgendermaßen: „So finden sich unter der Marke ´Leipziger Schule´ künstlerische Positionen, denen die individuelle Neuformulierung tradierter Ikonografie gemein ist.“

Dies gilt für die „Leipziger Schule II.“ ebenso, wobei nicht nur die Ikonografie tradiert wird, sondern damit zugleich eigentlich überwunden geglaubte Werte. Von „hoher handwerklicher Qualität“ ist in Klosterneuburg die Rede, von „großer Ernsthaftigkeit“ und einem „konsequenten Entwicklungsverlauf in der Werkbiografie“ – gilt denn das nur für diese bestimmten Leipziger Künstler? Sind das denn Kriterien für künstlerische Qualität?

„Made in Leipzig“ präsentiert Bilder, für die offenbar nur diese konservativen Werte sprechen, etwa die formal, inhaltlich und malerisch mittelmäßigen Szenen von Christian Brandl oder Rosa Loy, Erasmus Schröters kitschig-überdramatisierte Fotografien im übertriebenen Riesenformat oder Tobias Lehner, der vor acht Jahren aus dem Westen in den Osten ging, um dort zu studieren und jetzt offenbar das farbig-abstrakte Gegenstück zu den trost- und raumlosen Bildern Peter Buschs stellt. Bei so viel Mittelmaß und Belanglosigkeit werden dann erstaunlicherweise die „Väter“ ganz frisch, Werke der Klassiker Bernhard Heisig, Werner Tübke, Arno Rink aus den 1970er und 1960er Jahren – damals in, mit und gegen ein repressives Regime entstanden.

Leipzig, das ist das perfekte Klischee von Deutschland: Fleiß, Strebsamkeit, Neubeginn etc. – ein neues Label kreieren, dass Wertebeständigkeit mit vorsichtiger Innovationsenergie verbindet und vor allem hohe Gewinne verspricht. Auf die Leipziger zu setzen, sei dem Sammler Karlheinz Essl ja unbenommen. Allerdings lassen sich im Vergleich mit der inhaltlichen Strenge einer Ingvild-Goetz-Sammlung die Ankäufe von „Leipziger-Schule-Bildern“ konzeptuell kaum legitimieren. Bedenklich wird es, wenn Spekulationsfreudigkeit den Fokus auf künstlerische Qualität ersetzt. Traurig stimmt es, wenn damit auch noch Kunstgeschichte geschrieben werden soll.



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