„Elastic Taboos. Koreanische Kunst der Gegenwart“, Kunsthalle Wien. Vom 23. Februar bis 10. Juni 2007
Lee Ufan, Galerie nächst St. Stephan, Wien. Vom 21. Februar bis 21. April 2007
„Seoul: Räume, Menschen“, ifa-Galerie Suttgart. Vom 26. Januar bis 17. März 2007 (in der ifa-Galerie Berlin vom 6. April bis 3. Juni 2007)
Sechshundert Jahre lang war Seoul die Hauptstadt Koreas. Seit der Teilung der Halbinsel vor knapp sechzig Jahren ist die heutige Megacity nur mehr Südkorea vorbehalten, zu einer 22-Millionen-Einwohner-Region herangewachsen und verändert sich derartig schnell, dass Straßennamen oder gar Hausnummern erst gar nicht installiert werden. Bei der Orientierung helfen oftmals allein riesige Werbebanner, die – Neueröffnungen ankündigend – in den Straßen flattern oder Gebäude komplett einhüllen. Diese Stoffbahnen seien eine Seoul-typische „Fahnenanarchie“, erklärt Kunsthallen-Direktor Gerald Matt, in Seoul nur mit Genehmigung erlaubt und daher vor allem verboten. Solche langen Schriftbahnen hängen jetzt neben der Kunsthalle Wien; der Künstler Choi Jeong-hwa stimmt uns damit auf die Ausstellung „Elastic Taboos. Koreanische Kunst der Gegenwart“ ein.
Einen elastischen Umgang mit Tabus und Verboten, mit Traditionen und Widersprüchen – also Anzeichen, die eine Gesellschaft im Umbruch kennzeichnen – konstatieren die Kuratoren Kim Seung-duk & Franck Gautherot als typisch für Korea bzw. koreanische Kunst. Das entschlüsselt sich allerdings nur jenen, die mit der koreanischen Kultur vertraut sind. Allen anderen bietet sich ein buntes Gemisch verschiedenster künstlerischer Ausdrucksformen an: Vor dem Eingang der Kunsthalle stehen in einem Regal Lee Sang-Hoons verformte und gesprungene Fehlproduktionen einer Keramik-Serie, ein Gratismagazin mit periodisch wechselnden Titeln des Kollektivs Woojuk/Friendly Enemies liegt aus; Gimhongsok zerquetscht die vier Blech-Buchstaben LOVE zu einem John Chamberlain/Robert Indiana-Haufen und traditionell scheinende Bilder wie Sunny Kims lila Enten, die vom Blumendekor der Tapete in einen ebenso gemusterten Teich eintauchen, treffen auf eine minimalistische Bodeninstallation aus Mehl und Salat, die von einem Hahn ausgeführt und vom Künstler Lee Kang-so erdacht wurde.
Sind das ironische Anspielungen auf nationale und internationale Kunsttraditionen oder der Beweis für eine experimentierfreudige Kunstszene? In jedem Fall stellt die Auswahl einen Querschnitt künstlerischer Positionen aus mehreren Jahrzehnten, eine Art Mini-Kunstgeschichte Südkoreas seit den 1950er Jahren dar. Die Hahn-Installation etwa ist eine Rekonstruktion von 1975, die klischeehaften Frauen-Porträts Kim Han-yongs stammen aus den 1950er bis 70er Jahren und die Fotografien in sozialistischer Ästhetik von Oh Hein-kuhn aus den späten 1980ern, den Jahren nach den ersten demokratischen Wahlen.
Mit Shin Hak-chuls beeindruckendem, meterlangem Gemälde History of Contemporary Korea ist auch ein Minjung-Maler vertreten; ein Mitglied jener politischen Kunstbewegung, die 1980 nach dem Gwangju-Massaker entstand. Damals waren die studentischen Forderungen nach einem Ende der Militärdiktatur und mehr Demokratie brutal niedergeschlagen worden, was 1995 zur Gründung der Gwangju-Biennale führte, die den beschädigten Ruf der Stadt wieder rein wusch. Im vergangenen Jahr fand die Kunst–Schau zum 6. Mal statt und zu den schönsten Arbeiten gehörten Lee Ufans stille, meditativ-poetische, direkt auf die Wand gebrachte Farbflächen. Der 1936 in Südkorea geborene und in Japan lebende Künstler ist jetzt sowohl in „Elastic Taboos“ als auch mit einer Einzelausstellung in der Wiener Galerie nächst St. Stephan zu sehen, wo seine Bilder mit meist einem, selten auch mal drei präzise platzierten, silbergrauen Pinselstrichen im leeren weißen Bildraum tief beeindrucken – vom „Wind der Welt“ sprach Lee Ufan einmal. In der Kunsthallen-Ausstellung geht diese Position im lauten und bunten Durcheinander der vielen Stile fast unter.
Wie anders ein Blick auf zeitgenössische südkoreanische Kunst ausfallen kann, zeigt die Schau „Seoul: Räume, Menschen“ in der ifa-Galerie in Stuttgart und anschließend Berlin (kuratiert von Renate Goldmann und Lee Young Hee). Die Ausstellung ist Teil der Reihe „Stadtansichten“ und folgt der Frage, wie sich koreanische Künstlerinnen und Künstler mit den Unsicherheiten einer beschleunigten urbanen Entwicklung auseinandersetzen. Wie in Wien ist auch hier der bereits verstorbene „Klassiker“ Bahc Yiso zu sehen. Das zugleich humorvolle und symbolträchtige Video von Stühle rückenden Mädchen als neunteiliges Schiebe-Puzzle des jungen Park June Bum ist in beiden Städten dabei. Anders als in Wien wird in Stuttgart allerdings kaum kunstmarktkompatible Ware gezeigt, sondern vor allem Werke mit politischem Anliegen: Park Chan Kyong thematisiert in seiner Filmcollage die Folgen des geteilten Landes, Kim Sang Gil erinnert mit den Fotografien von leeren Räumen an die urbane Schnelllebigkeit, die Künstlergruppe flyingCity untersucht die Abwanderung alteingesessener Handwerksbetriebe und in den Fotodokumentationen von Mixrice geht es um Migration. Diese beiden Künstlergruppen sind Stammgäste des internationalen Biennale-Zirkus, auf Kunstmessen jedoch sind solche Positionen nicht zu finden.
Überhaupt ist südkoreanische Kunst bisher noch kein Verkaufshit, aber Gruppenausstellungen wie diese zeigen deutlich, dass mit dem wirtschaftlichen Aufschwung auch das Interesse an dem Land wächst (man erinnere sich an den Korea-Schwerpunkt der letztjährigen Frankfurter Buchmesse) und damit auch an der Kunst. Noch sind die meisten der ausgestellten Werke im Besitz der Künstlerinnen und Künstler oder ihrer koreanischen Galerien, nur Lee Ufan gehört mit Preismarken um die 60.000,- Euro bereits zu den Global Playern - aber die nächste Generation steht in den Startlöchern und weiß sich gezielt zu platzieren mit ihren Werken. Dass diese offenbar untereinander vielseitig kombinierbar sind, beweist der von der jungen Koreanerin Kim Haeyoung alias „Bubblyfish“ für einen Gameboy komponierte Soundtrack, der in „Elastic Taboos“ als Untermalung für die minimalistischen Bilder ihres älteren Kollegen Park Seo-bos dient.
Auf die Frage, was die zeitgenössische koreanische Kunst auszeichne, antwortet Choi Jeong-hwa, der sich selbst als „Hobbykünstler“ bezeichnet und die Werbebanner für Wien sammelte: „Meine moderne Kunst ist bagul-bagul, aalrok dal-rok, bun-chok bun-chok, woolgoot bulgoot (was so viel heißt wie lautmalerisch, laut gedrängt, bunt bunt, zwinker-zwinker), absurd, grell banal, exakt grob...“ – auf solche Kunst kann man doch nur neugierig sein!

















