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Mark Wallinger zwischen Turner-Preis und Münster

5 km Luftlinie

Ludwig Seyfarth

19. Juli 2007 

Manche Grenzen sieht man nicht – oder nicht mehr. So kann man unbemerkt innerhalb der EU von einem Land in ein anderes fahren, seit die Zollkontrollen ausbleiben. Und wo vor zwanzig Jahren eine streng bewachte Mauer Ost und West trennte, lässt sich ihr Verlauf mitten durch Berlin oft nur noch erahnen. Es gibt aber auch Grenzen, die von vornherein weitgehend unbemerkt bleiben, zum Beispiel für Menschen einer anderen Glaubensgemeinschaft. So wurde kürzlich im Nordwesten Londons eine Schnur um einen Bereich der Stadt gezogen.

Es handelte sich um die Errichtung eines „Eruvs“, eines fest markierten Bezirks, innerhalb dessen es den dort lebenden gläubigen Juden gestattet ist, auch am Sabbat im öffentlichen Raum Dinge zu verrichten, die ihnen sonst verboten wären. Dazu gehört etwa das Tragen von Gegenständen außerhalb der häuslichen Mauern. Obwohl uneingeweihte Passanten gewöhnlich nichts davon mitbekommen, wenn sie die Grenze eines Eruvs überschreiten, führte deren Ziehung doch zu einer öffentlichen Kontroverse über die Vermischung von öffentlichem und religiösem Raum. Immerhin ist nach traditioneller jüdischer Auffassung der Eruv eine Art allgemeiner Privatraum. Dass das Weiße Haus in Washington und das Europäische Parlament in Straßburg innerhalb eines Eruvs liegen, ist den meisten Nichtjuden unbekannt.

Der Londoner Eruv inspirierte Mark Wallinger für die Zone, seinen Beitrag zu den Skulpturprojekten Münster 2007. Zunächst einmal hatte Wallinger daran gedacht, die westfälische Stadt, die für ihn „das Paradebeispiel eines religiösen und akademischen Gemeinwesens ist“, um die Altstadt herum, deren ehemalige Befestigungsanlage an einigen Stellen noch erahnbar ist, mit einer Menschenkette zu umringen. Diese vielleicht spektakuläre, aber ziemlich schlichte und zeitlich nur punktuell realisierbare Idee wich glücklicherweise einer subtileren und interessanteren, nämlich in mindestens viereinhalb Metern Höhe eine Angelschnur zu spannen, die das Zentrum tatsächlich wie ein Eruv umschließt. Traditionell kann ein Eruv durch Zäune oder natürliche Grenzen, aber eben auch durch Seile oder Drähte markiert werden.

Der Verlauf der Grenze folgt bei Wallinger zusätzlich einer geometrischen Form und beschreibt so genau wie möglich einen Kreis, den Wallinger auf dem Stadtplan von Münster um eine Kaffeetasse herum gezogen hat. Dass die Schnur nicht nur an Laternenpfählen oder Bäumen, sondern auch an Hauswänden befestigt werden musste, brachte Auseinandersetzungen mit zahlreichen Hausbesitzern und Bewohnern mit sich. Nicht alle konnten überzeugt werden, einen kleinen gedübelten Haken in ihrer Mauer im Dienste der Kunst zu erdulden. In einigen Fällen behalf man sich deshalb mit eigens aufgestellten Pfählen.

Mit dieser ephemeren Grenzziehung hat es dann auch schon sein sichtbares Bewenden und manche Passanten werden nur zufällig bemerken, warum auf einer kleinen Verkehrsinsel an der Kreuzung Aegidiistraße/Rothenburg eine runde Metallplatte mit der Aufschrift „Centre of the Zone“ eingelassen ist. Trotz der unmittelbaren Nähe des Skulpturprojekte-Büros stellt sich der Zusammenhang mit der Ausstellung nicht zwangsläufig her.

Oder doch? Stutzig wird man in Münster doch bei allem, was die Grenzen des alltäglich zu Erwartenden leicht überschreitet. Da dürfte doch Kunst im Stadtraum am Werke sein und ist es in diesem Falle natürlich auch: Es handelt sich um den exakten geografischen Mittelpunkt des Schnurkreises. Die unscheinbare Grenze, die sich auf fast fünf Kilometern Länge durch das Stadtgebiet zieht und deren Verlauf man mit bloßem Auge oft nur mit Mühe verfolgen kann, verweist nicht nur auf soziale, kulturelle, politische Grenzen, sondern eben auch auf die immer wieder neue Frage, wo denn die Grenze der Kunst zu anderen ästhetischen Erscheinungsformen des Alltags liegt. So wie wir die Grenze der Zone passieren, befinden wir uns manchmal im Gespräch über ein Kleidungsstück oder ein Gebäude, das uns ge- oder missfällt, fällen ästhetische Urteile und geraten unversehens in eine Kunstdiskussion, ohne dass es geplant war.

Grenzen sind ein geradezu prädestiniertes Thema, um soziale und politische Sachverhalte auch ästhetisch unmittelbar anschaulich zu verhandeln. Wallinger selbst lieferte dafür vor einigen Monaten ein weiteres Paradebeispiel. Mit rund 600 originalen Bannern, Fotografien, Friedensfahnen und Verlautbarungen von Sympathisanten errichtete er in der Tate Britain eine minutiöse Rekonstruktion der Protestmeile gegen den Irak-Krieg, die der Friedensaktivist Brian Haw 2001 gegenüber dem Palace of Westminster initiiert hatte. Am 23. Mai 2006 wurde sie weitgehend entfernt, weil ein neues Gesetz ungenehmigte Demonstrationen in einem Radius von einem Kilometer um den Parliament Square herum untersagte.

Genau genommen verläuft diese Bannmeile mitten durch die Tate Britain, was Wallinger mit seiner Ausstellung auch veranschaulichte. Das politische Thema Inklusion/Exklusion führte damit auch unmittelbar auf die Frage, was in einem Museum zugelassen wird und was nicht. Brian Haw hätte seine Protestmeile in der Tate Britain wohl kaum aufbauen dürfen, aber ein bekannter Künstler wie Wallinger wurde dafür mit der erneuten Nominierung für den Turner Preis belohnt. Dass er ihn bisher nie bekam, mag auch daran liegen, dass Wallinger sich immer wieder neuer ästhetischer Mittel bedient und weniger auf  „Markenzeichen“ setzt als einige seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Young British Art, etwa Tracey Emin oder Damien Hirst.

Die Markierung durch Schnüre oder Fäden ist denn auch keine Idee, die Wallinger für die Kunst erfunden hat. Er selbst beruft sich auf die minimalistischen Fadeninstallationen des Amerikaners Fred Sandback (1943-2003). Ein zeitgenössisches Beispiel ist der deutsche Künstler Christof Zwiener, der Bindfäden zur Markierung von Skulpturen oder Installationen verwendet, die eine phantomhafte Präsenz innerhalb des physischen Raumes entfalten. Oder man denke an die 127 Fäden, mit denen obduzierte Leichen zusammengenäht waren, die Teresa Margolles 2006 zu einem wie ein Stacheldrahtzaun durch den Düsseldorfer Kunstverein laufenden Band verknüpft hat.

Ist Wallingers Zone auf der einen Seite ein zurückhaltendes Werk in strengster konzeptueller und Minimal-Tradition, verbindet sie sich auf der thematischen Ebene mit anderen politisch motivierten Arbeiten, die der Kunstsommer 2007 zu bieten hat. Auf der Biennale in Venedig zeigt die in London lebende japanische Fotografin Tomoko Yoneda im Rahmen von Robert Storrs Sonderausstellung im Arsenale Ansichten einer Gebirgslandschaft bei Sarajevo, eines touristischen Aussichtspunktes in Südkorea oder einer Straße in Beirut. All diese Orte haben auf den ersten Blick nichts Auffälliges, waren aber Schauplätze von Kriegshandlungen oder Grenzverläufe von Konflikten, von denen man auf den ersten Blick nichts oder nichts mehr sieht.

Im „documenta magazine 3“ finden sich als Beitrag von „Le Monde diplomatique“ mehrere farbige Zeichnungen des Geografen und Kartografen Philippe Rekacewicz. Die dort eingezeichneten Grenzen sind vor allem diejenigen, die uns im aktuellen Weltgeschehen nicht immer bewusst sind: etwa die Lebensräume der Roma oder die verschiedenen Schutzgrenzen, mit denen Europa sich zunehmend und weiträumig vor unerwünschten Zuwanderern abschirmt. Solche Grenzen verhindern genau das, was ein Eruv anders als ein Ghetto ermöglicht: dass verschiedene Menschen den gleichen Raum teilen und ihren Vorstellungen entsprechend darin leben und agieren können.

Der Kunstverein Braunschweig wird vom 1.9. bis zum 1.11.2007 die erste Wallinger-Retrospektive in Deutschland zeigen.


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