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Junge US-Künstler bei WilmerHale, Berlin

Wider das Gesetz

Henrike Schulte

20. Juli 2006 

„all american, Junge US-amerikanische Künstler in Berlin!“, WilmerHale Berlin, Friedrichstraße 95, nur nach vorheriger Anmeldung. Bis 11. August 2006

„Die Galerie als Auslaufmodell“, titelte die Kunstzeitung im Mai 2006 und zog sich damit – wohl auch vorsätzlich – den kurzzeitigen Groll der Galerienszene zu. Was sich hinter der polarisierenden Schlagzeile und dem Artikel von Karlheinz Schmid verbarg, war ein Abgesang auf den klassischen Kunstverkauf via Galerie. Der Autor plädierte dort für den Beruf des „Künstler-Agenten“, der „seinen“ Künstler auf Messen, in Privatsammlungen und Unternehmen sehr viel effektiver unterbringen könne, wenn er sich als eine Art fahrender Wandergesell ohne feste Räume dem Verkauf der Werke widmete.

Tatsächlich ist es so, dass sich im Zuge der immer noch zunehmenden Kunstkonjunktur neue Bereiche des Kunsthandels auftun, die früher eher als Randphänomene in Erscheinung traten. Das Unternehmen, das heute keine Kunst mehr in seinen Räumlichkeiten ausstellt, muss wohl zumindest ein bisschen doof, vor allem aber ganz und gar unkultiviert sein. Damit entsteht den Galerien Konkurrenz – was die Örtlichkeiten des Handels an sich angeht, gelegentlich auch in Bezug auf den Verkauf selber. Keine Arztpraxis mehr, in der nicht Broschüren zur dazu gehörigen Kunstausstellung ausliegen – und nicht immer handelt es sich dabei zwangsläufig um Selbstgemalt-Toskanisches der Zahnarztgattin.

So zeigt die weltweit tätige Anwaltssozietät WilmerHale an ihrem Berliner Standort noch bis zum 11. August eine von Dietke Jahraus zusammengestellte Ausstellung mit dem Titel „all american. Junge US-amerikanische Künstler in Berlin“ mit 30 Arbeiten von zwölf amerikanischen, in Berlin lebenden Künstlern. Fast alle Werke stehen zum Verkauf und verlagern den Kunsthandel damit kurzzeitig in die 22. Etage des Internationalen Handelszentrums an der Friedrichstraße. Es ist nicht das erste Mal, dass die freie Kunstkuratorin für die Großkanzlei tätig ist. Begonnen hat Dietke Jahraus 2002 mit einer Einzelausstellung der Werke von Vibeke Tandberg. Seitdem fanden insgesamt sieben weitere Ausstellungen statt, die immer jeweils die Besprechungsetage des Gebäudes okkupierten.

Nun also die jungen Amerikaner in Berlin, deren Präsentation die Anziehungskraft der Hauptstadt auf die internationale Künstlerschaft thematisiert und damit das kürzlich erkorene Lieblingskind der örtlichen Kuratorenszene aufgreift. Bevor erste Kulturinstitutionen diesem Phänomen nun auch endlich Raum bieten (etwa mit der Ausstellung „Anstoss Berlin“ im Haus am Waldsee), waren es die Kuratorinnen und Kuratoren, die das Thema der künstlerischen Produktion der letzten zehn Jahre und die Entwicklung der Kunst in Berlin zuerst aufnahmen – im letzten Jahr zum Beispiel mit „ Temporary Import“, kuratiert von Susanne Titz für das ART FORUM BERLIN 2005.

Nicht alle der bei WilmerHale ausgestellten Künstlerinnen und Künstler werden bisher überhaupt von einer Galerie vertreten. Mit Videoarbeiten, Malerei, Zeichnung, Objekten und Fotografie sollen die Werke von John von Bergen, Erik Blinderman, Katharina Anna Burin, Jay Chung, Q Takeki Maeda, Kane Do, Jason Dodge, Daniel Jackson, Aleksandr Rossmann, Matt Saunders, Mungo Thomson, Kerry Tribe und Matt Willard „die Vielfalt der amerikanischen Kultur und Gesellschaft widerspiegeln“. Das gelingt etwa dann, wenn Kerry Tribe ihre alten Familienfotos von Schauspielern nachstellen lässt, diese dabei filmt und die Mimik der engagierten Schauspieler gegen Ende ihres dreiminütigen Grinsemarathons nur noch einer angespannten Maske gleicht (Three minute Snapshot, 1.000,- US-Dollar, Auflage 10 Exemplare).

In Aleksandr Rossmanns Wandbehängen aus verschiedenen Leinenstoffen mit tantrischen Mustern spiegeln sich die New Age- und Esoterik-Bewegungen nordkalifornischer Strandkinder wider (2005, 800,- bis 1.000,- Euro). Matt Willard stürzt mit der gefilmten Explosion zweier den bronzenen Bierdosen von Jasper Jones nachempfundenen Getränkebüchsen gleich die ganze amerikanische Pop-Art von ihrem Sockel (Johns Video, 2005, 1.500,- Euro, 4 Exemplare). Jason Dodges Things are not wind, eine per Handkurbel zu bedienende Windgeräuschmaschine, entstand gar eigens für die Kanzleiräume und bringt nun echte Atmosphäre in die klimatisierte Etage (Preis auf Anfrage).

Wohltuend selten haben die Werke einen Bezug zum juristischen Hintergrund ihres Ausstellungsraumes. Lediglich Kerry Tribes Dad’s bookshelf with film equipment, eine 2006 entstandene, ziemlich gefällige Farbfotografie mit der Abbildung eines mit juristischen Gesetzestexten vollgestellten Regals (4.500,- US-Dollar, 7 Exemplare), passt sich der Umgebung an – kein Wunder, schließlich ist die Künstlerin Tochter eines hohen US-amerikanischen Richters. Andernorts sind die Bezüge subtiler. Hinter Matt Saunders Ölbild Slept (Margit) etwa verbirgt sich eine der gewaltsamsten Szenen aus Rainer Maria Fassbinders Film Martha, worin Margit Carstensen als gepeinigte Ehefrau mit Sonnbrand auf dem Hotelbett vom Ehemann sadistisch gequält wird. Die Frau gehört in die Hände eines guten Anwalts!



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