Anmelden Nicht Registriert? Mitglied werden
artnet.com
Search the whole artnet database
 






















„Das achte Feld“ im Museum Ludwig Köln

Pferd oder Dame?

Ric Schachtebeck

15. September 2006 

„Das achte Feld. Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960“, Museum Ludwig, Köln. Vom 19. August bis 12. November 2006

Ist die künstlerische Auseinandersetzung mit Trans-Homo-Intersexualität, Transgender und Travestie nur eine bizarre Randerscheinung, deren Codes im subkulturellen Kontext zu entschlüsseln sind? Ein lästiges Ärgernis für Papst und Lieschen Müller, ein dreckiger Witz für den Stammtisch? Oder ist sie bereits ein unübersehbarer Bestandteil unserer Kultur? Ist sie durch Integration zum Partygeplänkel verkommen oder bietet sie tatsächlich noch genügend Brisanz, um vermeintliche Naturgesetze, gesellschaftliche Normen und Geschlechtervereinbarungen zu sprengen?

Mit der Ausstellung „Das achte Feld. Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960“ will sich das Museum Ludwig diesen Fragen nähern. Es ist übrigens die erste große deutsche Kunstinstitution, die das mit einer umfassenden, längst überfälligen Bestandsaufnahme versucht. Die Ausstellung soll, so die schwülstige Ankündigung des Veranstalters, „hohen dokumentarischen Wert mit erotischem Reiz und künstlerischer Qualität verbinden“. Voilà! Der Berliner Kurator Frank Wagner und seine Kölner Kollegin Julia Friedrich haben 250 Werke von 82 Künstlern ausgewählt und damit die größte Themenausstellung zusammengestellt, die das Haus seit seiner Eröffnung 1986 veranstaltet hat.

Zur Orientierung haben die beiden Kuratoren mit dem Ausstellungsarchitekten Eran Schaerf ein Leitsystem entwickelt und den Exponaten neun Themenbereiche zugeordnet, zum Beispiel „Sexy Machismo“, „Trans- und Intersexualität“, „Diskriminierung und Aids“ oder „Weiblich/Männlich – Männlich/Weiblich“. Der geheimnisvolle Titel der Ausstellung verweist auf eine Spielsituation im Schach, in der ein Bauer durch die Dame (oder jede andere Figur, mit Ausnahme des Königs) ausgetauscht werden muss. Der Titel hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Er vermittelt die Vielschichtigkeit der einzelnen Themenkomplexe nur unzureichend und unterstützt gängige Vorurteile.

Das Anliegen der Ausstellungsmacher ist jedoch weitaus größer, als sich auf Klisschees über Schwule und Rollenspiele mit Lippenstift und Pumps zu beschränken. Wagner und Friedrich zeigen differenzierte Künstlerpositionen, verdeutlichen Generationsbezüge und schärfen den Blick durch ungewöhnliche Zuordnungen und Konfrontationen. Sie stellen dem Siebdruck von Andy Warhol Two Elvis (Double Elvis) der Arbeit Double Double Yentl (My Elvis) von Deborah Kass gegenüber, hängen Jasper Johns’ Flag on Orange Field neben die korrektive Stars-and-Stripes-Hommage von Jonathan Horowitz und vereinen Robert Indianas’ berühmte Serigrafie LOVE mit einer „AIDS“-Installation von General Idea.

Die Ausstellung zeigt die Werke von Francis Bacon und David Hockney, Robert Rauschenberg und Paul Thek in verblüffenden Konstellationen und den Code von Cy Twomblys Crimes of Passion II knackt man leichter, wenn man zuvor Piotr Nathans beschmierte Klotüren gesehen hat. Diane Arbus, Nan Goldin und Wolfgang Tillmans sind mit Werkgruppen vertreten, Salomé mit Blutsturz I, Nicole Eisenmann mit geilen Fantasien, Horrorszenarien und deftigen Comics, Jochen Finzer bestickt rückseitig Pornos von Tom of Finland und Henrik Olesen hat einen Archivraum gebaut, in dem er über die Verfolgung und Kriminalisierung von Homosexuellen und über schwule Elefanten und Walrösser informiert.

Der Themenkomplex „Intersexualität und Transgender“ liefert den Zündstoff der Ausstellung. Foto- und Videoarbeiten von Catherine Opie, Del LaGrace Volcano, Aurora Reinhard und Dayanita Singh sowie ein Katalogbeitrag von Judith Butler demonstrieren, dass darin gesellschaftliche Grundsatzfragen lauern. Hier werden Geschlechtervereinbarungen außer Kraft gesetzt, Sperrzonen zwischen Normierungen erobert und Systeme, die auf Begriffe wie Mann/Frau und Männlich/Weiblich aufgebaut sind, zur Kapitulation gezwungen. Ins A Krommingas Piktogramm Hermaphrodit trifft den Nagel auf dem Kopf.

Ausstellungsarchitekt Eran Schaerf verbindet die einzelnen Themenbereiche und Ausstellungsflächen mit einer überzeugend einfachen Lösung. Er reagiert auf Vorgefundenes und antwortet dem Terrakottaboden des Eingangsbereichs mit gebeiztem MDF, dem Parkett der Ausstellungshalle mit Eichenfurnier und erklärt das Treppenhaus des Museums zur Ausstellungsfläche. Er hat Stellwände gebaut, die wie offene, aufrecht gestellte Schachteln aussehen und Videoboxen, die an Jahrmarktbuden erinnern. Schaerf geht auf Inhalte ein. Er teilt, verengt und blockiert die Verbindungswege, überrascht mit Nischen und Schleusen, zeichnet das charakteristisch gewölbte Dach des Museumsgebäudes nach und inszeniert sich selbst mit opulenten Stoffdrapierungen.

Es empfiehlt sich, einen Audioguide in die Ausstellung mitzunehmen. Frank Wagner und der Schriftsteller und Radio-Dj Thomas Meinecke haben 50 Musiktitel aus Rock, Pop, Disco, House und Techno zusammengestellt, die über das Gerät angewählt werden können. So wird der Rundgang auch akustisch zur Zeitreise. Ob die Arbeiten von Robert Mapplethorpe und Peter Hujar mit Songs von Patti Smith und Donna Summer authentischer rüberkommen, ist fraglich. Dagegen funktioniert Ingo Taubhorns Fotoserie „Die Kleider meiner Mutter“ mit Marianne Rosenbergs „Ich bin wie du“ ganz ausgezeichnet.

Kitsch, Camp und Trash nehmen in „Das achte Feld“ einen respektvollen Platz ein. Gezeigt werden sich drehende silberne Tischdeckchen von Michaela Meliáns, ein goldenes Glitternetz aus Pfeifenreinigern von Lucky DeBellevue, David Altmejds von unten beleuchtete Spiegeltreppen, auf denen zwischen Broschen, Kristallen und tränendem Herz zwei kopulierende Wölfe verenden, General Ideas ironische Dildo-Präsentation und Matthew Barneys Farbfotografien aus seinem Film „Cremaster 4“. Hier, in der Abteilung „Verwunschene Welten“, hat sich Barney zum geschlechtslosen Fabelwesen stilisiert und hier – um auf die Metapher des Schachspiels zurück zu kommen – wird der Bauer zum Pferd.

Pferd oder Dame, Läufer oder Turm? Die Ausstellung demonstriert, dass die Erotik von Minderheiten – so der Veranstalter – selbstverständlich auch in der zeitgenössischen Kunst eine bedeutende Rolle spielt. Die Ausstellung als solche ist ein deutliches Zeichen von Integration und Gleichberechtigung. Trotz allem wird man das Gefühl nicht los, in einen Kessel Buntes gefallen zu sein. Trans-, Homo- und Intersexualität, Transgender und Travestie sind eigenständige Themenkomplexe, die nicht automatisch miteinander verzahnt sein müssen und vor allem nicht in diesem Kontext. Warum ist bei dieser Auflistung Heterosexualität so explizit ausgeklammert worden? Ein Gedanke, der absurd erscheinen mag – doch vielleicht hätte gerade sie für die Polarisierung gesorgt, die man sich von dieser Ausstellung gewünscht hatte.

Feedback abgeben

   Artikel drucken   Bookmark and Share Share

site map  about us  contact us  investor relations  services  imprint  terms & conditions artnet.com | artnet.de | artnet.fr
   ©2010 artnet - Die Welt der Kunst online. Alle Rechte vorbehalten. artnet ist eine eingetragene Handelsmarke der artnet Worldwide Corporation, New York, NY.  


Künstler: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z