„Choosing my Religion“, Kunstmuseum Thun. 15. September bis 19. November 2006
Die Zeit scheint reif zu sein für Ausstellungen, die sich den ganz großen Fragen widmen: Was ist Wahrheit, gibt es ein Leben nach dem Tod, wie steht es ganz allgemein um unseren Glauben? Es ist schon fast müssig, für diesen Trend die Zerstörung der Twin Towers am 9. September 2001 als Grund heranzuziehen. Jedoch ist es offensichtlich, dass viele Leute seit jenem Tag wieder vermehrt den Wunsch verspüren, dem Sinn des Lebens nachzuforschen und die grundlegenden Fragen zu stellen. Ob Kuratoren zu dieser Spezies gehören, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass in letzter Zeit vor allem in Deutschland Ausstellungen auftauchten, die sich genau diesen Fragen widmeten. Mit der typischen Verzögerung von einigen Monaten haben sich nun auch Schweizer Ausstellungshäuser dem Thema zugewandt: „Gott sehen“ lautete der Titel einer Ausstellung in der Kartause Ittingen letztes Jahr; nächstens wird sich im Kunstmuseum Bern „Six Feet Under“ dem Thema Tod widmen und im September 2006 eröffnete im Kunstmuseum Thun „Choosing my Religion“, kuratiert von Direktorin Madeleine Schuppli selbst.
Das Thema Religion ist zu schwierig, um es mal salopp zu formulieren. Galt Gott noch bis vor kurzem in der Zeit postmoderner Skepsis für tot und Religion als nicht relevant, scheinen beide heute auferstanden. Mehr noch: Die Stichwörter „Gott“ und „Religion“ generieren in einer Zeit wie der unsrigen, wenn Ost und West, Islam und Christentum von neuem anscheinend unversöhnlich aneinander geraten, heftigste Emotionen. Die Lage ist so zugespitzt, dass jede Kritik, jedes unbedachte Wort Stürme des Protestes und der Intoleranz nach sich zieht. Man denke nur an den Karikaturenstreit und die Reaktion auf die Rede des Papstes, in der er einen byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitierte, der gegen den Islam ins Feld gezogen war. Angesichts dieser Zwiste scheint es für viele angebracht, der Provokation des Papstes die politische Korrektheit vorzuziehen. In vielen Fällen ist dies vielleicht nicht die schlechteste Haltung. Bei Ausstellungen zum Thema Glauben und Religion in der Kunst ist sie kaum zu empfehlen. Zu gerne verleitet sie zu einer immer öfter gesehenen unkritischen Inszenierung einer neuen Transzendentalität, die dem allgemeinen Bedürfnis nach spirituellen Gefühlen entgegenkommt. Andererseits versuchen Kuratoren auch, die aktuellen Fragen des Glaubens und der Religion aufzunehmen, indem sie Kunstwerke heranziehen, die bei genauerer Betrachtung wenig mit dem Thema zu tun haben.
Wie gehen die Schweizer Ausstellungen vor? Den Verdacht der Beliebigkeit in der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler bestätigen sowohl „Gott sehen“ wie auch „Choosing my Religion“ im Kunstmuseum Thun nicht. Die ganz großen Namen wurden bei beiden Ausstellungen zu Gunsten von Künstlerinnen und Künstlern weggelassen, die sich seit längerer Zeit mit dem Thema Glauben auseinandersetzen. Dorothee Mesmer, Kuratorin der Ittinger Ausstellung, wählte zudem nur einen Teil der Werke selber aus und ließ bei anderen den Künstlerinnen und Künstlern freie Hand. Dies ist zwar keine Garantie für eine gelungene Umsetzung, ist jedoch der Illustration einer kuratorischen These allemal vorzuziehen. Problematisch gestaltete sich dabei jedoch, dass man Arbeiten thematisierte, die das Göttliche zu visualisieren versuchten. Zudem in einem Gebäude, das durch seine Geschichte als ehemalige Kartause auch nicht ganz neutral ist. So kam man nicht umhin zu vermuten, dass der Entscheid, Werke von Hans Thomann, Mitglied der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft, dem buddhistische Mönch Markus Getzner, Daniel Gallmann und Konstantin Khudjakov (dessen Christus-Antlitze eng an der Grenze zum Kitsch sind, wie die Kuratorin im Katalog selber eingestand) zu zeigen, eine Konzession an die Umgebung war. Welche Erkenntnis vermitteln uns denn solche Arbeiten außer der, dass es immer noch Künstler gibt, die Spiritualität in Bildern auszudrücken versuchen und das – mit Verlaub – mit nicht immer ganz überzeugenden Vorschlägen? Sagen sie uns wirklich etwas darüber, was Religion in der heutigen Gesellschaft bedeutet?
„Choosing my Religion“ im Kunstmuseum Thun will genau das: Nicht die Visualisierung des Göttlichen steht im Vordergrund, sondern es werde, so kann man in der begleitenden Broschüre lesen, „der Schnittstelle zwischen dem Religiösen und dem Gesellschaftlichen nachgespürt“. Der Titel – eine Abwandlung des Songs „Losing my Religion“ der amerikanischen Rockgruppe REM – spricht ein Phänomen an, das in der heutigen westlichen Gesellschaft weit verbreitet ist. Längst ist man nicht mehr einfach entweder katholisch oder protestantisch, sondern die Religion, der Glaube kann gewählt und gewechselt werden, wobei auch nicht-westliche Religionen, Esoterik und andere Ersatzreligionen zum Zug kommen.
Dass dabei manchmal ehemals christlich konnotierte Symbole verwendet werden zeigen Sisley Xhafa und Adel Abdessemed im zweiten Raum der Thuner Ausstellung. Sie lassen goldene Kreuze und Mariendarstellungen von der Decke baumeln. Man glaubt sich an einem – wenn auch unorthodoxen – christlichen Ort, muss jedoch feststellen, dass dieser Schmuck keine sakrale Funktion hat. Im Gegenteil, es handelt sich um Schmuck aus der Hip-Hopper-Szene. Einerseits wird so die Profanierung der Symbole aufgedeckt, andererseits darauf hingewiesen, dass sich die Bedeutung eigentlich nur verschoben hat. Nicht das Christentum ist hier mehr Religion, sondern die Lebensart des Hip Hop.
Thomas Bayrle , der sich mit Massenmedien bestens auskennt, lenkt mit Madonna Mercedes das Augenmerk auf die Ersatzreligion Konsum. Er benutzt die Form einer christlichen Ikone, um sie mit fotokopierten Mercedes-Abbildungen aufzufüllen und uns so die moderne Ikone Auto vor Augen zu führen. Der Ägypter Wael Shawky lässt die beiden Gegensätze Konsum und Religion aufeinanderprallen, indem er in der Art eines Newsreporters durch ein Warenhaus läuft, jedoch keine Nachrichten ins Mikrofon spricht, sondern eine Sure aus dem Koran rezitiert. Und der Thuner Künstler Dominik Stauch erlaubt sich ein ironisches Spiel mit Fotografien seiner „Aura“, die er zu einem Video zusammensetzte und mit psychedelisch angehauchter Musik unterlegte.
Die Französin Valérie Mréjen, die sich in ihrem künstlerischen Schaffen mit dem Dokumentieren alltäglicher Begebenheiten befasst, zeigt anhand zweier Videos, wie unterschiedlich Glauben heutzutage aufgefasst werden kann. Einerseits lässt sie Italienerinnen und Italiener zu Wort kommen, die der Künstlerin ihre ganz privaten spirituellen Erfahrungen im Alltag erzählen. Bei der anderen Arbeit lauscht man den Berichten ehemaliger ultra-orthodoxer Juden, wie sie zu ihrem Erstaunen und grossen Erleichterung nach ihrem Bruch mit den religiösen Gesetzen von Gott nicht bestraft wurden. Es geht also einerseits um die kleinen spirituellen Fluchten, andererseits darum, dass man die Religion ablegen oder wechseln kann, denn sie ist vom Menschen gemacht.
Nicht überall jedoch kann man die Religion frei wählen. Der im Berliner Kreuzberg der 1960er Jahre sozialisierte Olaf Metzel ist mit seiner Arbeit Turkish Delight vertreten, der Bronzeskulptur einer nackten klassizistischen Frauengestalt mit Schleier. Sie thematisiert einerseits das Bild der islamischen Frau in ihrer eigenen, aber auch der westlichen Kultur – hier verschleiert, da erotisiert. Der Engländer Mark Wallinger, der sich seit Jahren mit Glaubensdingen beschäftigt und in Thun mit drei Werken vertreten ist, behandelt die Frage der gesellschaftlichen Konstruktion von Religion in Passport Control. Obwohl schon 1988 entstanden, ist die Arbeit von höchster Aktualität. Sechsmal ist sein Gesicht frontal in der Form eines Passfotos zu sehen, sechsmal hat er das Bild mit Filzstift sehr krude bearbeitet und doch glauben wir, sechs verschiedenen Personen gegenüberzustehen, wenn der Künstler einmal als Afrikaner, als Asiate, Araber, Inder, Jude und Europäer erscheint. So einfach lassen wir uns von der Oberfläche blenden, gerade so schnell wird aber auch kategorisiert.
Um Bilder und die ihnen zugeschriebene Bedeutung geht es auch Paul Pfeiffer. Morning after the Deluge ist das Video eines Sonnenaufgangs über dem Meer, der Himmel erstrahlt in glühend roter Farbe. Schön, überwältigend, göttlich – so klingt vielleicht die erste Reaktion des Besuchers, denn die romantische Konditionierung im Anblick eines Naturschauspiels greift noch immer. Nur ist es in diesem Fall keine einfache Visualisierung des Göttlichen (auch wenn der Broschürentext dies leider nahe legt), denn das Bild ist am Bildschirm konstruiert. Der Künstler reflektiert mit seinem Werk einerseits unsere mediale Konditionierung, aber auch unser Bedürfnis nach Spiritualität.
Zum Glück – fast möchte man sagen „Gott sei Dank“ – hat Madeleine Schuppli ihre Ausstellung mit Werken von Künstlern bestückt, die sich, wie sie selber schreibt, „auf einer Metaebene mit der Religion (beschäftigen), indem sie ihr/unser Verhältnis dazu befragen“. Was den meisten von ihnen gelingt. Obwohl vielleicht James Hopkins Salvation Lies Within – eine auf einem Lesepult ruhende Bibel, auf der ein aus ihrem Innern geschnittener Revolver liegt – ein etwas zu plumper Witz auf das Gewaltpotential von Religionen ist. Und Sisley Xhafas Fresh Breeze – ein Vorhang aus den zusammengenähten Kopftüchern einer Nonne und einer Muslimin – doch einen eher naiv anmutenden Versuch der Versöhnung der Religionen darstellt, der nicht an die Ambivalenz von Wallingers A ist für Alles herankommt. Seine Freudsche Couch mitsamt dazugehörigem (Miss)klang des sich stimmenden, von Daniel Barenboim zur Versöhnung der Religionen gegründeten, sich aus Israelis und Palästinensern zusammensetzenden „East/Western Divan Orchestras“ besitzt die wohltuende offene Ambivalenz, mit der die Frage der Religion angegangen werden kann.
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