11. Dezember 2007
Von JFK runter nach MIA saßen am letzten Dienstag der Kunsthändler Alexander Apsis, Art & Auction-Reporter Judd Tully, der Wall Street Journal-Reporter Kelly Crow und die Künstler Gedi Sibony, Daniel Davidson und Tricia Keightley mit mir im Flugzeug. Alle flogen Economy. Später am Gate stand ein Limousinen-Chauffeur und hielt sein Schild in die Luft. Aufschrift: „Doug Aitken“.
Während ich meinen Leihwagen, einen knolligen weißen Chrysler Sebring, über den so genannten „Dolphin Expressway“ vom Flughafen nach Miami Beach steuerte, begann der Verkehr plötzlich zu stocken, Ein Auffahrunfall, noch frisch, überall Glas und Einzelteile auf die Straße gestreut, während die Autos sich um die beiden Autowracks wanden und in einem davon noch der Fahrer saß und in sein Mobiltelefon redete. Eine hilfreiche Warnung ist immer am Platz: Augen auf im Straßenverkehr!
Ich bin im Avalon Hotel am Ocean Drive Ecke Seventh Street abgestiegen, fast Tür an Tür mit einem öffentlichem Parkhaus (14 Dollar für 24 Stunden) und direkt neben dem besten cubanischen Restaurant von South Beach. Einige Zimmer sehen direkt aufs Meer, meines geht aber nach hinten raus und ist friedvoll und schön. Das Avalon ist zwar für einen Fußmarsch zum Hauptsitz der Art Basel Miami Beach im Miami Beach Convention Center und den ganzen Party-Hotels oben an der 16th Street zu weit, – aber die Obstschale mit den Golden Delicious in der Lobby ist ein echter Pluspunkt.
Als erstes ist die offizielle Welcoming-Party der Art Basel Miami Beach im Delano Hotel an der Reihe, bemerkenswert hauptsächlich wegen des Spaliers szeneschwarz gewandeter, ohrgoldbehängter und tiefausgeschnittener Models, von denen das Publikum empfangen wurde. Draußen am Pool ein Buffet mit spanischer Live-Musik und gegrilltem Fleisch.
Ich verlasse die Party gerade, als ich mit Michael Rush, dem Direktor des Rose Arts Museums an der Brandeis University, zusammenstoße, der gerade seinen Sunset at Sea (1911) von Childe Hassam für 3,7 Mio. US$ verkauft hat. „Es war ein wunderbares Bild, vollkommen einzigartig,“ sagte er. „Nur nicht mehr ganz im Takt unserer Sammlung.“ Rush ist nicht nur hier, um potenzielle Neuakquisitionen ins Visier zu nehmen, sondern mehr noch, um seine Art Radio WPS1-Talk-Show unter dem Titel „Rush Interactive“ zu moderieren. Er sagte, er wolle sich Eli Sudbrack von assume vivid astro focus für ein Interview greifen.
Draußen erzählte uns der weitwandernde Kurator Peter Doroshenko, er kehre dem Baltic Centre for Contemporary Art in Gateshead, oben an der nordöstlichen Küste Englands, nach drei Jahren den Rücken und sei schon nach Kiev gezogen, um dort das Pinchuk Art Centre zu leiten. Das wurde im September 2006 von Victor Pinchuk, dem ukrainischen Stahl-Milliardär aus der Taufe gehoben, der ganz offensichtlich vom Kunst-Virus befallen war. Das Centre zeigt momentan eine Avantgarde-Ausstellung mit dem Titel „Reflection“, in der Arbeiten von Andreas Gursky, Damien Hirst, Jeff Koons und Takashi Murakami nebst einem Glas-Raum von Antony Gormley namens Blind Light gezeigt werden, letzter dramatisch von undurchdringlichem Wasserdampf eingenommen ( und jetzt auch in New York bei Sean Kelly zu sehen).
Hat Pinchuk das Hanging Heart von Jeff Koons für 23,5 Mio. US$ bei Sotheby´s gekauft oder vielleicht sein Diamond (Blue) für 11,8 US$ bei Christie´s? „Er hätte können,“ sagt Doroshenko wortkarg. „Er mag Koons.“
Weiter oben I-95 auf der NW 125th Street liegt das Museum of Contemporary Art, North Miami, das gerade „House“ eröffnet hat und bis zum März 2008 zeigen wird, die erste amerkanische Museums-Werkschau des in L.A. ansässigen Jorge Pardo, der doch im Grunde ein Designer ist und CAD-CAM verwendet, um aufwändige Paravants, Möbelstücke, Leuchter, Lampen und sogar ganze Häuser aus Stahl, Holz-Komposit, Furnier und Plastik zu fertigen. Sein Empfindungsvermögen gleicht ein bißchen dem Charles und Ray Eames ergänzt um ein bisschen Jahrhundertmittemoderne und so, als ob man es digital aus dem All übertragen würde.
„House“ ist ziemlich interessant, soweit man das von Design-Shows überhaupt sagen kann. Großformatige Foto-Vergrößerungen von Pardos früheren Projekten reihen sich an den Wänden auf, und Objektinstallationen werden aus dieser Perspektive ausgespielt. Das Museum macht so einen eher „möblierten“ als installativen Eindruck. Pardos Spiders-from-Mars-Hängelampen sind ein echter Favorit, obwohl er auf die Wal-Mart Synthetikdecken und Schaumgummi-Kissen in seinen Schlafzimmer-Ensemble gut hätte verzichten dürfen.
Von all den schönen Previews am 4. Dezember war vielleicht NADA die beste Veranstaltung, für die ich aber leider keine Karten hatte, da sie exklusiv für das New Museum veranstaltet wurde, und wir bei Artnet nicht auf der A-Liste dieser unvermittelt gefragten Institution zu stehen. (Erinnert sich moch jemand an die Zeiten, als das New Museum ein Witz war? Damals war’s.)
Später erzählte mir die Chelsea-Händlerin Eliabeth Dee, sie habe auf der NADA-Gala so gute Geschäfet gemacht, dass selbst ihre eigenen Erwartungen noch übertroffen worden wären. Andere Händler, meinte sie, hätten nicht ganz soviel Erfolg gehabt. Vielleicht beginnt sich der sensationelle Buzz, der üblicherweise die New Art Dealers Alliance umgibt, schon zu verflüchtigen. Das ist wirklich nur eine rein subjektive Vermutung, also sollten wir sie später unbedingt persönlich überprüfen.
Stattdessen ging es aber weiter zum Pulse, das sich auf einem Gelände mit einem skulpturgefüllten Hof mit einem DJ eingeschlossen hatte und die Eröffnung rocken ließ. Als Hors d’oeuvres gab es unter anderem gegrillte Shrimps und frisch tranchierten Schinken und, als die Vorräte langsam knapp wurden, einen ziemlich innovativen Snack -- eine Scheibe Brie samit Klecks Avocado auf Kräcker.
Drinnen war die Atmosphäre entspannt, und die Leute amüsierten sich bestens. Bei Travesia Cuatro Arte Contemporaneo, einer meiner spanischen Lieblingsgalerien, zeigte die strahlende junge Mit-Besitzerin der Galerie, Ines Lopez-Quesada, stolz eine komödiantische Skulptur des jungen mexikanischen Künstlers José Dávila – die Version eines Donal Judd „stack piece“ aus Pappkartons. Komödiantisch heißt hier auf vollkommen minimalistische Art. Das Stück ist mit 14.000 US$ ausgezeichnet.
Welche Wunder hat die Postmoderne getan? Ich glaube, wir wissen es selbst jetzt noch nicht.
Ebenfalls im Pulse ist die Galleri Faurshou zu finden, die 1981 von Lise und Jens Faurshou in Kopenhagen eröffnet wurde und vor kurzem auch einen Ableger in Peking eröffnet hat, wo die Galerie eine Ausstellung älterer und neuerer Arbeiten von Robert Rauschenberg zeigt. Es ist die erste größere Ausstellung des Künstlers in China seit seiner „ROCI“-Ausstellung im National Art Museum of China im Jahr 1985. „Ältere chinesische Künstler erinnern sich noch immer an diese Ausstellung“, sagt Jens Faurshou.
Am Stand findet sich dann eine Pardo-artige Installation von dem in Kopenhagen ansässigen Künstler Erik A. Frandsen, komplett mit Plastik-Bodenfliesen in leuchtenden Farben, Wanddekorationen aus großflächigen Aluminium-Paneelenund einem abstrakten Neon-Kronleuchter, dessen Muster aus Sensordaten gebildet wurde, die den Künstler bei der Umarmung seiner Frau erfassen. Die Paneele kosten 13.000 US$ und der Leuchter 36.000 US$.
Am Stand der Monique Meloche Gallery aus Chicago wiederum hat der Künstler Rashid Johnson einen beeindruckenden Altar zum Thema "the Crisis of the Negro Intellectual“ aufgebaut. Ein großes Schwarz-Weiß-Foto von einem jungen Mann hängt an der Wand hinter einem niedrigen Tisch, auf dem mehrere schwarze, mit Gold betupfte Vasen, ein golden angemalter Steinbrocken und ein sich drehender, mit Gold bemalter Ball platziert sind.
„Ich habe mir W.E.B. Dubois’ ‘Talented Tenth’ vorgestellt, wenn man sie tatsächlich in eine Art Alchemisten-Kollektiv verwandeln würde“, erklärt Johnson. „Als ob die ‘Identity Politics‘ mir den Verstand herausktapultiert hätten . Der Altar stellt ja immerhin einen rotierenden goldenen Ball zur Schau.“ Er hat seine erste Ausstellung in New York in der Nicole Klagsbrun Gallery im nächsten Februar. Der Altar ist mit einem Preis von 10.000 US$ ein Schäppchen; das nebenstehende Foto kostet 8.500 US$.
Aber eigentlich war ich ja im Pulse, um der Geisai Miami zur Seite zu stehen, der Kunstmesse, die von Takashi Murakamis Kaikai Kiki Co. präsentiert wird und die 20 Künstler zeigt, die ihre jeweiligen Arbeiten in kleinen Ständen oberhalb der Pulse Fair ausstellen. Da ich im Gremium saß, das die Aussteller ausgesucht hat, war ich besonders glücklich darüber, dass die Künstler offenbar alle ihren Spaß zu hatten, auch wenn die Installation ein paar Probleme mit der Beleuchtung hatte. Murakami selbst war bis zum Schluss auf der Eröffnungsparty und tanzte zu House im Innenhof ab.
Zu diesem Zeitpunkt gab ich die Kontrolle über unsere Reiseroute an Macu Moran ab, einer überzeugungsstarken 30-jährigen Dame aus Madrid, die für Artnet arbeitet, und los ging‘s zum Moore Building in Miamis Design District auf der Suche nach einer Installation des in gebürtigen Mexikaners Carlos Amorales. Sie erwies sich als ein großer, irregulär geformter Raum mit einer Bar an einem Ende des Raumes, und Amorales – von dem zwei Ausstellungen bei Yves Lambert in New York laufen -- hatte seine Wände mit Schmetterlingen aus schwarzem Baupapier bedeckt, eine Arbeit hieß Black Cloud (2007).
Eher nach meinem Geschmack war da schon das Video im angrenzenden Raum, eine klirrende Montage aus Vogel-Silhouetten, Skeletten und Bildern von Gesichtern metaphorisierte sich in schneller Bewegung zu einem abstrakten -Soundtrack. Mir wurde gesagt, diese Installation koste 45.000 US$. „Er verfügt über einen äußerst passionierten Sammlerkreis“.
Während ich darauf wartete, dass der Rest meiner Truppe von der Toilettenpause wiederkehren möchte, wurde ich genötigt, eine Show mit dem Titel „French Kissin“ anzusehen, ebenfalls im Moore Space, und irgendwie eine Filmkonstrukt aus rückwärts laufenden Schwarzpulver-Explosionen, dargestellt vor einem schwarzen Hintergrund, so dass alles irgendwie nach universalem Urknall aussah. Das Ding ist von einem Künstler namens Loris Greaud, der ebenfalls von Yvon Lambert repräsentiert wird, und sich den Titel Illusion Is a Revolutionary Weapon ausgedacht hat (2007).
Unser nächster und dankenswerterweise letzter Halt war die Galerie Emmanuel Perrotin, ein zweistöckiges Gebäude im Wynwood Arts District, wo die Party schon schwer in Schwung war, mit Tanz im Garten Outback und allem, was dazu gehört. An der Bar gab es nur noch Tequila, also wurde es langsam lebhaft. In der Galerie finden sich kleine Fotografien des New Yorker Künstlers Peter Coffin aus Knete-Klümpchen. Sie liegen preislich eher bescheiden bei jeweils 800 US$, man muss jedoch gleich mindestens fünf Fotos erwerben – einige waren bereits mit roten Punkten markiert.
Am Ende dreht sich manchmal alles um die Flyer. Wenn man im Informationsgeschäft tätig ist, treten sowohl Fremde als auch Freunde an einen heran, die einem Einladungskarte aufzudrücken versuchen. Auf der Straße gab mir zum Beispiel ein Typ einen Ankündigungs-Zettel für etwas mit dem Namen A.N.E.W. Museum, auf dessen Präsenz an der 35 NE 40th Street im Design District hiermit hingewiesen sei.
Der unbezähmbare Juan Puntes von White Box in New York steckte mir eine Einladung zu, der zufolge er zusammen mit Ethan Cohen in einer Location namens ArtHaus Miami in der 1616 Drexel Avenue in Miami Beach ein Event organisiert hatte, das den Titel „Unfair `07“ trug. „Es ist kein Eurotrash, es ist Euroasiantrash“, sagte er, ohne vollständig ernst zu erscheinen.
Der Kunsthändler Daniel Hug aus Los Angeles erläuterte mir endlich mit einem Glas purem Tequila in der Hand das Lineup der nächsten Art L.A. im Januar 2008, für die er „beratend“ tätig war. Die Messe verspricht, 64 hippe Galerien (Fontana, Fuentes, GBE, Ishii, Koyama, Nagel, Painter, Perrotin, Regan Projects, Spaulings) zum Santa Monica Civic Auditorium Theater zu bringen, „einzig und allein, um eine gute Zeit zu haben und nicht mit dem elenden Markt herumdealen zu müssen.“ „Elend“ heißt in diesem Fall wohl mächtig
Und zu guter Letzt hat man mir dann noch einen Flyer unter meinen Scheibenwischer geklemmt. Er zeigt ein Kreuz, und auf dem Flyer steht: „I ain’t gonna ask ya."
Übersetzt von Eva Engels
Walter Robinson ist Chefredakteur der in New York beheimateten amerikanischen Ausgabe des artnet Magazins.
Treibjagd mit Waldkaninchen
von Walter Robinson
Wo aus Schinkenscheiben Zeichnungen gewonnen werden, helfen nur noch Hängematten unter Palmen – die Kunstjagd in Miami geht weiter.























