„Wakin Up Nights“, de Pury & Luxembourg, Zürich. Vom 17. Februar bis 24. März 2007
„Still on and non the wiser…“, Von der Heydt-Museum, Wuppertal. Vom 11. Februar bis 6. Mai 2007
Banksy kam nicht. Und doch denkt man unwillkürlich an ihn, wenn man von einer Graffiti-Ausstellung hört. Ah, richtig, Street Art! Erzielt die inzwischen nicht unglaublich hohe Preise bei Sotheby’s? Bekannt geworden ist der junge Brite mit Schablonenarbeiten. Die zeigen unter anderem knutschende Bobbys oder kleine Ratten mit einem Bohrer zwischen den Pfoten. Er hat aber auch van Goghs Sonnenblumen neu interpretiert. In seiner Version ist die blühende Pracht dahin, verwelkte Blätter liegen um die Vase, vier vertrocknete Stiele ragen traurig aus dem Tonkrug. „Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr“, sinnierte der holländische Meister einst. Straft ihn Graffitikunst Lügen? Ist Street Art die Blume der Straße? Rik Reinking beantwortet die Frage lachend: „Na, unbedingt! Das Schöne an Blumen ist, dass sie sich ja doch ihren Weg suchen und meistens sehr gut auf ihr Umfeld reagieren. Sie sind zwar für einige Leute störend, jene, die Unkraut jäten, aber andere finden es ganz reizvoll, wie etwas versprenkelt auftaucht und die glatte Oberfläche durchbricht.“
Der junge Hamburger Reinking ist für seinen Riecher in Sachen Kunst bekannt. Jetzt hat er zwei Street-Art-Ausstellungen kuratiert: „Still on and non the wiser…“ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum und „Wakin Up Nights“ in der Galerie de Pury & Luxembourg in Zürich. Beide Ausstellungen zeigen die gleichen elf Künstler: Herbert Baglione und die Zwillinge Os Gemeos aus Brasilien, die Deutschen Daim, Stohead, Tasek und Heiko Zahlmann, den bei München lebenden Engländer chinesischer Abstammung Daniel Man sowie Tilt, Miss Van und Zevs aus Frankreich.
Während die Künstler für die museale Ausstellung vorzugsweise direkt an der Wand arbeiteten, sind die Werke bei de Pury & Luxembourg meist in verkaufsfreundlicherem Maßstab und auf Leinwand oder ähnlich tragbaren Untergrund aufgezogen – was sicherlich zum bisherigen Erfolg der Ausstellung beitrug. Die zwei Bilder von Os Gemeos sind schon verkauft, die Installation in Form einer Gitarre reserviert (Ohne Titel, 2007, 45.000,- Euro). Das liquidated logo, ausblutendes Chanel-Menetekel von Zeuvs, in Dreier-Auflage, hat ebenfalls seine Käufer gefunden und auch bei Daniel Man sind die beiden Bilder Starbabe (2006) und Sometimes at Home (2006) schon nicht mehr zu haben, nur die Installation It’s Time (2007, 13.500,- Euro) kann noch erworben werden.
In der eigentlichen Unvereinbarkeit von Street Art und Galeriewesen liegt ein beliebter Kritikpunkt: Street Art, diese urbane Zeichensetzung, diese Rebellion gegen Reglementierung, gegen Konsumterror, dieser Schrei nach Freiheit gehört nicht in den Kontext von Museum oder Kunsthandel, erklären die Verfechter der Street Credibility, während empörte Kunstliebhaber das Werk von „Schmierfinken und Kleinkriminellen“ ebenfalls nicht institutionalisiert sehen wollen. Reinking selbst nennt es gar nicht Street Art: „Diese Ausstellung ist eben keine Graffitiausstellung, weil sie legal stattfindet. Es ist auch keine Street-Art-Ausstellung, weil sie im geschlossenen Raum und nicht auf der Straße stattfindet. ‚Beyond Graffiti’ ist das, was sich daraus entwickelt hat und in den letzten Jahren gelernt hat, sich von dem der Szene eigenen, eng gesetzten Vokabular zu emanzipieren. Es kennt seine Wurzeln, lässt aber auch neue Medien wie Fotografie und Video zu oder greift installativ in den Raum.“
Zumindest von offizieller Seite müssen die ausstellenden Künstler um die Aberkennung ihrer Street Credibility nicht fürchten. „In Wuppertal gab es Besucher am Eröffnungsabend, die auffällig unauffällig Zivilfahnder waren. Als sie hereinkamen hat es ungefähr eine Sekunde gedauert bis jedem klar war, was sie eigentlich dort wollten. Darum war an dem Abend offiziell keiner der Künstler da – und sie haben auch einen guten Grund. Das ist kein Spiel oder Witz. Da laufen tatsächlich offene Verfahren und die Leute werden gesucht“, erläutert Rik Reinking. Daniel Man präzisiert das Gesetz der Straße: „Es ist wie in allem ein Rotationsverfahren: Die Alten werden durch die Jüngeren ausgewechselt. Ich zähle mich zu den Alten, ich habe ja 1984 angefangen. Es ist so, dass die uns kennen, aber wir haben nicht mehr den ‚Street Flavor’, dieses Radikale ist ja bei uns eigentlich draußen. Die Szene ist sehr komplex, jeder Sprüher hat seine Vorlieben, ob er eher im Illegalen tätig ist oder im Legalen. Es gibt manche, die machen beides – und nicht einmal die Sprüher untereinander wissen das.“
Alle elf Künstler waren für die Ausstellungsvorbereitungen in Wuppertal und Zürich gemeinsam vor Ort. Diese Konstellation weckte wohl ähnlichen kompetitiven Elan wie das frühere nächtliche Nebeneinander: „Eigentlich sollten die zwei Leinwände ganz klassisch nebeneinander präsentiert werden. Ich habe erst in der Galerie gesehen, dass der Ort etwas komplett anderes schafft. Und so kam ich darauf, meine Arbeiten mit der Installation von Os Gemeos zu verknüpfen. Ich habe sehr schnell gesehen, dass sie den Raum dominierten. Ich merkte plötzlich, dass meine Arbeit nur so hinpasst. Das ist dann wie draußen, wenn wir zusammen an der Wand malen. Man will sich gegenseitig anspornen“, erklärt Daniel Man den Aufbau seiner Komposition von fast subaquatischer Bildsprache. Es ist eine Wandmalerei, die ein schwarzes Holzbrett einbettet und mit zwei krakenartigen Armen je ein Acrylbild links und rechts umfasst, während zwischen Brett und einem gekippten, nussschalenähnlichen Bodenobjekt Nylonfäden gespannt sind.
Ein paar Meter weiter heißen die Bubble Girls (1.700,- Euro je Foto) von Tilt das Ausstellungspublikum willkommen. Zu nonchalant, um sexistisch zu sein, präsentieren seine Fotografien freizügige und bestens gelaunte junge Damen in oder auch ohne Unterwäsche. Der Franzose war und ist Mitglied der Graffitiszene, hat aber mit der Fotografie ein neues Medium gefunden. Neonfarbene Arabesken überziehen die Körper und geben noch einen leisen Hinweis auf die Verwendung von Tags. Im nächsten Raum erstreckt sich der Namenszug des Künstlers Daim über mehrere Meter der Galerie, saugt einen ein, lässt einen schwindlig werden in seiner Dynamik, seiner technischen Akkuratesse und dem Illusionismus seines weit auskragenden, verschränkten architektonischen Aufbaus. Für 35.000,- Euro kann man mit diesem Wandgemälde die eigene Hauswand schmücken.
Vielleicht ist das überhaupt die beste Idee, wenn man vermeiden möchte, in die Finger von Graffiti-Dilettanten zu geraten. Es gibt unter Sprühern den Ehrenkodex, meisterhaft gesprühte Tags und Pieces nicht zu entstellen. Street Art als Schutz der Fassaden. Oder man nutzt die Macht des „Z-Onite“ des Künstlers Zevs: Dieser ca. 40 Zentimeter hohe Gegenstand, der durch das Licht, das aus seinem Stahlsockel dringt, das ins Metall gefräste Logo des Künstlers grün aufglühen lässt, muss nur auf den Boden vor das Zeichen von Chanel, Coca Cola oder McDonald’s gestellt werden, um es zu zersetzen. Die Farbe wird durch „Z-Onite“ verflüssigt und rinnt die Wand entlang, um irgendwann ein glattes, sauberes Stück Wand zu hinterlassen. Der Konsumkritiker Zeuvs setzt „Z-Onite“ zwar nur gegen Werbe-Ikonen ein, doch was die Stadtreinigung damit machen würde, wäre schließlich ihre eigene Sache.

















