„Sonambiente – Festival für Hören und Sehen“, Berlin. Bis zum 16. Juli 2006.
Programm unter www.sonambiente.net
Um die Musik zu hören wird Flash Player benötigt.
Alle Tonaufnahmen von Isaac Bigsby Trogdon
Das mit einem groß angelegten Programm versehene Eröffnungswochenende des Festivals „sonambiente“ bot einen breiten Überblick über den Stand der Klangkunst. Die Fülle der Positionen war dabei so vielfältig, wie der weite Begriff „Klangkunst“ vermuten lässt. Viele der im Rahmen des Festivals erlebbaren Arbeiten befassen sich mit Klang auf der Ebene des Materials und auf der Ebene seines Stattfindens im (öffentlichen) Raum. So ist etwa Helen Mirras Green Break eine fast nicht wahrnehmbare Klanginstallation ohne visuelle Entsprechung im U-Bahnhof Klosterstrasse. Nur hörbar, wenn kein Verkehr ist, schärfen die artifiziellen, künstlich dem Alltagsraum zugeführten Töne das Ohr für die übliche Klangkulisse eines Bahnhofs. Nach ähnlichem Muster verfährt auch Achim Wollscheids inlet outlet in der ehemaligen Polnischen Botschaft Unter den Linden. Dabei werden über ein Tracking-System die Bewegungen der Besucher im Raum erfasst und koordinieren ein automatisches Öffnen und Schließen der Fenster zur Straße hin, so dass der Lärm der Stadt in unterschiedlichen Intensitäten und in Abhängigkeit von der Position der Besucherin oder des Besuchers zu hören ist.
Dieser Ansatz scheint paradigmatisch für das Genre der Klangkunst zu sein: eine fast schon an Obsession grenzende Fokussierung auf Interaktivität und Wahrnehmungsphänomene und darauf, die Umwelt in ihrer Klanglichkeit hörbar zu machen in Abhängigkeit vom Publikum und seinen Hörgewohnheiten. Damit stellt sich die Klangkunst, wie sie sich bei „sonambiente“ zumindest der Tendenz nach präsentiert, doch ein wenig zu radikal in die Tradition des von John Cage aufgestellten Paradigmas, „die Stille hörbar zu machen“ und den Klang aus seinem alten Korsett des Musikalischen zu emanzipieren. Eigentlich sollte langsam doch etwas anderes her, als ständig auf die Bedingungen des Stattfindens, die Echtzeit der Produktion und die Beschränkungen der Rezeption zu verweisen. Es scheint fast, als hätte Cage der Klangkunst mit 4’33 zwar einen Gründungsmoment gegeben, sie aber auch mit einer Vaterfigur ausgestattet, an der sie sich immer noch abarbeitet und die zu überwinden ihr nicht möglich ist.
Doch es gibt auch andere Positionen, die sich eher am Rand des von „sonambiente“ bespielten Feldes ansiedeln. Sie versteifen sich nicht auf Klang in seiner Materialität, sondern wenden sich der Musik in ihren sozialen, politischen und Identität stiftenden Funktionen zu. Diese Grenzpositionen, deren Anliegen sich nicht in einer Emanzipation des Klangs erschöpft, gehen dabei viel selbstverständlicher mit den medialen Mischformen von Klang, Bild und Installation um. Joanna Dudley beispielsweise kreiert in einem engen Holzverschlag mit Leierkastenbändern und Plattenspielern einen Erinnerungsraum für ihren verstorbenen Großvater: Tom’s Song. Die verschiedenen Klangspeichermedien spielen immer und immer wieder verschiedene Tonspuren des letzten Liedes ab, dass Tom Dudley seiner Enkelin vor seinem Tod auf Tonband zukommen ließ. Das letzte Lied, das er selbst noch erinnern und spielen konnte, wird in dieser sehr persönlichen Arbeit zum Sinnbild des Verlusts wie auch zum Träger von Erinnerungen.
Noch einen entscheidenden Schritt weiter geht Artur Zmijewskis beeindruckendes Video Our Songbook in der polnischen Botschaft Unter den Linden. Zmijewski bat in einem Altersheim in Tel Aviv nach Israel geflüchtete polnische Juden, sich an Lieder ihrer Jugend oder Heimatlieder zu erinnern und sie für ihn vor der Kamera zu singen. Das Ergebnis ist ein beklemmendes Dokument des Verlusts, in dem Musik sichtbar als Gedächtnis fungiert und das Verlorene wieder-holt. Wo einigen der alten Menschen die Worte fehlen, ist nicht klar, ob sie nicht mehr weiter wissen, weil sie den Text vergessen haben, oder ob sie nicht mehr weiter können, weil sie den Text nicht über die Lippen bringen. Die Gedächtnislücken der Erinnernden werden ununterscheidbar von der Nicht-Sagbarkeit des Traumatischen. Was bleibt, sind gesummte Melodien, vom Text beraubte tonale Ruinen der Erinnerung, gezeichnet von der Unbegreiflichkeit des Verlusts von Heimat, von Identität, aber auch des Gedächtnisses selbst. Was bleibt, stiften hier nicht die Dichter, sondern alte Volkslieder und Hymnen.
Weiterhin sehens- und hörenswert sind Candice Breitz’ Legend (A Tribute to Bob Marley) im Hanseatenweg wie auch Janet Cardiffs und George BuresMillers Opera for a small room in der Akademie der Künste am Pariser Platz. Beide Arbeiten thematisieren den Aspekt von Identität innerhalb der Musik. Breitz’ Arbeit besteht aus dreißig Bildschirmen, auf denen jeweils eine Person aus Kingston das Album „Legend“ von Bob Marley neu einspielt. Zusammengenommen ergibt sich der Eindruck einer Laien-Gesangstruppe, aus deren Kakophonie sich dann und wann ein beinahe chorales Zusammenklingen erhebt und gleichsam die Stimme Bob Marleys den Einwohnern Jamaikas zurückgibt. Cardiff/Miller hingegen zeigen mit ihrem Nachbau eines Musikraums, dessen Plattensammlung sie in einem Secondhand-Laden erstanden haben, die Außenseiterposition eines Opernfans in der kanadischen Provinz. Musik wird zum Träger von Distinktion, die allerdings erst in der Abgeschlossenheit des Privatraums möglich wird.
Im „laboratorium“, dem Ausstellungsort der Nachwuchskünstler im Allianzgebäude am Ostbahnhof, sticht die Arbeit Flötz Tauentzien von Denise Ritter heraus. Aus etwa zehn Lautsprechern, die wie Blöcke aus dem Boden ragen und ein begehbares Feld konstruieren, dringen dumpfe Bergarbeitergeräusche. Ritter schafft mit dieser einfachen und schlichten Arbeit etwas, das keiner anderen der gezeigten Positionen nicht gelingt: Sie holt die Geräusche des Industriellen in die Klangkunst zurück, macht die Arbeit als „Abwesendes“ hörbar und nimmt damit Bezug auf Luigi Russolo, einen der Urväter der künstlerischen Auseinandersetzung mit Klang im Gegensatz zur Musik.
Die Eröffnung der Ausstellung wurde von diversen Konzerten und Live-Performances begleitet. Ein Höhepunkt war zweifellos das Screening mehrerer Videoarbeiten von Nina Fischer und Maroan el Sani unter dem Titel Radio Solaris. Erinnerungen an die Zukunft, dazu die Livemusik von Robert Lippok. Fischer/el Sani zeigten neben ihrer neuesten Arbeit „Toute la mémoire du monde – Alles Wissen dieser Welt“ ihre Adaption von Andrej Tarkowskijs Film Solaris von 2004, Radio Solaris / -273,15°C = 0 Kelvin, gedreht in den leer stehenden Rundfunkstudios der DDR. Gemeinsam mit dem Soundtrack entwickelten die langsamen Kamerafahrten einen suggestiven Sog und eine Spannung, die vielen der anderen Arbeiten des Festivals fehlt. Klang findet hier eher im Vorbeigehen statt, als eine Untermalung, auf die die Bilder allerdings nicht verzichten können. Die Synergieeffekte, die dabei freigesetzt werden, übertreffen andere, um eine Emanzipation von Klang bemühte Positionen um Längen.
Zwar scheint die Überwindung der Musik im Klang so etwas wie die sine qua non der Klangkunst zu sein, doch finden sich letztlich die interessantesten Statements gerade in den Werken, die nicht vordergründig dieser Tradition verhaftet bleiben. Ist die Fixierung auf den Klang in seinem Stattfinden erst einmal beiseite gelassen, die Abgrenzung gegenüber der Musik überwunden, so zeigt sich hinter dem Primat der real-time eine andere Zeitdimension, ein anderer Umgang mit dem „Hörbarmachen der Stille“, eine andere Fassung der Leerstelle und Musik wird zum Anker des Gedächtnisses, zum Speicher für Erinnerungen.





















