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Carsten Höller und Fischli & Weiss in der Tate Modern, London

Guter Rutsch

Bettina Krogemann

19. Oktober 2006 

„The Unilever Series: Carsten Höller.Test Site“, Tate Modern, London. 10. Oktober 2006 bis 9. April 2007

„Peter Fischli & David Weiss. Flowers & Questions. A Retrospective“, Tate Modern, London. 11. Oktober 2006 bis 14. Januar 2007

Der britische Humor kennt keine Grenzen, das wissen wir ja. Und in Sachen Kunst macht er schon vor gar nichts Halt, warum denn auch? Wer diese lockere und innovationsfreudige Einstellung der Briten live erleben möchte, sollte die Tate Modern in London aufsuchen, wo fünf Installationen von Carsten Höller und eine Ausstellung des Schweizer Künstlerduos Fischli & Weiss zu sehen und zu erleben sind.

Installationen. Wir kennen sie. Meistens sind sie intellektuell überfrachtet, man sucht nach einem Überbau, um sie erfassen und textlich darzustellen zu können. Oft haftet ihnen so etwas, ja geben wir es einmal zu, Mühsames an. Ganz anders ist die Kunst von Carsten Höller. Seine Installation Test Site bietet erst einmal Spaß – und zwar für alle Altersgruppen. Fünf riesige Rutschen sind über die imposante, von Herzog & de Meuron gestaltete Turbinenhalle nach Höllers Entwürfen aufgebaut worden. Die Installation gehört zu der Reihe von Kunstprojekten, die durch das englische Unternehmen Unilever gesponsert und jährlich einmal ausgewählt werden, um die riesige Ausstellungsarchitektur mit Kunst zu bespielen. Carsten Höller übernimmt 2006 diesen Part und steht damit in der Tradition großer Zeitgenossen, darunter Louise Bourgeois, Anish Kapoor, Olafur Eliasson, Bruce Nauman und Rachel Whiteread.

Der deutsche Künstler Carsten Höller wurde 1961 in Brüssel geboren und lebt heute in Stockholm. In seiner Generation gehört er zu den wichtigsten Vertretern einer Kunst, die zwischen konzeptionellen Ideen zu Skulptur, Architektur und urbanistischem Design und deren Umsetzung ins reale Leben angesiedelt ist. Setzt Höller seine Ideen um, so geht er vorzugsweise ins Großformat, wie bei Test Site für die Tate Modern. Die Installation besteht aus fünf Rutschen, die auf drei Stockwerken der Halle ihren Ausgangspunkt haben. Die größte von ihnen ist über 55 Meter lang und überbrückt einen Höhenunterschied von 26,5 Metern. Alle fünf Rutschen wurden aus handgeschmiedetem Stahl hergestellt, durchlaufende transparente Plexiglaskappen schließen sie nach oben hin ab. Nach dem Abbau der Installation können alle verwendeten Materialien recycelt werden. Das Thema Umweltschutz und verantwortungsvoller Umgang mit Energieressourcen ist vor der Realisierung also auch bedacht worden.

Test Site ist, wie der Name schon andeutet, eine experimentelle Baustelle, die Rutschen fasst der Künstler als Skulpturen zu Forschungszwecken für größere städtebauliche Projekte auf. Höller definiert generell vieles Althergebrachte neu. Die Aufgabe von Museen sieht er – anders als die Geschichte es bislang tat – nicht mehr im Sammeln und Bewahren von Kunst, vielmehr sind sie für ihn ein wichtiges Laboratorium, um im Kleinen zu probieren, was außerhalb noch größere Dimensionen im alltäglichen Leben annehmen könnte. Höllers Rutschen sind die Basis eines urbanistischen Konzepts, in dem sie einen wesentlichen Teil der Fortbewegung von Menschen übernehmen sollen. Eine ganze Stadt oder ein großes Architekturareal soll davon in der Zukunft Gebrauch machen können.

Das Potential von Rutschen schien Höller bisher nicht ausreichend ausgeschöpft zu sein, zu gerne reduziert man sie auf ihre Funktion als Kinderspielzeug oder etwa als Notausgang in Flugzeugen. Dabei können sie die gleichen Aufgaben übernehmen wie Rolltreppen, Fahrstühle und Treppen, sind aber kostengünstiger und leichter zu bauen. Als echtes humanistisches Plus verändern sie das emotionale Leben des Menschen. Wenn dieser nämlich das Rutschen ausübt, was ihm – so zeigt es jedenfalls derzeit die Schau in der Tate Modern – offensichtlich großen Spaß macht, lebt er in diesem Moment intensiver und erfüllter. Nach Höllers schwungvollem Konzept gibt es im Kleinen schon Nachfrage. Die italienische Modeunternehmerin Miuccia Prada ließ sich eine Rutsche von Höller entwerfen, auf der sie von Ihrem Büro genau zum Parkplatz ihres Autos gleiten kann. Über weitere Anfragen ist nichts bekannt.

Auch in der Retrospektive des seit den 1970er Jahren aktiven schweizerischen Künstlerduos Fischli & Weiss gibt es für das Publikum viel Amüsantes zu sehen. In elf Räumen zeigt die Ausstellung „Flowers & Questions“ frühe Skulpturen und „iconic films“ der beiden, die gleich alles grundlegend in Frage stellen. Es ist schon seltsam, wenn einem bewusst wird, in was für einer Welt von Absurditäten, Täuschungen und unsichtbar Existierendem wir leben und was unser Leben bestimmt, ohne dass wir es überhaupt wahrnehmen. Die auf elf Räume verteilten, geschlossen aufzunehmenden Werkgruppen von Fischli & Weiss bringen dieses Phänomen exemplarisch auf den Punkt. Im ersten Raum stehen schwarze Baumwurzeln in bizarren Formen, die auf das Jahr 2005 datiert sind. Schön, denkt man, es geht doch nichts über die Wunder und Formen der Natur und muss dann feststellen, dass sie aus Gummi gegossen sind. Das vermeintliche Fundstück der Natur wird blitzschnell zum profanen Material industrieller Massenwaren und sexueller Fetisch-Utensilien. Da geht man doch lieber gleich weiter.

Der zweite Raum wartet mit extremen Gegensätzen auf. Die treffen sich aber diesmal nicht in einem Objekt, sondern im Arrangement vieler Farbfotografien, die seit den 1980er Jahren entstanden sind. Großformatige Fotografien mit Aufnahmen von Flughäfen stehen hier ganz lyrischen, mehrfach belichteten C-Prints mit Blumen, Pilzen, Wiesen und Sonnenuntergängen gegenüber. Gewaltige Gegensätze – und doch liegt alles Gezeigte in einer einzigen Welt, deren Wesen in der Ausstellung weiter erkundet und doch nicht vollkommen erfasst werden kann, denn: Zu jedem Stück wird auch immer gleich ein gegenteiliges gezeigt, auf ein Ja also immer gleich auch ein Nein gegeben.

Auch der Höhepunkt der Schau – Raum drei – gibt dieses Prinzip nicht auf. Dort hängt die Serie „Sausage Photographs“ von 1979. Darin werden ganze Welten aus Würstchen und Wurstscheiben oder billigen Haushaltgegenständen geschaffen. In dem Foto Fashion Show sind halbierte, in Wurstscheiben gehüllte Würstchen als Models auf dem Laufsteg arrangiert. The Accident zeigt eine Autounfallszene mit zwei frontal aufeinander geprallten Würsten, Zigarettenkippen darum herum markieren die Schaulustigen, die sich bei solchen Ereignissen gerne ansammeln und so überflüssig sind, wie ihre achtlos fort geschnippten Stellvertreter. Die Kulisse für das Landschaftsfoto In den Bergen bauten Fischli & Weiss aus Kopfkissen und Bettzeug. Darin stehen wieder Zigarettenkippen als Menschen und Architekturen aus wurstigem Zeug. 80 kleinformatige Skulpturen aus ungebranntem Ton aus der Serie „Suddenly this overview“ von 1980 wurden mit dieser frühen Fotoserie kombiniert. Mit den Figuren schuf das Duo ein kleines persönliches Weltmodell wichtiger und unwichtiger historischer Ereignisse in naiv-gegenständlichen Darstellungen aus den Bereichen Technik und Märchen, Film und Sport, Religionsgeschichte und Sex, Kommerz und Natur, Geschichte und Unterhaltung. Der Kosmos lässt nicht viel aus. Ein spießiges Schlafzimmer, in dem das Paar brav getrennt eingeschlafen ist, trägt den Titel Herr und Frau Einstein, kurz nachdem sie ihren Sohn, das Genie Albert, gezeugt haben. Die banale Umsetzung des Themas mag der reellen Gegebenheit sicher nahe kommen, kratzt aber ganz schön am Image des gefeierten Jahrhundertgenies, das mit der Beschreibung seiner Zeugung doch kräftig vom Sockel getreten wird.

Komik pur und nicht weniger relativierend ist auch die Arbeit Mick Jagger und Brian Jones going home satisfied after composing „I can´t get no satisfaction“. Fischli & Weiss zeigen auch hier den Widerspruch auf, dessen wahrer Kern ja sowieso auf der Hand liegt. Weiter und weiter geht es durch Räume, in denen Arbeiten der beiden in unterschiedlichen Medien gezeigt werden. In Filmen, Diashows, Skulpturen und Installationen beleuchten sie immer wieder das große Thema: die Frage nach der Realität. Zum Schluss der Ausstellung ist man nicht nur zufrieden amüsiert, sondern auch den üblichen Kategorien des Lebens entrückt. Schließlich steckt in allem das Banale und Olympische zugleich und nichts ist, wie es scheint – oder doch? Wer weiß es? Die Antworten werden hier nicht gegeben, sondern nur die Fragen gestellt.

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