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Academia Qui es-tu? In der Ecole des
Beaux Arts, Paris

Die Eleganz des Detaillisten

Daniel Kletke

23. Oktober 2008 

Academia Qui es-tu? Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Paris, Frankreich. 10. September bis 23. November 2008.

Regelmäßige Besucher eher traditioneller Kunstmessen sind vielleicht nicht unbedingt mit dem Namen Axel Vervoordt vertraut, erinnern sich aber gewiss an seine stets umwerfenden Stände, in denen sich globale Kunst und Kultur aus allen Epochen zum Wohlfühlambiente versammeln. Einem in Form, Farbe, Preis und Stil disparaten Angebot ermöglicht der soigniert-distinguierte Händler ungewöhnliche bis unmöglich erscheinende Konversationen der Objekte. Dass dabei über Preise ebenso geschwiegen wird wie über Provenienzen, mag dem Umstand geschuldet sein, dass manches gedruckte Faktum einer gewissen Atmosphärik eher abträglich ist. Ein Regisseur ist der Kaufmann Vervoordt, dem man gut und gern die kuratorische Betreuung der einen oder anderen Gegenwartskunstausstellung übertragen wollte. Konsequenterweise ist nun genau dies geschehen. Wie bei einem zeitgenössischen Atelierrundgang, bei dem Kunstakademien ihre Türen der staunenden Öffentlichkeit öffnen, findet in der Kapelle der Pariser Ecole des Beaux Arts noch bis zum 23. November ein vermutlich einzigartiges cross over statt. Dort hat der in Brüssel ansässige Vervoordt eine exquisite Auswahl seiner Ware inmitten der akademieeigenen Sammlung aus Gipsen und Kopien der berühmtesten Gemälde der Welt installiert und lädt zu einem Rundgang der ganz besonderen Art ein, was allerdings unter sehr merkwürdigen Umständen geschieht.

In der hochmögenden Ecole in der Rue Bonaparte, an jenem Ort, an den sich einst Marguerite de Valois zurückzog, als sie der zweiten Gattin ihres Mannes Heinrich IV., Maria Medici, weichen musste und wo sich nach der französischen Revolution ein Vorläufer des Musée des Monuments Français befand, kann der Kunstafficionado mit gültigem Kreditrahmen heuer Shopping machen. Die ganze Angelegenheit ist insofern pikant – wo nicht prekär – als sich lediglich aus der Lektüre des Kleingedruckten der kommerzielle Rahmen dieses Evenements erschließt. Der Besucher nämlich berappt einen üppig bemessenen Eintritt in einem gesonderten Kassenhäuschen, so, als ob er in dem dekonsekrierten Andachtsraum mit den kunsthistorischen Meilensteinen Michelangelos und zahlreicher anderer Großer der Zunft eine museale Sonderschau betrachten wollte. Mit dem Billet bekommt er ein ansehnliches, A-4-formatiges Heft in die Hand, in dem nach Google-Earth Prinzip die Halle vermessen ist, in welcher dem angestammten Inventar hier ein Cy Twombly oder dort ein Kabakov beigemengt ist. Links finden sich die fotografischen Farbaufnahmen des berückenden Interieurs inklusive dem Material der „Sonderschau“, rechts die knapp bemessenen Hinweise auf die Ware Kunst, wie zum Beispiel: „13 Nan Goldin – Valerie and Bruno: bodyforms, Paris, 2001, cibachrome“. Zu den Preisen und gegebenenfalls der Herkunft der Werke führen gar keine direkten Pfade. Und zu dem Unternehmer Axel Vervoordt auch nicht.

Warum ist das so? Ganz klar muss man aussprechen: Die visuelle Verführungskraft des Vorgeführten vom Khmer Linga über ägyptische Antiken zu Graubner, Ad Reinhardt und Rineke Dijkstra, im Verbund mit der originalen Architektur des frühen 17. Jahrhunderts und den seit fast zweihundert Jahren hier ausgestellten Kunstwerken zwischen Florentiner Medicigräbern und der Monumentalkopie eines venezianischen Reiterdenkmals wirkt – Vervoordt ist wieder mal in seinem Element – frappierend! Und ist seine Kundschaft nicht ohnehin eingeweiht? Während eines Besuches an einem Samstagnachmittag ereignete sich in mancher Hinsicht bemerkenswertes: Das tendenziell vornehme Publikum wirkte erstens extrem informiert und zweitens hätte man einem Großteil der Ausstellungsflaneure auch den Finanzrahmen zugetraut, hier zuzuschlagen. Als ob dies alles in der Lobby eines Fünfsternehotels stattfände, führte elegant-weltmännisch gekleidetes Personal, das sich (ungewollt?) durch Sonderlisten auszeichnete, die es gelegentlich konsultierte, vornehmlich Paare durch den Parcours. Die Atmosphäre hatte auch etwas von einem Familientreffen, denn ganz offensichtlich kannte man sich, machte kleine Scherze, loungte auf den ebenfalls bereitstehenden aber vermutlich unverkäuflichen Sofas und schwatzte entspannt. Und obwohl die Atmosphäre ganz und gar von Verkaufsmodalitäten schwanger war, gab es natürlich keine rot-grüne Punkteparade, zu schweigen von Kreditkartenmaschinen oder gar Registrierkassen.

Wenn man sich erstmal über die berückende Atmosphäre beruhigt und angefangen hatte zu kapieren, worum es hier – auch – oder eben doch nur geht, dann war es immer noch ein Hochgenuss, einen Robert Mapplethorpe Rückenakt zwischen Gipsen toskanischer Quattrocentoreliefs montiert zu sehen oder eines dieser lecker-ironischen von Jack Pierson sogenannten fotografischen „Self Portraits“ inmitten spätgotischer Blattkranzkapitelle zu bewundern. Im zeitgenössischen Rahmen ist natürlich auch die Unterscheidung zwischen verkäuflich und Sammlungsbestand leicht ersichtlich. Schwerer wird es da schon – und das spricht vermutlich nicht zuletzt für die Qualität mancher Replik in der Sammlung – wenn Vervoordt beispielsweise eine Atelierkopie von Joos oder Cornelis van Cleve (etwa 1540) anbietet, die sich in das exquisite Sammelsurium zum Verwechseln gut einfügt. Und gut gemachte Gipse des 19. Jahrhunderts sind nicht immer auf den ersten Blick als solche erkennbar, weswegen dann ein spätromanisches Korbkapitell erst nach wiederholter visueller Inspektion als Verkaufsware identifizierbar war.

So, wie über Zahlen nicht geredet wurde, und eine solche Intransparenz doch erklärungsbedürftig ist, waren auch die restlichen geschäftlichen Modalitäten nicht Gegenstand der Diskussion und wurden äußerst diskret nicht behandelt. Nun gibt es ja die unterschiedlichsten Ansätze von Kultursponsoring, und es bliebe zu hoffen, dass die Ecole des Beaux Arts mit selbstlosem Wohlwollen pekuniär bedacht wurde, denn der exquisite Rahmen und die einzigartige Idee werden beim Händler Vervoordt vermutlich keine großen finanziellen Löcher, sondern, ganz im Gegenteil, profitable Umsatzmargen hinterlassen haben.

Postscriptum: Das ansonsten mit Informationen knauserig verfahrende Pamphlet verrät, diese Veranstaltung sei Teil zwei von dreien dieser Art. Der erste fand in Venedig statt. Teil drei passiert abermals in der Lagunenstadt. Was noch verhandelt wird, ist der global-philosophische Überbau: Der Titel kommt von Plato. Und so fragt man eben nicht nur sich, sondern auch die Akademie mit besonderem Grund: Wer bist du? Mindestens für einen der Beteiligten muss diese kontemplative Forschungsfrage gewiss verkaufsfördernd gewesen sein. In einem Land, in dem auch bei konservativen Museumstagungen gern die Ideale der Freiheit und Gleichheit zitiert werden, ist eine solche Neuverteilung der Öffentlichkeiten jedenfalls sehr bemerkenswert.


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