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Adolf Wölfli im Kunstmuseum Bern

Solo für Skt. Adolf

Daniel Kletke

9. Mai 2008 

Adolf Wölfli - "Universum. Eine Retrospektive", im Kunstmuseum Bern. Vom 1. Februar bis 18. Mai 2008

Der Kunstkanon zum Ort Bern verzeichnet, je nach Kenntnis und geschmacklicher Ausrichtung, mit Paul Klee und der Burgunderbeute zwei der breiten Öffentlichkeit geläufige Einträge. Das kollektive Bewusstsein nennt jedoch eher nicht Adolf Wölfli (1864-1930), einen der vielbeachteten Künstler des 20. Jahrhunderts, dessen gesamter Nachlass seit 1975 im Kunstmuseum Bern verwahrt wird. Dort ist ihm nun eine Retrospektive der Superlative gewidmet. Die multimedial ausgerichtete Ausstellung markiert eine Tendenzwende, indem sie nicht Wahn, Schizophrenie oder Außenseitertum ins Zentrum des Interesses stellt. Das Kunstmuseum richtet einem Künstler, dessen Bestand sich auf viele tausend Positionen beläuft und der einen großen Teil seines Lebens in psychiatrischen Anstalten verlebte, ein lang verdientes Solo aus. Dabei ist die chronologisch orientierte Schau an künstlerischen, nicht an psychopathologischen Fragen orientiert.

Der sonst gern - wie bei Jean Dubuffet (Art Brut, Art Psychopathologique) oder Harald Szeemann ("Bildnerei der Geisteskranken") - betonte seelenkundliche Kontext ist in Bern nur insofern angesprochen, als in den benachbarten Kabinetten mit "Der Himmel ist blau - Werke aus der Sammlung Morgenthaler, Waldau" Werke von Psychiatriepatienten versammelt sind. Die klassische Engführung auf "Krankenkunst" findet aber ebenso wenig statt wie die unlängst unternommene Subsumierung unter das Volkskunstetikett. Unter diesem Rubrum widmete nämlich im Jahr 2003 das New Yorker American Folk Art Museum Wölfli eine umfassende Retrospektive. Wenngleich monografisch und in stupender Dichte und Fülle präsentiert, so ist der Berner Ansatz der von Szeemann ab 1972 bevorzugten Sichtweise verwandt und führt diese fort: Wo Letzterer auf der documenta 5 Wölfli zeitgenössischen internationalen Positionen verglich und gegenüberstellte, untersucht "Adolf Wölfli Universum" das Ouvre eines manisch in unterschiedlichen Medien arbeitenden Künstlers als einen Weltentwurf, würdigt den Workaholic aber nicht gesondert als Psychopathen, sondern erweitert das Spektrum, indem Tonaufnahmen sowie erstmals ein von Wölfli gefertigtes Möbel inkludiert sind.

Natürlich sieht man hier einen Wilden, erlebt einen Berserker beim Erschaffen seiner eigenen, hermetischen Welträume. Beim Durchqueren seiner Individualmilchstraßen neigt man, auch angesichts der Materialfülle, zu dem Gedanken, man schaue ihm bei der Arbeit zu. Der Fokus ist stets Wölflis Kunst, versinnbildlicht im manischen Schaffensdrang dieses Verfassers ungezählter Bücher mit Titeln wie Skt.Adolf,=Schatz'l=Füerungs=Fahne (1917) oder Trauermarsch (1928-1930). In seinen nach zehntausenden Blättern zählenden Konglomeraten widmet er sich ebenso grafisch-gestalterischen wie künstlerisch-zeichnerischen Aspekten in einem schier unermesslich kreativen Werk. Dazu gesellen sich musikalische Kompositionen, denen durchnummerierte Schlüsselwörter beigegeben sind, welche nicht nur den Geist des Dada atmen, verströmen und variieren, sondern auch an musikalische Cluster eines John Cage denken lassen - lange, bevor dieser überhaupt tätig wurde. Neben den stimmungsvoll angepassten Wandfarben der Galeriewände mit erhellenden Texten (die auch Wölflis originale Typografie mit einsetzen und so weitere Zugangsmöglichkeiten schaffen), macht man dankbar von der Gelegenheit Gebrauch, die Tondokumente zu studieren. Über ihre ganz unverwechselbare Authentizität hinaus weisen sie auch eine zeitgeistige Verwandtschaft zu Kurt Schwitters oder Hugo Ball auf. Hier wird Adolf Wölfli als gleicher unter gleichen reflektiert und nicht als Irrer unter so genannten Normalen.

Die Geographischen und Allgebräischen Hefte (1912-16) sind in ihrer Ausrichtung auf die Zukunft als Gegenpol zu Wölflis Erzählwerk Von der Wiege bis zum Graab (1908-1912) zu verstehen. In ihrer höchst persönlichen, dabei aber keineswegs wirklich autobiografischen Ausrichtung sind sie eine stupende Erweiterung der für das Frühwerk (bis etwa 1907) so typischen Ornamente, die Wölfli rahmend um szenisch-figürlich gestaltete Minidramen anordnet. Die Musterornamente bilden die Grundlage, sind eine Art Korsett, in das die vorgefundene Ordnung absorbiert werden kann. Im Verlauf des zweiten Jahrzehnts der 20. Jahrhunderts bahnt sich - formal wie ästhetisch grundsätzlich unterschieden von Sigmund Freud - eine Affinität zu solchen Inhalten an, die auch in der Psychoanalyse verhandelt werden. Inspiziert man den geisteshistorischen Horizont dieses ästhetischen Vermächtnisses, so ist Adolf Wölfli in der Tat ein ganz normaler Gesamtkunstmeister seiner Zeit. Der Terminus Psychopathologie hilft wohl beim Klassifizieren, jedoch weniger beim Verstehen. Darum ist es dem Kunstmuseum Bern hoch anzurechnen, endlich die Kunst zu Wort kommen zu lassen und dafür ästhetische Bewertungskriterien anzuwenden.

Bei einer entspannten Herangehensweise und im Verzicht auf das Irrenetikett laden Adolf Wölflis Weltenwürfe zu einer Neubetrachtung ein. Indem das kuratorische Konzept beispielsweise das Klangmedium in die Präsentation einbezieht, werden Türen geöffnet, Dimensionen frei gegeben, die den Eindruck vermitteln, man habe am Ende Wölfli noch nie ohne das Psychopräfix wahrgenommen. Für das Publikum ist dies ein Glück, wobei das etwaige persönliche Unglück des Künstlers bei diesem L'art pour l'art ebenso ausgespart wird wie der Diskurs über Kunst psychisch kranker Menschen im Allgemeinen. Aber irgendwo hatten wir das ja auch schon.


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