3. April 2007
Barbara Klemm / Fritz Klemm, „Photographien, Gemälde, Zeichnungen“, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Museen Dresden. 22. Februar bis 21. Mai 2007
Dresden vermag mit einer ungeheuren Menge erstklassiger Ausstellungsräume zu wuchern. So jetzt anzuschauen im Residenzschloss, wo das postruinöse, aber noch ganz rohe zweite Obergeschoss eine Doppelausstellung mit Arbeiten der Fotografin Barbara Klemm (geb. 1939) und ihres Vaters, des Malers Fritz Klemm (1902-1990), beherbergt. Obschon die Wunden des Krieges noch immer sichtbar sind, ergeben sich in den scheinbar endlos hohen Räumen Möglichkeiten zu faszinierenden Ein- und Ausblicken, schaut man auf wieder Erstandenes und Noch-zu-Inszenierendes.
Aber so immens ist das Vokabular der BRD-Nachkriegsmoderne am Ende doch nicht und so begegnet man dem allseits spürbaren Zeitgeist mit Neugier und Spannung, auch, wenn die Silhouette des Selbstbildnisses vor der Atelierwand in seinen Umrissen deutlich an Porträts Giacomettis gemahnt. Gerade bei dem extrem experimentierfreudigen Fritz Klemm, der mit dem Bindemittel Caparol zu üppigen Schichtungen und Materialakkumulationen findet, stellt sich abermals die Frage nach dem Huhn und dem Ei, das wir dann gern mit dem Attribut „Zeitgeist“ umschreiben. Bei den mehr als 40 erhaltenen Caparol-Werken betritt man das Reich zwischen Bild und Objekt, zumal traditionell Malwerkzeuge durch Spatel, Spachtel oder Palettmesser ersetzt werden.
Wo die Bevorzugung der Aquarelltechnik für manches Grisaille-Interieur fein ziselierten, filigranen Kompositionen eine hermetische Aura verleiht, sind die ungezählten Fensterkreuze naturgemäß besonders im Elbflorenz ikonografisch in bester Romantikertradition zwischen Friedrich und Dahl angesiedelt. Es ist eine gute Übung, dieses Material den später folgenden Fotografien der Tochter voranzustellen, deren Arbeiten man anders anschaut, nachdem man sich der Kunst Fritz Klemms einmal genauer zugewendet hat.
Bei Barbara Klemm verhält sich die Sache vollkommen anders als bei ihrem Vater, denn ganze Generationen von FAZ-Lesern wuchsen wie selbstverständlich mit ihren zu Ikonen gewordenen Fotos auf. Wer kennte nicht ihre Porträts von Willy Brandt und Breschnew, die in ihrer Verbreitung keineswegs auf das Bildungsbürgertum beschränkt, sondern Bestandteil des kollektiven Bildgedächtnisses geworden sind. Aber ihre Fotos des Vaters kannte man bisher ebenso wenig wie dessen Arbeit. So ist es staunenswert, wie Barbara Klemm den Vater in seinem Atelier einfängt und die Präzision ihrer Sicht gleichsam ein Reflex seiner Diszipliniertheit dem Malgegenstand gegenüber verrät. Das Kondensat seiner Konzentration zeigt sich in seinen Bildern und sein durchaus limitiertes Formenrepertoire ist angefüllt mit einer ähnlichen Intensität wie die klar komponierten Fotos der Tochter.
Die in den 1969er Jahren einsetzenden Künstlerporträts der Barbara Klemm erfahren Dank der Einbeziehung Fritz Klemms zwar eine neue Dimension, aber in ihrer klaren Konturiertheit bleiben sie beispielhaft. Da begegnen uns von neuem – stets in Schwarzweiß – Louise Bourgeois ebenso wie Emil Schumacher aber auch Bernhard Schulze oder Fotos der US-Größen bzw. ihrer Arbeiten, darunter Dokumentationen zu Werken von Michael Heizer und Richard Serra in den Beständen der Dia Art Foundation und besonders ausführlich James Turrell. Nicht ohne ein gewisses Schmunzeln registrieren wir, wie Barbara Klemm, natürlich in ihrer unaufgeregt-präzisen und direkten Art, schon Jahre bevor es Mode und kunstmarktrelevant wurde, begann, Museumsbesucher zu fotografieren. Wenngleich der Markt für die kombinierte Kunst der Klemms beschränkt sein mag, so belegt diese Doppelschau auch, dass es anregende Kunst jenseits des Kunstmarkt-Hypes gibt.












