„Bühne des Lebens – Rhetorik des Gefühls“, Idee Nicolas Schafhausen, Kuratoren Matthias Mühling, Susanne Gaensheimer , Kunstbau, Städtische Galerie im Lenbachhaus München. Bis 9. Juli 2006
Eines muss man Nicolaus Schafhausen lassen: Welche Themen er aufgreift und wie er sie kuratorisch umsetzt, hat irgendwie Pfiff. Zeitnah und auffällig geschmackssicher fällt seine Auswahl von Künstlern für monographische Darstellungen aus. Und obwohl er so gut wie nie als Autor – mit Thesen in Textform – antritt, prägt Schafhausen seit Jahren das zeitgenössische Sprechen über Kunst mit. Denn zumal im notorisch umstrittenen Format Themenausstellung ist es ihm während seiner Zeit im Frankfurter Kunstverein wiederholt gelungen, Kunst mit Diskurs und Produktionsseite mit Rezeption in Engführung zu halten.
In Projekten wie „New Heimat“, „deutschemalereizweitausenddrei“ und „Populism“ machte Nicolaus Schafhausen die Schnittstelle zwischen Kunst und Kommentar produktiv, indem er nicht nur Funktionen der Kunst zusammen mit der Rolle des Kurators kritisch reflektierte, sondern gezielt ironisch die öffentliche Rezeption gleich mit aufs Tablett hob. Aus alten Eisen wie dem Heimatbegriff oder der Idee eines nationalen Leitmediums schien er ebenso Funken schlagen zu können, wie er das zwischen Klischees und Psychologie, Bildpolitiken und Realeffekt kaum zu fassende Terrain Populismus in ein überzeugendes Display zwang. Dass die Idee mitunter besser war als die Ausführung, kann da – auch mangels talentierter Konkurrenz – gerne auf einem anderen Blatt stehen bleiben.
Für die Ausstellung „Bühne des Lebens – Rhetorik des Gefühls“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses steuert Nicolaus Schafhausen, wie der Katalog differenziert, die „Idee“ bei. Nicht ausschließlich, möchte man sagen. Auch die rund 20-köpfige Künstlerliste von Fikret Atay bis Gavin Turk erinnert sehr an Schafhausens „Inventar“, das er immer wieder, in Einzelpräsentationen (Michael Beutler, Gerard Byrne, Cerith Wyn Evans etc.) sowie in verschiedenen Gruppenprojekten, zum Einsatz bringt. Dazu der bedeutsam klingende, gleichzeitig nichts sagende Titel „Bühne des Lebens – Rhetorik des Gefühls“ – doch eine echte Schafhausen-Ausstellung? Die Erwartungen sind jedenfalls schon mal hoch gesteckt.
Wer damit zufrieden ist, in einem in melodramatisches Dunkel getauchten Parcours einzelne, mitunter sehr schöne Arbeiten zu entdecken, der wird sich bestätigt finden. Die Schau ist geschmackvoll eingerichtet, bringt dramatisch angestrahlte Objekte und installativ ausufernde Tableaus in stimmige Balance mit einer Reihe von Projektionen. Es finden sich, in Kojen gesichert, de Rijke/de Rooijs Biennalen-Arbeit Mandarin Ducks (2005) und Sarah Morris’ scharf geschnittene Oberflächenstudie Los Angeles (2005), eine illusionslose Darstellung der feinen, zugleich unüberwindlichen Grenzen zwischen Dabei-sein und Dabei-sein-wollen am Beispiel der Film- und Celebrityindustrie. Trotz der rasanten Szenen- und Perspektivewechsel aus den Kulissen auf den roten Teppich und von Stars zu Service-Kräften erzeugt Los Angeles eine slicke, nivellierende Monotonie, die den Zuschauer vor allem in einer Funktion bestätigt: der des teilnahmslosen Bilderkonsumenten, der seinem einsam-voyeuristischen Vergnügen frönen darf.
De Rijke/de Rooijs cineastisches Kammerstück widmet sich der flexiblen Haltbarkeit von sozialen Codes, die sich immer neu zwischen Regelbeherrschung und -übertretung, als labiles Gleichgewicht zwischen Ordnung und Exzessen einjustieren. Als Hybrid zwischen Kino und Kunst, hoch artifizieller Sitcom und konstruierter Filmparabel bietet sich Mandarin Ducks zur Identifikation an und lässt trotzdem kalt. Klar wird dank dieser ziemlich desillusionierenden Effekte, dass auch das eigene Leben sich heutzutage, vulgärsoziologisch gesprochen, auf vielen Bühnen abspielt. An diesem Punkt blitzt außerdem auf, was die Ausstellung hätte leisten können, nämlich über Leben und Gefühl unmittelbar zu sprechen.
Der Großteil der versammelten Arbeiten schafft es nicht, den Betrachter direkt zu adressieren; schafft es weder als Kunst noch über theatrale oder rhetorische Momente wirksam zu werden. Gerade die Environments von Gerard Byrne (In Repertory, 2006), eine theatergeschichtlich fundierte und dramatisch ausgeleuchtete Kulissenlandschaft, oder der von allen Akteuren verlassene Circus Pentium (2006) von Henrik Plenge Jakobsen sind zwar angenehm abzuwandern – doch die Wirkung bleibt auf ästhetisch bestrahlte Mini-Sensationen in theatralischem Halbdunkel beschränkt und leider weit hinter der von Michael Fried in seinem berühmten Essay Art and Objecthood (1967) beklagten „theatricality“ minimalistischer Skulptur zurück. Deren Wirkung auf die Kunstbetrachtung – Stichwort „Performanz“ – hat Dorothea von Hantelmann etwa schon 2002 in der Schau „I promise it’s political“ im Kölner Museum Ludwig befragt. Doch ist das Hauptproblem von „Bühne des Lebens – Rhetorik des Gefühls“ keineswegs formaler Art.
Wenn sich Susanne Gaensheimer vom Lenbachhaus und Nicolaus Schafhausen in ihrem gemeinsam gezeichneten Katalogvorwort für eine, frei nach Adorno, „ekstatische“ Kunstbegegnung aussprechen und die Ausstellung als „Suche nach einer Formulierung alles dessen, was hier im weitesten Sinne als Emotion bezeichnet wird, und damit nach einer Möglichkeit, durch die Kunstwerke direkt an den Rezipienten zu gelangen“ planen, verlagert sich das Problem. Leben und Gefühl schreien nach dem Subjekt, Bühnen und Rhetoriken bedeuten dagegen Distanz. Dieses Spannungsverhältnis lässt sich zwar gut (und zeitgenössisch zielsicher) als Ausstellungsthematik fassen, es lässt sich aber nicht einfach statistisch und formal über Werkliste und Displaygestaltung lösen. Statt solch ein kontrolliert-distanziertes Format abzuliefern und wieder mal den guten Geschmack unter Beweis zu stellen, hätte es hier einfach Haltung gebraucht, den Mut zur eigenen Ekstase. Das soll keineswegs heißen, dass der Kurator automatisch auf seine Rolle als Puppenspieler oder Regisseur verzichten muss.
Die Ausstellung sieht aus, wie heutzutage schöne Ausstellungen aussehen, und heißt, wie aktuell smarte Kunstprojekte einfach heißen. Wenn Nicolaus Schafhausen künftig in diese Richtung punkten will, würde das bedeuten, Abstand zu nehmen von Distanz und dem kultivierten Möglichkeitssinn, um anstelle routinierter Meta-Trickyness einen Standpunkt zu behaupten. So etwas kann, mit Blick auf die vielen kuratorischen Praxen, die wir zurzeit landauf landab erleben, sogar ziemlich „trendy“ rüberkommen. Die Mittel dafür hätte er.
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