„Schwerkraft ist, was uns an die Erde bindet und verhindert, dass wir im Kosmos verschwinden“, schrieb die Mutter des niederländischen Künstlers Bas Jan Ader in ihrer Autobiografie, als ihr Sohn zwei Jahre alt war. Sie hatte noch keine Ahnung, dass Bas Jan einmal mit kurzen Filmen bekannt werden sollte, in denen er die Wirkung der Schwerkraft auf unterschiedlichste Weise erprobte, um schließlich 1975, im Alter von 33 Jahren, bei einer Atlantiküberquerung in einem winzigen Boot spurlos von der Erdoberfläche zu verschwinden.
Das klingt wie eine Wirklichkeit gewordene Fantasie der Romantik, genauer gesagt wie Dr. Frankensteins Verschwinden im ewigen Eis auf der Jagd nach dem selbstgemachten Monster. Aber im Gegensatz zu Mary Shelleys modernem Prometheus forderte Ader die Naturgesetze nicht heraus, sondern gab sich ihnen mit Leib und Seele hin. In Broken Fall (Organic) (1971) sehen wir ihn an einem hohen Ast über einem Kanal hängen, bis der Ast bricht und der Künstler fällt. In Fall I (1970) kullert er halsbrecherisch vom Dach seines Hauses und kann sich gerade noch an der Regenrinne festhalten. Und in Fall II (1970) fährt er mit dem Fahrrad in eine Amsterdamer Gracht.
Diese unprätenziösen, sekundenkurzen Filmchen sind zweifellos die Höhepunkte der Ausstellung The Gravity in Art im Kunstzentrum De Appel, zusammengestellt von Interimsdirektor Theo Tegelaar. Auf den ersten Blick belanglos, amüsant und pubertär wie „Jackass-Stunts“ anmutend, entpuppen sich die Filmchen bei näherer Betrachtung als kleine Essays zu ganz großen Themen: Die Nichtigkeit des Menschen und sein Ausgeliefertsein an die Natur. Irgendwie pubertär sind sie natürlich trotzdem, denn schließlich geht es auch um Aufbegehren gegen das Unveränderliche und die Erfahrung des eigenen Körpers. Auch Tegelaar fiel bei der Zusammenstellung der Ausstellung auf, dass Schwerkraft „etwas zu sein scheint, womit sich Künstler sehr früh in ihrer Laufbahn auseinandersetzen müssen.“
Seine kleine Geschichte der Schwerkraft in der Kunst reicht von den 1960er Jahren bis heute. Ihren Anfang nimmt sie mit Yves Kleins legendärem Sprung ins Nichts im November 1960, der bekanntlich in einem Sprungtuch endete, das auf den Fotos wegretuschiert wurde. Es blieb eine Momentaufnahme des Schwebens und das vermeintliche Bild eines Künstlers, der alles für eine flüchtige Freiheitserfahrung tut. „Um Raum malen zu können, muss ich mich erst in den Raum begeben“, schrieb Klein.
Ähnlich Klein, versuchen die meisten Künstler in der Ausstellung die Schwerkraft mit mehr oder weniger Körpereinsatz zu überwinden. Mal sind die Versuche absurd und fruchtlos wie Gino de Dominicis Flugübungen (1969), bei denen der Künstler immer wieder mit den Armen flatternd von einem Hügel hüpfte, mal sind sie von Erfolg gekrönt wie Fiona Tans Schwebeflug an einem Bündel Luftballons (1997). Manche machen glücklich oder rufen zumindest ein Lächeln hervor, andere drehen einem den Magen um. Zu letzteren gehört nicht nur Aernout Miks gewohnt vieldeutiger und antinarrativer Film Float (1998), in dem eine Frau und ein Mann auf dem Bauch auf einem wackeligen Boden liegen und gnadenlos durchgeschüttelt werden, sondern vor allem Bruce Naumans Bouncing in a corner-Videos (1968/69). Immer und immer wieder prallt der Künstler mit dem ganzen Körper in eine aus verschiedenen Winkeln gefilmte Raumecke, bis uns beim Zuschauen ganz anders wird.
Die Kraft dieser grobkörnigen, kaum ästhetisierten Schwarzweißfilme wird besonders deutlich, da sie direkt gegenüber den großformatigen Hochglanzfotografien Self-Portrait Suspended VI-VIII (2004) von Sam Taylor Wood plaziert wurden. Darauf schwebt die Künstlerin in Nachahmung fallender Barockengel in verschiedenen Posen an Fäden aufgehängt im Raum. Dem Vergleich mit Naumans Kunst können die viel schöneren, aber auch sehr effektverliebten Fotos beim besten Willen nicht standhalten.
Ohnehin ist der bedingungslose Körpereinsatz des Künstlers der größte Unterschied zwischen den älteren und neuen Werken. Das Künstler-Ich tritt in den Hintergrund; oft ziehen die zeitgenössischen Künstler in der Ausstellung sich sogar auf den Posten des Regisseurs oder Beobachters zurück. Im besten Fall kommen dabei subtile Formspielereien heraus wie Sahryar Nashats Film The Regulating Line (2005), in dem ein Turner in einem Saal des Louvre voller schwerfleischiger Barockgemälde einen Handstand auf einer Hand vollführt. Oder auch Psychostudien wie der Film Where she is at (2001) von Johanna Billing, in dem ein Mädchen zaudernd auf dem Zehnmeterbrett in einem norwegischen Schwimmbad steht. Und das zynische Filmchen Female Gargoyle (2000) von Slater Bradley liefert den Bezug zum populärkulturellen Alltag: Auf einem Dachrand sitzt eine Frau, die sich offenbar umbringen will. Der Künstler kam zufällig vorbei und filmte die Szene in Reality-TV-Manier – allerdings nicht die Rettung der Frau durch die Feuerwehr.
Im schlechtesten Fall tritt platte Effekthascherei und Anbiederung an die Stelle der Selbsterkundung. Wenn Marco Schuler sich im Windkanal anzuziehen versucht, ist das nicht viel mehr als netter Slapstick à la Buster Keaton (Schuler zieht sich an, 2000). Und dass die Dokumentation Above the Below (2003) über die schlagzeilenträchtige Durchhaltekunst des Engländers David Blaine gezeigt wird, der sich 44 Tage lang in einem schwebenden Glaskasten einschließen ließ, muss man wohl als kunstkritisches Element der Ausstellung begreifen. Insofern dient das höchst vergnügliche Thema Schwerkraft hier auch ein wenig dazu, aktuellen künstlerischen Entwicklungen im Allgemeinen auf den Zahn zu fühlen.
Noch bis zum 22. Januar im Kunstzentrum De Appel, Nieuwe Spiegelstraat 10, 1017 Amsterdam.













