4. Oktober 2007
Joachim Brohm, Galerie Kicken, Berlin. Vom 29. September bis 22. Dezember 2007
Mit 40 Arbeiten von Joachim Brohm aus den Jahren 1979 bis 2002 präsentiert die Berliner Galerie Kicken die Werkübersicht eines Fotografen, der nicht zuletzt durch seine langjährige Lehrtätigkeit an der HGB Leipzig bis heute maßgeblichen Einfluss auf die jüngere deutsche Fotografie hat, einem breiteren Publikum aber kaum bekannt ist. Erstaunlich, dass die Zusammenarbeit nicht schon viel früher zustande kam. War doch Rudolf Kicken der erste und lange Zeit einzige Galerist, der die amerikanische Autoren-Farbfotografie der späten 1960er und 1970er Jahre – wie sie etwa durch Stephen Shore, William Eggleston und Joel Sternfeld bekannt wurde – in Deutschland vertreten hat. Brohm seinerseits war einer der ersten Fotografen, der ihren avantgardistischen Stil aufgegriffen hat und – buchstäblich allein auf weiter Flur – daraus einen eigenständigen Blick auf seine unmittelbare Umgebung entwickelte.
Gezeigt werden Bilder aus Brohms drei großen Serien „Ruhr“ (1979-83), „Ohio“ (1983/84) und „Areal“ (1992-2002). „Ruhr“ darf getrost als frühes Meisterwerk des angehenden Fotografen bezeichnet werden. Er geht dabei mit der Geduld und Beharrlichkeit eines Insektenforschers vor, der das Aussehen seiner einzelnen Exponate in ihrer Gesamtheit erschließen will, indem er sie bewahrt, anstatt sie zu zerlegen. Getreu der Devise von Walker Evans, dem Urahn der Fotografie im dokumentarischen Stil, findet auch Brohm das Besondere in der vermeintlich unscheinbaren Alltagskultur, ohne selbst bildkompositorisch spektakulär einzugreifen. Häufig blicken wir aus Auf- und Übersichten und damit aus diskreter Distanz auf banale Alltagsszenerien im Revier. Campende Familien beim Picknick im Grünen, Wochenendausflügler beim Schlittschuhlaufen auf dem See oder beim Rudern auf der Ruhr. Häufig wiederkehrende Motive sind halbleere Parkplätze und monotone Reihenhaussiedlungen.
Dabei unterläuft Brohm stets die traditionellen Auffassungen von Bildgestaltung, insbesondere jene der damals an der Folkwangschule herrschenden Subjektiven Fotografie. So verzichtet er beispielsweise durchgehend auf eine Fokussierung des Bildmittelpunkts, die den Betrachter unmittelbar auf das Bildthema hinweist. Auf den ersten Blick wirkt es sogar, als habe man es mit beiläufig aufgenommenen Amateurbildern zu tun – so wenig tritt die subtile Bildkomposition in den Vordergrund. Tatsächlich jedoch ist die behutsame Ordnung aller Elemente zu einem ausbalancierten Gesamtgefüge das beherrschende Gestaltungsprinzip. Brohm ließ sich dabei von der erstmals 1975 unter dem Begriff „New Topographics“ zusammen gefassten, neuen amerikanischen Landschaftsfotografie inspirieren. Auch Brohm zeigt Landschaft nicht mehr als unberührte, auratisch aufgeladene Natur, sondern als Teil einer vom Menschen nachhaltig veränderten Umwelt.
Farbe spielt für Brohm eine besondere Rolle. Er verwendete seinerzeit das Filmmaterial Kodak Vericolor, das besonders kontrastarm konzipiert war. Anders als Egglestons intensiv gesättigtes Kolorit und Shores ätherische Farbigkeit sind Brohms Aufnahmen alle in einer eigenwillig reduzierten, gedämpften, fahlen Farbigkeit gehalten. Der Effekt ist poetisch: Wie unter einem zarten Schleier liegt das Sichtbare und wird aus der Wirklichkeit in eine zeitlose Sphäre entrückt.
Auch in den beiden anderen Serien bleibt Brohm dem in „Ruhr“ verwendeten Stilvokabular treu. Die Bilder von „Ohio“, die bei einem Studienaufenthalt in den USA entstanden sind, zeigen Gärten voller Unrat, alltägliche Straßenszenen oder Hinterhöfe. Bisweilen lenkt Brohm die Aufmerksamkeit auf ein Detail, ein brennendes Auto oder obstrus geformte Architektur. Auch hier interessieren ihn Umbruchssituationen im Alltag, ohne dass er sie je fotografisch bewerten würde. Bei dem groß angelegten Langzeitprojekt „Areal“ hat er in der Nähe von München über einen Zeitraum von zehn Jahren die Umwandlung eines Werkgeländes in ein Wohngebiet dokumentiert. Das Ergebnis sind Draufsichten, Ansichten der ruinösen Gebäude, Detailaufnahmen von Schutt, Baumaterial und schweren Fahrzeugen. All diese Bilder zeugen vom Transitorischen, vom Wandel des Sichtbaren in der Zeit. Brohm folgt dem Prozess dieser Umgestaltung, indem er zunächst über das Gelände blickt, dann ebenerdig den Abriss der Gebäude begleitet, um dann den Blick wieder mit den neu errichteten Gebäuden nach oben wandern zu lassen. Schlüssig ist diese Bewegung durch die Zeit in Berlin umgesetzt worden: An einer Stirnseite des Raums sind die Fotografien wie Fragmente über die ganze Wand verteilt gehängt.
Kaum noch unterschätzt werden dürfte die Bedeutung von Brohms Werk innerhalb der jüngeren Fotografiegeschichte als ästhetisches Bindeglied zwischen der um 1970 in den USA entstandenen Fotografie und der deutschen Fotografie im dokumentarischen Stil. Zu Unrecht wird letztere von einem breiten Publikum mit dem bildnerischen Idiom der Düsseldorfer Klasse von Bernd und Hilla Becher gleichgesetzt. Anders als in den Stadtlandschaften etwa von Andreas Gursky oder Thomas Struth steht in Brohms unprätentiösen Bildern der Mensch und seine sich wandelnde soziale Wirklichkeit im Mittelpunkt. Die Ausstellung zeigt deutlich, wie sehr Brohms vermeintlich nüchtern-sachlicher Blick auf die menschlichen Lebensgewohnheiten zu einer unverwechselbar poetischen Verwandlung des Sichtbaren führt.
Bei den C-Prints handelt es sich vorwiegend um moderne Abzüge aus dem Jahr 2006, die im Format 24 x 30 cm auf eine Edition von 11 bzw. 12 Exemplaren limitiert sind und 1.400 bzw. 2.000 Euro kosten. Nicht ausgestellt sind Mittelformate (50 x 60 cm, Edition von 8) zum Preis von 3.900 Euro.
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