28. März 2008
Janette Laverrière: "La lampe dans l'horloge", Konzept und Kooperation: Nairy Baghramian / Janette Laverrière, Schinkel-Pavillon, Berlin. Vom 21. März bis 6. April 2008
Die Vorhut verheißt Großes. Zwei Wochen kurz vor der offiziellen Eröffnung der 5. berlin biennale für zeitgenössische kunst am 5. April hat bereits die erste zugehörige Ausstellung Premiere im Schinkel-Pavillon gehabt. Das Konzept der Kuratoren Elena Filipovic und Adam Szymczyk sieht dort fünf wechselnde Einzelausstellungen vor, in denen Künstler die Werke von Kollegen, Architekten und Designern einer früheren Generation vorstellen, deren Ouvre ihre eigene Arbeit nachdrücklich inspiriert hat. Jede Schau wird zweieinhalb Wochen lang zu sehen sein und soll die an anderen Orten gezeigten Arbeiten der Jüngeren mit historischen Querbezügen ergänzen. So möchte man eine "Auseinandersetzung mit den Gegenströmungen der Moderne" schaffen. Den Auftakt dieses Generationentreffens hat die in Berlin lebende Künstlerin Nairy Baghramian (geboren 1971 in Isfahan/Iran) gemacht. In der Ausstellung "La lampe dans l'horloge" zeigt Baghramian Werke von Janette Laverrière, die sie als Mitkuratorin und Partnerin gewonnen hat: Auswahl und Anordnung der Werke hat die 98-jährige Grande Dame des Interieur aus Paris mitbestimmt und geplant.
Viele ihrer Ideen waren revolutionär. Die als Tochter des Architekten Alphonse Laverrière im Jahr 1909 im schweizerischen Lausanne geborene Gestalterin und Innenarchitektin wurde an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel und in der Werkstatt von Emile-Jacques Ruhlmann, dem Star unter den Pariser Möbeldesignern, ausgebildet, bevor sie erstmals in den 1940er Jahren mit ihren vom Bauhaus inspirierten avantgardistischen Entwürfen für Aufsehen sorgte. Gleichwohl ihre ebenso schlichten wie eleganten Alltagsgegenstände in den 1950er und 1960er Jahren international hohe Anerkennung erfahren, bleibt der Kommunistin und Feministin, die vielen als zu sperrig und kompromisslos gilt, eine breite Wertschätzung versagt. Ihr erklärtes Ziel, anstelle von Luxusgütern für Eliten mit innovativen und erschwinglichen Alltagsgegenständen einen "Nutzwert für die Massen zu schaffen", erfüllt sich nicht.
Heute werden Laverrières Möbel wieder neu aufgelegt und in Galerien in London und Paris ausgestellt. Erst kürzlich erwarb das Centre Pompidou einen Hängesekretär von 1952 für seine Sammlung. Ihre in den letzten Jahren zu verzeichnende Wiederentdeckung verdankt Laverrière nicht zuletzt der 2004 erschienenen Monografie des renommierten Designhistorikers Yves Badetz, durch die auch Nairy Baghramian auf die Designerin aufmerksam geworden ist. Die Schau in Berlin allerdings befasst sich nicht mit den Gebrauchsobjekten, sondern mit den künstlerisch freieren Spiegelarbeiten, deren Gestaltung Laverrière bereits in den 1930er Jahren begonnen und in den letzten Jahren intensiviert hat.
In der rundum verglasten Rotunde des Pavillons werden 12 Spiegelobjekte an der Innen- und Außenseite eines von Laverrière und Baghramian als begehbar konzipierten Ausstellungseinbaus gezeigt. In dessen Innerem, das sich petrolgrün wie die Pariser Wohnzimmerwände der Designerin präsentiert, befindet sich eine Regalkonstruktion aus drei schwenkbaren Kästen mit einer kleinen Forschungsbibliothek zur neueren französischen Philosophie und ausgesuchten Klassikern des modernen Romans von Robert Musil bis zu Gertrude Stein, gewissermaßen die Basislektüre der emanzipierten französischen Frau. Eine dreistufige Sitzgelegenheit - wie die Bodenplatte aus mattem Aluminium - durchbricht die freistehenden Wände und gibt den Blick in den Raum und auf das Stadtpanorama außen frei: Die Friedrichswerdersche Kirche etwa, die Trompe-l'oil-Bauplane des Rohbaus der zu rekonstruierenden Schinkelschen Bauakademie oder die kläglichen Überreste des Palastes der Republik.
Die Bedeutung der literarischen Verweise wird schon im Titel der Installation betont. "La Lampe dans L'Horloge" ist der Titel eines Essays von André Breton von 1948, in dem er sich gegen einen strengen Rationalismus ausspricht und getreu des surrealistischen Programms die Erforschung und Darstellung des Unbewussten und das zweckfreie Spiel der Assoziationen als Mittel der Erkenntnis in Dichtung und Kunst heraushebt. Dementsprechend tritt der Funktionswert der mitunter rätselhaft gestalteten Spiegel, den sogenannten "évocations", gegenüber ihrem Reichtum an Verweisen und Beziehungen zurück. Was diese teilweise aufklappbaren, aus Edelholz oder Schmiedeeisen gerahmten "Hervorrufungen" spiegeln, sind Hommagen an Größen der Geistesgeschichte, wie etwa Luigi Pirandello, Gustave Courbet, Victor Hugo oder Louise Michel, eine Rädelsführerin des Aufstands der Pariser Kommune 1871.
Dieses freie Spiel der Reminiszenzen ist zwar unterhaltsam, die Objekte aber, blieben sie auf sich allein gestellt, wären wohl doch formal zu schwach, um das Interesse ungeteilt an sich zu binden. In der Tat ist die Verlockung groß, den Blick immer wieder aus dem aquariumsgleichen Pavillon mit seinen ruhigen Arbeiten in den Außenraum der bewegten Stadt zu lenken. Die Kunst dieser Installation jedoch besteht genau darin, den wechselnden Blick ins Innen und Außen zu vereinen, auf sich selbst zurückzulenken und das Verhältnis der Autonomie von Kunst gegenüber den vorhandenen Lebensverhältnissen zu reflektieren. Anstatt die dem Modernismus nachgesagte Fetischisierung von Form und Material lauthals zu attackieren, kommt die Vorhut dieser Biennale leise, aber mit bedachten Schritten in die Stadt.
Die Arbeit "La colonne cassée" von Nairy Baghramian wird vom 5. April bis 15. Juni 2008 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen sein.
Where is Nairy Baghramian?
9 Antworten & 9 Bilder
Weitere Artikel von Eric Aichinger















