31. Januar 2008
„Beate Gütschow – ganz woanders“, Haus am Waldsee, Berlin. Vom 25. Januar bis 24. März 2008
Schön ist Mutter Natur. Heute ist sie gewandet in eine winterliche Träumerei aus hell bewölktem Silberblau. Hier erblüht im Gartenpark der Zehlendorfer Villa am Waldsee ein gelber Ginster, dort begibt sich ein Schwan anmutig zu Wasser und drüben, am Gestade, hackt sich eine Kolonie Krähen kein Auge aus. Es nähme nicht Wunder, wenn ein Landschaftsmaler seine Staffelei aufschlüge, um Pleinair und fernab von Berlins Hotspot Mitte ein solch arkadisches Kleinodien zu verewigen. Landschaft als Genre hat eine große Tradition, auch in der Fotografie. Für zeitgenössische Fotografen indes spielt sie so gut wie keine Rolle mehr. Umso gespannter betritt man das Haus am Waldsee, wo rund 25 großformatige, teils ganz neue Arbeiten und zwei Videos aus dem bisherigen Schaffen von Beate Gütschow (geb. 1970) ausgestellt sind.
Die Schülerin von Bernhard Blume und Wolfgang Tillmans hat bislang zwei Werkgruppen vorgelegt. LS, lies Landschaft, heißt die ältere in Farbe (1999-2003), die jüngere, S für Stadt, ist in Schwarz-Weiß (2004-2008). Die technokratisch abgekürzten Titel verweisen auf die aufwendige Hybrid-Technik der Produktion. Das Rohmaterial besteht aus analogen Aufnahmen, deren Weiterverarbeitung digital erfolgt. Es handelt sich bei allen Werken um digitale Montagen, die die Künstlerin mittels Photoshop aus Fragmenten von je bis zu hundert analogen Einzelfotos zusammengesetzt hat. Anstatt Pixel bleibt daher auch im Endprodukt das dem fotochemischen Zufall geschuldete Korn sichtbar. Die Wahl des Großformats verdankt sich bei LS der Analogie zur klassischen Landschaftsmalerei und bei S – in Gegenüberstellung zu LS – der konzeptuellen Konsequenz.
Die Ausstellung heißt „ganz woanders“. Wie lapidar. Dazu noch digital und monumental – das klingt verdächtig nach einem auf den Kunstmarkt zugeschnittenen Profil Düsseldorferscher Prägung. Tatsächlich aber steht die Künstlerin heute einzigartig da. Und die Schau zeigt eindringlich, dass die Arbeiten und das dahinterstehende Konzept ebenso sorgfältig gemacht wie klug durchdacht sind. Stünde der markerschütternde Titel „Kein Ort. Nirgends“ nicht schon über einem meisterhaften Stück Prosa, er würde hier wie die Faust aufs Auge passen. Auch Gütschow geht es auf den ersten Blick um Sehnsucht und Untergang – und das eine erscheint so wenig erfüllbar wie das andere aufhaltbar.
LS ist eine Auseinandersetzung mit dem Landschaftsbild, wie es in der artifiziellen Studio-Malerei des Barock und Rokoko entwickelt wurde und in der Romantik seine vergeistigte Erfüllung fand. Als Vorlagen dienen Gütschow etwa Bilder von Claude Lorrain, John Constable und Nicolas Poussin. Wobei keine ihrer Montagen das direkte Zitat eines Einzelbildes dieser Maler ist. Es sind eher Kombinationen allgemeiner Kompositionsschemata jener Epoche. So „betreten“ wir als Betrachter Gütschows Landschaften wie eine Bühne, die eingerahmt ist von Bäumen oder Buschwerk zu beiden Seiten. Im Mittelgrund ruht nicht selten ein See, führt ein Bächlein, ein Pfad in die Ferne, wo Hügelketten oder ein Wäldchen im Dunst des Hintergrunds verschwimmen.
Die via Luftperspektive geschaffene Weite wird unterstützt, indem Augenpunkt und Horizont tief gelagert sind. Wo nicht Leere regiert, herrscht Zwischenraum. Im Raum zwischen Gegenständen entfaltet das Licht seine atmosphärischen Wirkungen. So wird das Ideal der „Idylle“ heraufbeschworen. Personen, zeitgenössisch gekleidet, dienen – wenn sie nicht Staffage sind – meist nur als identifikationsbereite Rückenfiguren. Träumt sich hier jemand die unversehrte Natur zurecht oder gar eine bessere Welt? Die Stilllegung des Raums und des Lichts zumindest verbreitet eine weihevolle Stimmung. Allein – Brüche wie etwa ein zu scharf gefiedertes Blattwerk oder einander ausschließende Spitzlichter kippen die Natur aus dem Bildraum. Dazu werden die Veduten grundsätzlich auf ungerahmtem Dibond mit Klebeband flach auf der Wand präsentiert und die technischen Details der Produktionsfirma zieren samt Schnittecken den Rand. Es geht also sicher nicht um sentimental Zurechtgestutztes. Geht es ums Unbehagen?
Die Lightjet-Prints von S sind ganz klassisch mittig von weißem Rand und Rahmen eingefasst wie viele fotografische Schwarz-Weiß-Abzüge des sogenannten dokumentarischen Stils. Gütschow stellt sich in dieser Serie der Frage nach der Authentizität des fotografischen Bildes. In zweifacher Hinsicht. Erstens: Wie baue ich mir eine Stadt? Und zweitens: Wie reiße ich sie wieder ein? Ihre Antwort liegt im Detail. Sie schält konkrete Architekturversatzstücke aus ihrem eigentlichen Kontext heraus und verschachtelt sie zu einer neuen Einheit, so dass deren gegenständliche Unwirklichkeit das Ende unserer Wirklichkeit anzeigt. Die Bauten bergen nichts Eigenes in sich. Draußen, wenn überhaupt, verlieren sich Stadtstreicher – Touristen und anders Verlorene – in einer vegetationslosen Zone.
Gütschow verhandelt Stadt als Waschbeton gewordene urbane Utopie der 1960er und 1970er, die unter Becher-grauem Streulicht vor sich hin bröckelt. Auch ihr geht es um den typologischen Vergleich. Allerdings mehr um die ans Tageslicht kommenden Haltungen, die Skelette, als um den Überbau. Ihre Konstruktionen erlauben nicht nur, sie fordern geradezu das Wiedererkennen (ist das nicht Sarajewo…?) der sachlichen Fiktion heraus, wie sie uns in den journalistischen Dokumentationen überall geboten wird. Was also hinterlässt erkennbare Spuren in der Organisation des Bildes? In LS herrscht die Stille vor dem gedanklichen Beschuss, über S hat sich das Schweigen danach gelegt. Und dann kommt der Friedhof. In ihrem Video-Diptychon werden zwei Ansichten einer Ansammlung von Grabsteinen gezeigt, im Hintergrund stehen zwei Türme einer verfallenen Burg, im Vordergrund plätschert ein Bächlein. In dem einen Video fließt es über Stufen, im anderen springt es über moosbewachsene Steine. Schön ist Mutter Natur.
Beate Gütschow wird von der Galerie Barbara Gross, München, und der Produzentengalerie Hamburg vertreten. Bilder der LS-Serie sind auf 10, die der S-Serie auf 5 Exemplare limitiert. Abhängig vom Format kosten die Bilder bei Barbara Gross zwischen 5.000 und 12.000 Euro. Von einigen Arbeiten gibt es nur mehr vorletzte und letzte Exemplare.
Weitere Artikel von Eric Aichinger














