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Illustrative Berlin 07

Märchenland Mitte

Tim Ackermann

3. September 2007 

„Illustrative 07“, Villa Elisabeth, Berlin. Vom 1. bis 16. September 2007

In Kassel gibt es die documenta, in Venedig die Biennale und in Basel die große Kunstmesse. In Berlin gibt es ebenfalls die Biennale, das Art Forum und den Designmai. Dazu kommen über 100 Biennalen weltweit, hunderte repräsentative Museumsausstellungen und tausende interessanter Galerieschauen. Worauf die Menschheit ganz sicher nicht gewartet hat, ist ein weiterer Ausstellungsevent. Wie kommt man also bitte schön unter diesen Vorzeichen darauf, eine ehrgeizige Ausstellung aus der Taufe zu heben, sie „Illustrative“ zu nennen – und das auch noch ausgerechnet in Berlin-Mitte?

„Das ist ganz einfach!“, sagt Pascal Johanssen, Projektleiter und Kurator der „Illustrative 07“. „Wir machen die Ausstellung, weil es weltweit nichts Vergleichbares gibt. Das Thema ‚Illustration’ käme ohne uns überhaupt nicht in den Fokus.“ Zugegeben, ein Alleinstellungsmerkmal ist immer ein guter Grund, um ein verrücktes Projekt durchzuziehen. Und so findet die „Illustrative“ in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in Berlin statt und zeigt Illustratoren, Grafiker, Comic-Autoren, Animationsfilmer und Buchkünstler. Die europäische Top-Auswahl. „Die Leute stellen bei uns aus, weil ihnen niemand sonst eine solche Plattform bietet“, sagt Johanssen. 

Gut also, dass es die Illustrative gibt. Denn es wäre doch wirklich schade, wenn man etwa die Bilder von Olaf Hajek nicht zu Gesicht bekommen würde. Hajek ist der bekannteste deutsche Illustrator, er hat für das SZ-Magazin, den New Yorker und das Wall Street Journal gearbeitet. Bei der „Illustrative“ zeigt er Szenen wie aus „Alice im Wunderland“: Kraken, Affen und Kinder mit fiesen Catcher-Masken wimmeln unter haushohen Blumenpflanzen. Nur die zarten Linien und die relative Flächigkeit der Figuren machen deutlich, dass es sich um Zeichnungen handelt. Hajek hat seine Acrylarbeiten in schmutzigen Pastelltönen koloriert – ein wenig erinnern sie nun an die Bilder von Marcel Dzamas.

Doch genau das ist das Problem. Was eigentlich ist eine Illustration? Was unterscheidet die Zeichnung eines Gebrauchskünstlers wie Hajek von der eines Kunstmarkt-Lieblings wie Dzama? „Im Einzelfall unterscheidet sie vielleicht gar nicht so viel“, sagt Johanssen. Und doch stelle er gerade bei den Illustrationen oft eine neue innovative Handwerklichkeit fest. „Mir geht es da um den klassischen Werkgedanken“, sagt der Kurator. „Mit der Rolle des Künstlers als ,Master of Ceremonies’, der nur noch die Ursprungsidee entwickelt und danach die Aufgaben delegiert, kann ich nichts anfangen.“ Die Künstlerinnen und Künstler der „Illustrative“ beherrschen diverseste Arbeitstechniken, analoge wie digitale.

Zum Beispiel Lars Henkel: Der Bonner Animationsfilmer zeichnet zunächst ein Video mit traurigen Roboterpuppen, entnimmt dann Einzelbilder und bearbeitet diese am Computer. Am Ende entstehen multiperspektivische Welten in der staubigen Ästhetik alter tschechischer Trickfilme. Ein ausgewiesener Könner auf seinem Gebiet ist auch Roman Bittner, der seine großformatigen Bilder direkt als Vektorgrafik im Computer zeichnet. Seine detaillierten Stadtlandschaften sehen aus, als hätte Edward Hopper das Design für die nächste Auflage des Computerspiels „SimCity“ entworfen: New Yorker Hochhausschluchten, Billboards, gelbe Taxis.

Beim Rundgang über die „Illustrative“ stößt man kaum auf klassische Illustrationen. Bis auf die Buchkunstausstellung im Erdgeschoss der Villa Elisabeth und die Animationsfilmreihe stehen die gezeigten Arbeiten nicht in Verbindung mit einem separaten Erzähltext. Eher tendieren sie in Richtung freie Kunst. Auffällig ist bei vielen Künstlerinnen und Künstlern der offensichtliche Wunsch, eine leicht zugängliche Bildwelt zu entwerfen und vielleicht eine kleine Geschichte zu erzählen. Die Strategien, die sie dabei einsetzen, sind allerdings unterschiedlich. So fotografiert Gregori Saveedra Straßenszenen in Barcelona und setzt diese am Computer zu Collagen zusammen, wobei er sie mit einer groben Rasterung weiter verfremdet. In einer gegenläufigen Strategie nähert sich die Engländerin Louise Weir mit ihren superakkuraten Zeichnungen der Fotografie an. Ihre urbritischen Motive erinnern an die Bildwelten von Martin Parr oder Richard Billingham: Die Queen Mum beim Eisschlecken im Seebadeort. Ähnlich amüsant anzusehen sind die Arbeiten des Duos Adrian aus der „Nachwuchssparte“. Fotografien von schlafenden Menschen in ihren Betten. Auf die Bettdecken sind kleine Details gezeichnet: Bäume, Zelte, Wanderer, eine Loopingbahn, bunte Fressbunden. Das Federbett wird so zu einer touristisch überbauten Gebirgskulisse umgedeutet.

Vielleicht ist es diese Eingängigkeit, der unmittelbare Kick, die den Reiz der „Illustrative 07“ ausmacht. Wer vor dem Print von Tim Dinter steht, fühlt sich sofort ins Ostberlin der frühen 1990er zurückversetzt. Diese Farben, dieser beige-braune Muff, der über allem lag. Aber die Baustellenschilder sind schon da und die Tage der provisorischen Wurstbude an der Ecke sind gezählt. Dinter, der unter anderem für den Tagesspiegel Cartoons zeichnet, entpuppt sich als Chronist des Berliner Wandels. Gleichzeitig bedient er geschickt die zunehmende Nachfrage der „Thirty-Somethings“ nach intellektuellen Lifestyle-Comics über das eigene Leben. Kein Wunder, dass sich Dinters Preis seit der ersten „Illustrative“ verzehnfacht hat. Nun darf man 3000,- Euro für seine Originalzeichnungen hinblättern.

Wenn man sie denn kaufen könnte. Johannsen plant, eine Stiftung zu gründen und die ausgestellten Werke erst einmal selbst zu erwerben. Längerfristig will er so eine Sammlung von Illustrationen aufbauen, die einen Überblick über das Metier gibt – und die man natürlich auch einfacher auf Reisen schicken kann. Für die diesjährige Ausstellung ist bereits eine kleine Tournee geplant: im November Paris, im März 2008 vermutlich Lissabon. Polen ist auch schon im Gespräch. Wer weiß, vielleicht verbreitet sich die Nachricht ja auch noch weiter, von der kleinen Ausstellungsnische für Illustratoren im großen Berlin.


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