19. Mai 2008
Am Ende der Konferenz zur Lage der deutschen Kunstvereine in der Berliner Akademie der Künste erzählte der Künstler Olaf Nicolai eine Geschichte: Eine Maus sei einmal beobachtet worden, wie sie vor einer Katze zu tanzen begann statt davonzulaufen. Wenn es ein Abschreckungsmanöver sein sollte, so schlug die Strategie fehl - die Katze riss die Maus. Wissenschaftler untersuchten den Kadaver, um den Grund für das seltsame Verhalten herauszufinden. Im Kopf der Maus fanden sie einen Wurm, der sich normalerweise in einem anderen Organismus ansiedelt - im Darm einer Katze. Vielleicht hat Nicolai die Beobachtung der dreitägigen Diskussionen und Vorträge unter dem Titel "Kunst Werte Gesellschaft" auf die Geschichte gebracht, deren Zusammenhang er nicht weiter erklärte.
Zumindest hilft das Bild von der ambivalenten Kraft des Parasiten, der einerseits neues Verhalten ermöglicht, andererseits ein System gegen sich selbst ausspielt, die Hintergründe der Tagung zu verstehen. Die Kunstvereine traten als Mäuse auf, die auf die Katze namens Kunstmarkt nicht mehr mit dem alten Flucht- oder Stillhaltereflex reagieren, sondern sich auf die Hinterbeine stellen. Der Wurm im Kopf ist das, was Stephan Schmidt-Wulffen von der Kunstakademie Wien in seinem Eröffnungsreferat als "gefühlte Ökonomisierung" beschrieb: Es sei vor allem ein mentaler Druck aus dem aktuellen Kunstmarktboom, der nach den Museen auch die Vereine erreicht habe und sich auf ihren erklärten Zweck als Förderer und Vermittler junger Kunst auswirke. Wie bleibt man sichtbar für die eigenen Mitglieder und die breite Öffentlichkeit, ohne sich dem Mainstream auszuliefern? Wie bleibt man attraktiv für Unterstützung, ohne sich dem Geschmack von Politikern und Sponsoren anzudienen?
Der Wettbewerb um die Ressource Aufmerksamkeit hat das reiche Angebot der allein in Deutschland mehr als 250 gelisteten Kunstvereine verändert. Die Selbstverständlichkeit, mit der manche seit mehr als 150 Jahren ihre Arbeit betreiben, ist dahin. Plakative Projekte wie die "Ballermann"-Schau in der Kunsthalle zu Kiel 2006 und das Aufgebot längst anerkannter Gegenwartsstars wie des Turner-Preis-Trägers Mark Wallinger, der im Herbst 2007 im Kunstverein Braunschweig präsentiert wurde, sind unverzichtbar geworden, um das übrige Programm mitzuziehen. Aber längst nicht alle Vereine können sich solche organisatorisch und finanziell anspruchsvollen Projekte leisten. Sie verschwinden nicht nur bei Sponsoren, sondern zunehmend auch in der öffentlichen Förderung vom Wahrnehmungsradar. Die Frage also, wie die Kunstvereine diesen fatalen Kreislauf durchbrechen und sich neu aufstellen können, bildete den Hintergrund der Tagung.
Dass die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (AdKV) dabei die Bundeskulturstiftung (BuKu) zu einer Zusammenarbeit überreden konnte, war ein erster Etappensieg. Die Beziehungen sind gespannt, was allein an der Körpersprache der Künstlerischen Direktorin der BuKu, Hortensia Völckers, auf dem Podium am Freitagabend deutlich abzulesen war: Völckers zappelte mit Füßen und Händen, als wollte sie am liebsten davon stürmen oder die Moderatorin Regina Wyrwoll von der Kunststiftung Nordrhein Westfalen durchschütteln. Diese sparte - wie viele andere Stimmen in offiziellen Statements und in Gesprächen am Rande - nicht mit Kritik an der Förderpolitik der größten deutschen Stiftung. Die BuKu hat zwar die Vereinslandschaft nach eigenen Angaben bisher mit einer Summe von fünf Millionen Euro gefördert, doch die neuen Richtlinien sortieren kleinere Vereine weitgehend aus. Förderanträge sind jetzt erst ab einem Budget von 50.000 Euro zugelassen. Unterdessen deckeln andere Töpfe wie die Stiftung Kunstfonds, deren Förderung speziell für freie Projekte reserviert ist, die Budgets bei 25.000 Euro. "Es ist ganz klar, dass es da ein Defizit und ein Problem gibt", gab Holger Kube Ventura von der BuKu unumwunden zu. Doch man habe keinen Spielraum, ergänzte er mit Blick auf die Politik.
Tatsächlich ist der Druck, dass die BuKu nur Projekte von nationaler Bedeutung und internationaler Ausstrahlung unterstützen soll, in den letzten Jahren immer stärker geworden. Da sie nicht als unabhängige Stiftung konstruiert wurde, sondern in ihrer Finanzierung direkt von der Politik abhängt, kann sie es sich nicht leisten, Kritik zu ignorieren. Der jüngste Bericht des Bundesrechnungshofes mahne erneut an, dass man seinen Aufgaben mit den bisherigen Projekten nicht gerecht werde, unterstrich Völckers. Den Kunstvereinen empfahl sie, aus der unfreiwilligen Förderfreiheit das Beste zu machen und "so radikal wie möglich zu bleiben". Allergisch gegen Alltäglichkeit reagierte auch der Sammler Harald Falckenberg, als er bei seinem Panel erleben musste, wie sich Stephan Berg vom Kunstmuseum Bonn und Marion Ackermann vom Kunstmuseum Stuttgart über den Wert der Gastronomie für Besucherquoten austauschten. "Ich dachte, wir reden hier über Visionen?", ereiferte sich der Mäzen, der sich hörbar mit ein paar Gläsern Wein in Stimmung gebracht hatte.
Doch so einfach ist es mit den Visionen nicht, wie sich bei der Präsentation von elf Kunstvereinen am Samstag herausstellte. Klaus Fischer von den Freunden aktueller Kunst aus Zwickau beschrieb das Dilemma: "Keine Förderung, kein Druck, könnte man sagen. Dennoch sind in einer Stadt wie Zwickau viele Kompromisse nötig, sonst hat man auch kein Publikum. Experimente sind nur wohl dosiert möglich." Tatsächlich hatte man bei einigen eher das Gefühl, der Präsentation eines Vereins für Soziokultur beizuwohnen. Etwa bei dem Projekt "Künstlergärten" aus Leipzig, das künstlerische Interventionen im Stadtraum an die Aktivitäten des Gartenfreundevereins andockte und mit dem Schriftstellerverband Lesungen im Grünen initiierte. Nicht von ungefähr verfiel die Stadt Leipzig auf den Gedanken, mit diesem Projekt in sozial schwierige Viertel wie die Plattenbausiedlung Grünau zu gehen und trieb dafür EU-Gelder auf. Vollständig im Geist und in der Sprache möglicher Sponsoren angekommen zeigte sich der Nassauische Kunstverein Wiesbaden. Er hat sich ein Qualitätsmanagement-Progamm nach allen Regeln von McKinsey verpasst. Die Leiterin Elke Gruhn übersetzt das Publikum in Kunden und definiert den Verein als "Service- und Dienstleistungseinrichtung für Künstler und Interessierte". Dank des neuen Images habe man 150.000 Euro mehr im Jahr an öffentlichen Mitteln und Firmengeldern eingeworben, verzeichne wachsende Mitglieder- und Besucherzahlen.
Am widerständigsten zeigte sich die Züricher Shedhalle, die an ihrer kollektiven Entscheidungsstruktur und an offenen künstlerischen Verfahren festhält. Es gehe nicht darum, fertige Ausstellungen zu präsentieren (ganz zu schweigen von Blockbustern) und das Tempo des Programms ergebe sich ganz aus dem Tempo der Prozesse, so Sönke Gau und Katharina Schlieben aus dem Leitungsteam. Wie erfolgreich auch dies sein kann, zeigt ein Projekt von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, bei dem die Künstler Baustellenholz und anderen Sperrmüll sammelten und zu einem neuen Haus verarbeiteten, für das die Stadt Zürich Platz spendierte. Das Kulturzentrum Rote Fabrik am Stadtrand, auf dessen Areal die Shedhalle arbeitet, erhält auf diese Weise einen innerstädtischen Satelliten durch und für das autonome Programm und soll sich zum "offenen Mittelpunkt aller Bevölkerungsschichten" entwickeln. Auch hier klingt es an, das hehre Ziel der Aktivierung neuer Benutzergruppen. Doch immerhin entwickelt die Shedhalle aus dem Zwang zur Positionsbestimmung eine markante Position im künstlerischen Programm.
Viele Vereine suchen ihr Heil hingegen eher in einer Anpassung an die Vorgaben der Kulturverwaltungen. Der neue starke Lokalbezug und die wie ein Mantra beschworene Vermittlungsarbeit droht sich als Umnutzung der Kunst im Dienst der öffentlichen Hand zu verselbständigen. Dass die Signale damit insgesamt eher auf Anpassung als auf Radikalität stehen, findet die AdKV-Vorsitzende Leonie Baumann trotz allem nicht. "Es ist eine sehr heterogene Szene ohne einheitlichen Trend", sagt sie. Sorgen bereitet ihr aber der Hang zur Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb der Vereinswelt. Die großen Vereine in München, Hamburg und Köln arbeiten längst hochprofessionell. Sie sind auch für junge Kuratoren ein wichtiges Sprungbrett: Nicolaus Schafhausen, der seinen Weg im Frankfurter Kunstverein begann, wurde gerade zum zweiten Mal zum Kurator des deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale berufen; Stephan Berg vom Kunstverein Hannover übernahm gerade das Kunstmuseum Bonn. An diesen Maßstäben könne sich die Masse nicht messen lassen, so Baumann. Dennoch verändere sich die Matrix der Wahrnehmung - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Vereine. Manche suchten Ausstellungen zu stemmen, mit denen sie sich völlig übernähmen, oder verwässerten ihr Profil.
Verdächtig wirkt in diesem Licht das Tagungsthema selbst. Der Untertitel "Zur aktuellen Bedeutung von Non-Profit Kunstinsitutionen" nämlich eilt der Zweiklassengesellschaft voraus. Als Non-Profit-Organisation bezeichnet man Institutionen in freier Trägerschaft, die ergänzend zu Staat und Markt gemeinnützige Samariterarbeit erledigen. Non-Profit hilft da, wo der Staat zu fern und der Markt zu selbstsüchtig ist. Aber sollen die Kunstvereine wirklich die Breitensport- und Tierschutzvereine des Kulturbetriebs werden?
Trotz der Forderung nach Radikalität hat die Tagung den kleinen engagierten Vereinen, die sich bundesweit mit hohem Anspruch neu formieren, kein solches Forum geboten. Vielleicht war die Bundeskulturstiftung als Partner dafür auch falsch gewählt. Um sich die wenigen Förderchancen nicht vollends zu verderben, darf man dort nicht zu sehr aufmucken, wo Stadtverwaltungen und BuKu nahe sind (Klaus Fischer bedankte sich zu Beginn seiner Präsentation artig bei der Stiftung, die die Zwickauer Kunstfreunde gefördert hat). Von vielen in der Fachwelt wird die BuKu daher längst als Teil des Problems wahrgenommen. Am Ende bleibt der Verdacht: Die meisten Mäuse tanzen hektischer denn je für die Katze. Aber immerhin üben sie sich jetzt auch ein bisschen in Taekwon-Do.
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