„Bucolica – The Contemporary Landscape“, 22. Juli bis 28. August 2006
„Elger Esser – Neue Werke“, 22. Juli bis 31. August 2006
„Robert Mapplethrorpe curated by Robert Wilson“, 22. Juli bis 5. September 2006
Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg
Ein Samstag Ende Juli. In Salzburg surrt und flirrt es. Es ist heiß, vorwärts kommen ist schwierig, die Festspiele verbrauchen viel Sauerstoff und in der Getreidegasse stehen dicht an dicht staunende Touristen vor einem Straßenmusiker, der mit unterschiedlich gefüllten Wassergläsern „Wiener Blut“ spielt. „Ein bisschen Luft…“, denkt man. „Auf zum Mirabellplatz!“ – aber auch dort: viel Mensch, viel Hitze, viel Radetzky-Marsch.
Ein Mann in vornehm dunklem Anzug fällt dort auf. Ein Mann, der nicht schwitzt, der tatsächlich keinen Tropfen Wasser verliert trotz seiner ausgesucht korrekten Kleidung. Und das, obwohl er an diesem Tag drei Ausstellungen und sein neues Nebengebäude eröffnet und darüber hinaus Arbeiter am angrenzenden Bauplatz für den Neubau des Mozarteums davon abhalten muss, mit ihren schmutzigen Transportern die Sicht auf das Entrée der Villa Kast zu verstellen. Thaddaeus Ropac begrüßt, dirigiert, gibt Interviews. Alles in konzentrierten, präzisen Worten.
Kurz zuvor weihte er den Kunstraum der Deutschen Bank mit Elger Esser ein, glücklicherweise nur einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Seite des Mirabellgartens. Die großformatigen, fast weißen „Neuen Werke“ des Fotografen zeigen Strandszenen. Wasservögel sind erkennbar, wenn man ganz tief in den schmalen Streifen, der das monochrome Feld unterbricht, eintaucht. Die wohltuende, kühlende Ruhe der Fotografien in dem fast klinischen Kunstraum kontrastiert die mozarteske Schwüle, in die man sich nur widerwillig zurückbegibt – auf auf Ropacs Spuren, zur Ausstellung „Bucolica“ in der Villa Kast, die er 1996 zu seinem Salzburger Hauptsitz machte.
Der Blick aus der Villa auf den Mirabellgarten ist prächtig. Man ist versucht, dafür Vergils bukolische Dichtung zu bemühen: „Hier zwischen vertrauten Flüssen und heiligen Quellen wirst du schattige Kühle aufsuchen; hier vom Nachbarrain aus wird dich wie schon immer eine Hecke aus Weidengebüsch, deren Blüten von hybläischen Bienen abgeweidet werden, oft mit sanftem Summen einladen, den Schlaf zu suchen; hier unten an einem hohen Fels wird der Laubscherer sein Lied in die Lüfte singen, doch werden auch inzwischen nicht mit dem Gurren aufhören deine Lieblinge, die Holztauben, nicht wird aufhören zu klagen die Turteltaube aus luftiger Ulme“ – wenn man nicht wüsste, dass in diesem Falle „Bucolica“ die Neuinterpretation der Landschaft durch 16 Künstler der Galerie benennt, unter ihnen Georg Baselitz, Jean-Marc Bustamante, Tony Cragg, Sylvie Fleury, Anselm Kiefer, Lisa Ruyter und Michael Sailstorfer.
Die Neugier der Vernissagen-Gäste aber konzentriert sich auf das kleine Kammerspiel um den Fotografen Robert Mapplethorpe nebenan. Der texanische Theatermacher und Autor Robert Wilson hat die erste Ausstellung im neuen Gebäude kuratiert, dem „Annex“, der jetzt zur Galerie von Ropac gehört. Wilson hat aus 4700 Arbeiten – Leihgaben und anderes aus dem Guggenheim Museum New York und dem Nachlass des Künstlers – 51 herausgesucht und auf drei Räume verteilt. Die Fotografien werden von einer Soundinstallation Wilsons begleitet: das hell gehaltene Rez-de-Chaussée summt vor Gemurmel und Stimmengewirr, ab und zu hört man das Zupfen einer Geige.
Die schmale Treppe nach oben führt in einen Raum, der sich durch verhängte Fenster und schwarzen Teppichboden wie in sich selbst zusammenzieht, die intimen Motive der Fotografien finden ihr Gegenüber in der Inszenierung. Der Klang fallender Bleistifte gibt dem Raum eine eigene Rhythmik. Um die Intimität der Ausstellung zu steigern, hat Wilson nur die Hälfte der Fläche verwendet, vier Kabinette leer gelassen, im verbleibenden Raum die Wände 20 Zentimeter nach innen verrückt und sogar die Decke niedriger hängen lassen.
Das Gefühl eingrenzender, bewusster Fokussierung kulminiert im letzten, gänzlich schwarzen, durch schwere Vorhänge abgetrennten Dark Room, auch akustisch abgeteilt durch das Spiel einer japanischen Holzflöte. Nur eine einzige Fotografie wird gezeigt, Hand in Fire, die den Betrachtenden zunächst als eigene Lichtquelle erscheint, als milchiger Leuchtkasten, bis das Auge sich an die Schwärze des Umfeldes gewöhnt hat und den zielgenauen Strahler an der Decke erkennt. Robert Wilson ist nicht der erste prominente Kurator, der Mapplethorpe mit einer eigenen Inszenierung seine Huldigung zollt. Die Ausstellung ist Teil einer Reihe von Auseinandersetzungen berühmter Künstler mit dem Werk des Fotografen, das 2003 schon von Cindy Sherman in New York und 2005 von David Hockney in London, von Hedi Slimane in Paris und von Vik Muniz in São Paolo reinterpretiert wurde.
Der Minimalismus, den Robert Wilson in seinen eigenen Arbeiten verfolgt, das Generieren von Sound aus kleinsten Einheiten, das Abstreifen von Überflüssigem und Konventionellem erweist sich als kluges Pendant zu den Fotografien Mapplethorpes, der in seinen Aktbildern, Stillleben und Porträts jeden Grauton, jeden Schatten, jede Reduktion bewusst einsetzte. Wilson selbst war es, der auf die Galerie Ropac zukam mit der Idee, Mapplethorpe zu kuratieren, berichtet Arne Ehmann. Er leitet die Geschicke der Galerie in Salzburg, wenn Ropac selbst in der Pariser Dependance weilt. Wilson ist ein großer Name in Salzburg, er feierte dort in den letzten 20 Jahren als Theatermacher immer wieder große Erfolge und war in den 1980er und 1990er Jahren befreundet mit Mapplethorpe, beide zu der Zeit wichtige Fixpunkte in der Kunstszene New Yorks. Grund genug, ihm „carte blanche“ als Kustos zu geben, wie Ropac betont.
Das damalige Skandalon um die Fotografien Mapplethorpes, die in technischer und formaler Perfektion (bevorzugt männliche) Nacktheit sehr explizit darstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar. Zu klassisch schön, zu skulptural wirken diese Kompositionen, als dass sie das Publikum heute noch zum Erröten brächten. Mapplethorpe selbst resümierte Arbeiten und Themenfindung ein Jahr vor seinem Tod: „Ich mag das Wort, schockierend’ nicht besonders. Ich suche nach dem Unerwarteten, nach Dingen, die ich vorher nie sah. Ich war in der Lage, diese Bilder zu machen. Ich fühlte mich verpflichtet, es zu tun.“
Damit ist der Auftakt zum eigentlichen Programm des Annexes geglückt. Auch künftig soll dort dem Unerwarteten stattgegeben werden, wie Ehmann erläutert: „Wir wollen hier Ausstellungen zeigen, die einen sehr intimen Raum brauchen, oder ganz junge Positionen. Es soll ein Raum für junge Kunst sein, wenn wir noch nicht wissen, ob der Künstler in unsere Galerie aufgenommen wird, ein Raum zum Experimentieren.“ Ein Off-Space signé Ropac also. Auch Mozart war erst 35, als er „Die Zauberflöte“ schrieb. Es tut gerade Salzburg gut, das nicht zu vergessen.

















