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MiArt 2006

Edelsteine im Unterholz

Joe La Placa

21. April 2006 

Jeder Insider der Kunstwelt würde Mailand als die Hauptstadt des internationalen zeitgenössischen Kunstmarkts bezeichnen. Allerdings ist davon nicht viel zu bemerken, wenn man durch die Gänge der diesjährigen 11. Fiera Internazionale d'Arte Moderna e Contemporanea (bekannt unter MiArt 2006) schreitet. Im finanziellen Kraftwerk Italiens gibt es landesweit die höchste Konzentration an Top-Galerien. Wie Insider ebenso wissen, werden größere Verkäufe auf dem italienischen modernen und eitgenössischen Sektor meistens in Mailand abgewickelt, wenn auch im Verborgenen. Obwohl Mode und Design aus Mailand weltweit als Gewerbe anerkannt sind, bleibt der italienische Kunstmarkt katastrophal undurchsichtig und wird von privaten Händlern und fragwürdigen Geschäften beherrscht. „In einer gewissen Weise ist der italienische Markt noch immer eine primitive Struktur“, sagt Pasquale Leccese, künstlerischer Leiter der MiArt und Inhaber von Le Case d'Arte, einer der Top-Galerien Mailands. „Aber mit der MiArt versuchen wir, aus dem Untergrund aufzutauchen. Wir möchten der Öffentlichkeit zeigen, wie stark der Markt in Wirklichkeit ist.“

Da so viele Geschäfte inoffiziell abgewickelt werden – vor allem handelt es sich um italienische modernistische Werke – sieht sich die MiArt einem harten Kampf gegenüber. Nur die Hälfte der startmilano galleries, eine Gruppe von 24 der renommiertesten und international angesehensten Galerien – darunter Lia Rumma; Massimo De Carlo; Francesca Kaufmann; Paolo Curti/Annamaria Gambuzzi und Giampaolo Abbondio – stellten bei MiArt dieses Jahr aus und überließen den Rest der Vorstellung fast ausschließlich italienischen Galerien, die wenig zu bieten hatten.

Viele Galerien in der Haupthalle, mit denen ich Kontakt hatte, beklagten sich über ein auffallendes Ausbleiben der Verkäufe bei der diesjährigen Messe. Die Ungewissheit im Umfeld der unmittelbar bevorstehenden Wahlen in Italien war sicherlich nicht hilfreich. Italienische Sammler achteten dieses Jahr besonders darauf, nicht zu hohe Summen auszugeben, da sie noch nicht wussten, welche Steuerverpflichtungen – die Berlusconis oder die Prodis – auf sie zukommen würden.

Ein weiterer Faktor, der klar in der modernistischen Sektion hervorstach, waren die vielen durch wiederholte Ausstellung „verbrannten“ Bilder, hauptsächlich das unverkaufte Inventar der bereits stattgefundenen ArteFiera 2006 in Bologna. Eine Ausnahme jedoch war eine feine Auswahl futuristischer Werke bei Flavio LattuadasArtecentro. Neben einer Ausstellung in Museumsqualität von Futuristen der zweiten Generation fand sich dort ein seltenes, aus vier Tafeln bestehendes Werk von Giacomo Balla: der wahrscheinlich teuerste Kleiderbügel der Welt mit einem geschätzten Wert von 5.000.000,- Euro.

Obwohl es auch einen Gutteil an schlechter Qualität in der zeitgenössischen Sektion gab, fand man einige wenige Edelsteine im Unterholz… Swarovski-Kristalle waren es! Bei Corsoveneziaotto schwang Nicola Bollas lyrische Altalena an der Wand entlang, eine mit leuchtenden Kristallen besetzte Schaukel für 10.000,- Euro. Bolla, Abkömmling einer Künstlerfamilie in vierter Generation und praktizierender Augenchirurg, wird seine erste New Yorker Soloausstellung in diesem November bei Sperone Westwater haben.

Einer der wenigen englischen Teilnehmer, die MaxWigram Gallery, berichtete von Verkäufen in bescheidenem Rahmen. Christian Ward’s Sky, Lakes and Holes , 2006 – ein schönes, östlich inspiriertes Gemälde mit herab fallenden blauen Wolken und fluoreszierenden Seen in einer auf den Kopf gestellten Perspektive – wurde für 15.000,- Britische Pfund angeboten. Käufer für Ward’s strahlende Gemälde fehlen nicht, weder in Italien noch zu Hause in Großbritannien.

Spannender dagegen war „Video at MiArt“, eine Sektion, in der 16 Galerien in kleinen spezialgefertigten Vorstellungsbereichen ausstellten. Aus der Geräuschkulisse dieser Sektion hob sich das japanische Kollektiv Enlightenment der Changing Role Move Over Gallerie aus Neapel ab. 1997 von Hiro Sugiyama gegründet, stellt die Gruppe die hippe, multidisziplinäre Kultur der VJ dar, die Bilder in neue Formen zerschneiden, so wie DJs Musik miteinander verweben.

Aesthetika Genetika von Richard Journo bei der NT Gallery aus Bologna stellte eine wissenschaftlichere Aufnahme des „Zerschneidens“ dar. Journos Arbeit ist von genetischen Verbindungen und der Ethik der Biotechnologie beeinflusst. Das Projekt fand während des russischen Kunstfestivals ARTKliazma 2004 außerhalb von Moskau statt. Über 300 Künstler und Besucher nahmen daran teil und verschmelzen in einer neuen heterogenen visuellen Lebensform.

Eine willkommene Abwechslung zu den Video-Stars war ein Morgenbesuch im Hause des 83-jährigen Dr. Paolo Consolandi. Die Sammlung des Notars ist ein Beispiel für die hinter geschlossenen Türen aufbewahrte Schatztruhe der modernen und zeitgenössischen Kunst in Mailand. Mit dem untadeligen Charme der Alten Welt begleitete der ehrwürdige Consolandi eine kleine Gruppe von uns durch seine beeindruckende Sammlung. Bei gelegentlichen Aufenthalten erzählte er Anekdoten über viele der Künstler, deren Werke er während der vergangenen 40 Jahre gesammelt hat und die nun persönliche Freunde von ihm sind. Innerhalb der gewaltigen Ansammlung hauptsächlich von Zeichnungen moderner bis zeitgenössischer Meister von Kandinsky bis Koons wurden wir eingeladen, Andy WarholsFlash anzusehen, ein Limited Edition-Buch (200 Exemplare), das am 22. November 1963 veröffentlicht wurde und die Ermordung des US-Präsidenten John Kennedy in 11 seidenen Bildschirm-Montagen darstellt. Die Tour endete im „Fontana Raum“, einer großartigen Sammlung von nur weißen Meisterwerken des Arte-Povera-Meisters aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren. Wenn man bedenkt, dass Consolandis Sammlung nur eine unter vielen in der italienischen Großstadt ist, kann man nicht verstehen, dass Mailand noch über kein größeres Museum für zeitgenössische Kunst verfügt.

Bei jährlich über 200 internationalen Kunstmessen ist der Wettbewerb groß. Bekannte Namen können helfen, aber wichtig ist, den „spirito di tempo“ zu begreifen, der eine Messe antreibt oder zerstört. Das diesjährige Gastland China war die unumstrittene Rettung der MiArt. Nach einer vorangegangenen Auswahl seitens der Organisatoren beherrschten 15 Galerien mit ihren Ausstellungen chinesischer zeitgenössischer Kunst die Schlagzeilen. Als Teil einer längerfristigen Aktion der italienischen Regierung, Kunst als eine Form der Entspannung zu nutzen, wird die China-Sektion der MiArt sicherlich den Weg für eine künftige wirtschaftliche Entwicklung zwischen den beiden Ländern bereiten.

Aber wie Hou Hanru, Kurator der 2007 stattfindenden Biennale in Istanbul, bei der Reihe von Lesungen „China Innen/Außen West“ hervorhob: „Eines Tages wird es keine Notwendigkeit mehr geben, die Chinesischen Künstler abzusondern, sie werden in diese Messe integriert sein wie alle anderen’. Die reizende Adriana Forconi war für die Organisation der exzellenten Cross-Auswahl von Galerien, die sich auf chinesische zeitgenössische Kunst spezialisiert haben, verantwortlich. Während die meisten in China Galerien haben, waren nicht alle Chinesen, so wie die italienische Galerie Continua aus San Gimignano und ihre neue Schwester-Galerie Continua Beijing aus Dashanzi 798. Trotz freier Unterkunft und Transport sowie einer reduzierten Standmiete, die zwischen 4.000,- und 6.000,- Euro für 32 bzw. 48 Quadratmeter lag, war es kein leichtes Unterfangen, die chinesischen Teilnehmer zum Kommen zu bewegen. „Ich lud die neueren Galerien ein, die mehr aufstrebende Künstler zeigen. Aber viele der Galerien hatten noch nicht einmal von der MiArt gehört! Wir leisteten harte Überzeugungsarbeit“, erzählte Forconi.

Keine Überzeugungsarbeit hingegen war bei den Bietern von Sotheby’s New York jenseits des großen Teichs zu leisten. Zeitgleich zur MiArt, fand am 31. März der Verkauf von „Zeitgenössischer asiatischer Kunst: China, Japan, Korea“ statt, der mit einem Umsatz von atemberaubenden 13.228.960,- US-Dollar Auktionsgeschichte schrieb, da er die höchsten Verkaufserwartungen von 6-8 Millionen US-Dollar nahezu verdoppelte. Es war bislang die höchste Gesamtsumme für einen Verkauf von zeitgenössischer chinesischer Kunst bei Sotheby´s.

Journalisten berichteten von wildem Bieten, bei dem über 20 Mitarbeiter von Sotheby’s gleichzeitig die Hörer an ihre Ohren pressten. Der Höchstverkauf, Zhang Xiaogang’s Bloodline Series: Comrade No. 120 (1998) wurde für 979.200 US-Dollar (Schätzpreis: 250.000,- bis 350.000,- US-Dollar) an einen anonymen Bieter aus Singapur verkauft. Andere Auktionsrekorde gab es für Xu Bing, Zhang Huan, Liu Xiaodong, Fang Lijun, Chen Yifei und Wang Guangyi, bei denen die Verkaufspreise oft vierfach höher als die höchsten Schätzungen lagen.

„Ich denke, was dort bei der Sotheby's Auktion für zeitgenössische Kunst geschieht, ist großartig“, sagte die unbeugsame Meg Maggio, Direktorin von Pekin Fine Arts. Maggio, eine der wichtigsten westlichen Figuren der chinesischen Szene, lebte und arbeitete 20 Jahre lang als Kunstjournalistin, Kuratorin und frühere Mitbegründerin und Ausstellungsleiterin der CourtYard Gallery, die 1996 in Peking eröffnete. „Ich bin weder überrascht noch erschrocken über die hohen Verkaufspreise. Höchstpreise für chinesische Künstler sind immer noch relativ niedrig verglichen mit Künstlern in Europa und den Vereinigten Staaten… Aber wegen dieser Auktionen und dem Boom chinesischer zeitgenössischer Kunst sprechen die Leute zuviel über die Preise. Mir wäre es lieber, sie wollten mehr über die Arbeit des Künstlers wissen!“

Wie eine Brücke aus flüssigem Quecksilber zwischen Natur und Kunst sind Zhan Wangs Skulpturen von „scholar’s rocks“ inspiriert. Zur Zeit der Tang-Dynastie war es üblich, von Wasser und Wind erodierte Steine in die Gärten zu stellen, um gebildete Männer in einen meditativen Zustand zu führen. Als sie dann als Kunstwerke betrachtet wurden, kamen die besten Beispiele von Lake Tai. Sie erzielten astronomische Preise. Mit Bezug auf Megs Zitat werden wir den Preis der Wang-Werke nicht erwähnen… Diesmal jedenfalls nicht!

Primo und Maria Rosa Marella , Miteigentümer der Mailänder Marella-Galerie, gingen vor vier Jahren zum ersten Mal nach China. Im März 2005 eröffneten sie eine neue Mega-Galerie in der Fabrik 798 in Peking. Der in den 1930er Jahren als Waffenlabor gebaute Komplex ist nun ein Zentrum zeitgenössischer Kultur mit zahlreichen Galerien, Studios, Bars und Restaurants. Viele der chinesischen Künstler, die nun weltweite Anerkennung genießen, begannen ihre Arbeit zur Zeit der Kulturellen Revolution. Und fast alle von ihnen studierten traditionelle Ölgemälde, eine Voraussetzung für den kulturellen Status in China.

Wenn es eine chinesische Konstante gibt – mit Betonung auf wenn – dann ist es die Art, wie chinesische Kunst die besten Elemente anderer Kulturen aufnimmt und sich zu Eigen macht. Oder mit den Worten von Ezra Pound: „ Nimm etwas und mache es neu“. Im Westen spielt das Medium eine wichtige Rolle bei der Definition der künstlerischen Identität – siehe die Etiketten „Maler“, „Bildhauer“, „Fotograf“ oder „Videokünstler“. In China ist das nicht so.

Wie viele seiner Kollegen widersetzt sich Ma Liuming solchen Begrenzungen, indem seine kreative Energie quer durch alle Medien schießt. Er ist einer der bekanntesten Künstler in China. Seine Performance Fen-Maliuming („Fen“ bedeutet „Frau“) besitzt die Gesichtszüge einer Frau und den Körper eines Mannes und erscheint nackt in Performances, auf Fotografien, Bildern und in Skulpturen. „In den frühen Zeiten hatten viele chinesische Künstler kein Material, daher benutzten sie ihre Körper. Viele endeten im Gefängnis wegen Störung des öffentlichen Bewusstseins, so wie Ma Liuming, der nackt und als Frau hergerichtet bei seiner Arbeit erschien“, erklärt Maria Rosa Marella.

Im Mai 2005 kehrte Continua Beijing den kulturellen Fluss um. „Wir waren unter den ersten, die eine größere Ausstellung westlicher Künstler in unserer Galerie in Dashanzi 798 organisierten. ‘ManMano’ zeigte viele internationale Künstler zum ersten Mal in China, so wie Daniel Buren, Berlinde De Bruyckere, Kendell Geers, Anish Kapoor und Michelangelo Pistoletto“, berichtet Galerist Federica Beltrame. „Die Resonanz war unglaublich! Über 1200 Besucher kamen zur Eröffnung und täglich besuchten 200 Menschen die Ausstellung.“

Bei der MiArt zeigte Continua Bejing Perseverance of Regeneration, 1999, ein größeres Werk des späten Chen Zen mit einem Gebot von 800.000,- Euro. Wie aufgeregte Insekten schwärmen tausende von Miniatur-Autos aus dem Rumpf eines zerbeulten, normal großen Autos. Das gesamte Stück ist in einem ominösen matten Schwarz gemalt. „Wie eine Laune des Schicksals erneuert sich alles“, schreibt der Künstler über sein Werk.

Wegen der Presse und herausragenden Auktionsergebnisse des letzten Jahres hat sich unter den internationalen Sammlern eine Supermarkt-Mentalität entwickelt: Alles Chinesische wird gekauft, unabhängig von der Qualität. „Aber unter allen aktuellen chinesischen Künstlern sind nur vielleicht 5 Prozent wirklich gut“, sagt der Schweizer Händler Urs Meile. Seine Luzerner Galerie ging 2003 eine Partnerschaft mit der 1993 gegründeten CAAW - Chinese Art Archives & Warehouse – Peking, China ein. Im Januar 2006 eröffnete er seine eigene Galerie in Peking, eine Erweiterung zu den bestehenden Ausstellungsflächen der CAAW, unter der künstlerischen Leitung von Ai Weiwei.

Künstler, Kurator, Herausgeber, Autorität in Chinesischer Geschichte und Tradition, Architekt, Berater von Architekten wie Herzog & de Meuron und Mitbegründer von CAAW sind nur einige der angemessenen Titel, um den erstaunlich talentierten Ai Weiwei zu beschreiben. Als Sohn eines der angesehensten Dichters des 20. Jahrhunderts, der während der Kulturellen Revolution in Ungnade gefallen und aufs Land verbannt worden war, kommt Weiweis kritisches Verständnis von Autorität und Tradition aus tief verwurzelter Erfahrung. Und seinen Werken fehlt ebenfalls nicht die Tiefe.

Die Galerie Urs Meile lud ein, zwei Werke dieses bescheidenen Meisters anzusehen. Colored Vases, 2006, besteht aus acht Gefäßen aus dem Jahr 4.500 v. Chr., die mit grellen, Ikea-ähnlichen Farben bemalt wurden. Eine absichtlich ikonoklastische Handlung mit der Wirkung, die Objekte von der lähmenden Strenge ihres historischen Ursprungs zu befreien. In einem Pinselstrich ist unsere Perspektive der Vergangenheit verwandelt. Als ein Schnäppchen dieser Messe war die Arbeit nur mit 40.000,- ausgepreist. Ein anderes Schnäppchen des Jahrhunderts war Table with Three Legs, 2005, für 65.000,- Euro, Teil der 1997 begonnenen Reihe von Weiweis Fluxus-beeinflußter Möbel Serie. Als Herausforderung an Autorität und Tradition wurde ein mehr als 450 Jahre alter Tisch aus der Qing-Dynastie in zwei Teile geschnitten und von einigen chinesischen Tischlern verkehrt herum wieder zusammengebaut. Alle Teile wurden ohne die Verwendung von Nägeln wieder zusammengefügt.

Die Organisatoren der MiArt sind gut beraten, sich für nächstes Jahr einen kleineren Veranstaltungsort auszusuchen und eine schlankere, dafür qualitätvollere Auswahl an Galerien in der Hauptsektion zu treffen. Dies würde nicht nur viele der bei der diesjährigen MiArt bitter vermissten START Galerien zurückbringen, sondern auch andere wichtige italienische und ausländische Galerien sowie viele Sammler von beiden Seiten des Teichs. Wir sollten jedoch den Organisatoren der MiArt dankbar sein für ihren Versuch, zwei formal entfremdete Kulturen, den Osten und den Westen, in einem kreativen Dialog zusammenzuführen. Zeitgenössische Kunst kann höhere Ziele verfolgen.

Die MiArt fand vom 30. März bis 2. April 2006 in Mailand statt.



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