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Armory Show 2008, New York

Kurzer Tritt auf die Bremse

Paul Kaiser

31. März 2008 

"The Armory Show", Pier 94, New York City. Vom 27. bis zum 30. März 2008

In den Platanen vor dem Lincolncenter hingen knallrote Luftballons - faltig und schlapp. Zufall oder Intention? Vor dem Eingang der Scope, einer der zehn Satellitenmessen um das Leitgestirn der Armory Show in der letzten Märzwoche, bildeten die fast luftleeren Hüllen jedenfalls einen symbolträchtigen Bildkommentar zur verzwickten Lage der amerikanischen Finanzwelt. Die Luft ist raus - jetzt auch aus der Kunstmarkt-Blase? Wer in der Besucherschlange vor dem Eingang der in einem alten Überseepier am Hudson veranstalteten "Armory" eine Stunde in knackiger Kälte ausharrte, konnte sich die Zeit mit dieser Frage vertreiben, um dann drinnen auch keine klare Antwort zu erhalten.

Es blieb die unterschwellig gestellte Leitfrage im Vorfeld der 10ten Ausgabe der Armory Show: Greift die globale Finanzkrise auf den Kunstmarkt über und verändert sich dabei die Position New Yorks im Ranking der Handelsplätze? Ein nervöses Kribbeln war also dabei, als die 160 zugelassenen Galeristen, darunter 85 aus Europa, ihre Flüge buchten und die Standmieten überwiesen. Galt in den letzten Jahren eine Messeteilnahme in den USA weithin als sichere Bank - im Frühling bei der Armory Show ebenso wie bei der Art Basel Miami Beach, dem vorweihnachtlichen Shopping-Event im Gute-Laune-Biotop Florida - so zitterten diesmal wohl nicht wenige der ohnehin von horrenden Fixkosten betroffenen Galerien um Kreditlinien und Bilanzen.

Um alle sogleich zu beruhigen: Der Crash blieb aus, wenn sich auch die Angst vor ihm nicht verflüchtigte. Inwieweit die einzelnen Galerien in diesem Jahr gute Geschäfte machten, ist angesichts ihrer nicht überprüfbaren Statements und der vermeldeten Umsatzzahlen der Messe (2007: 85 Millionen USD) abhängig davon, mit welchem Erwartungshorizont die Teilnehmer antraten. Überall auf den Tischen in den Messekojen lagen jedenfalls Taschenrechner, die stets den neuesten Stand des Dollar-Kurses in die Kalkulationen einspeisten. Einige europäische Galeristen sollen, so kolportierten Insider, ihre Kunden sogar zur Zahlung in Euro verpflichtet haben. Das neue Selbstbewusstsein nicht-amerikanischer Galeristen sowie die sich verstetigende Nachfragestärke asiatischer und europäischer Käufer waren eine der erwartbaren strukturellen Verschiebungen in der kommerziellen Tektonik des Kunstgeschäfts. Zu einem Sturm der roten Punkte führte das freilich nicht: Galt es früher unter manchen Galeristen als bedenklich, nicht bereits am ersten Tag restlos ausverkauft zu sein, so lief das medial zelebrierte Geschäft diesmal deutlich moderater an.

Noch am vorletzten Tag schien eine Vielzahl sonst leicht absetzbarer Ware nicht verkauft. "Der ungesunde Speed ist erst einmal raus", schätzte Frank Lehmann (Galerie Gebr. Lehmann, Dresden/Berlin) die Lage auf der Armory ein, der - neben dem in den USA hoch geschätzten Eberhard Havekost (Art Fair Picture, 2008, Öl auf Leinwand, 62.000 USD) - seinen Umsatz vor allem mit dem Newcomer Martin Mannig (Das Unheil, 2007, Öl auf Leinwand, 16.400 USD) erzielte. Im Hochpreissegment vermeldete etwa Arne Ehmann (Galerie Thaddeus Ropac, Paris/Salzburg), der eine Remix-Arbeit von Georg Baselitz (Mantel, 2007, Öl auf Leinwand, 545.000 USD) gekonnt mit einer konzeptuellen Überarbeitung Ilja Kabakovs (In the park, 1973 [2003], Öl auf Leinwand, 450.000 USD) konfrontierte, bemerkenswerte Akzente: "Bei uns ging alles nach Europa".

Diese Erfahrung machten andere nur bedingt. Leo König, New York, klagte nicht über nachlassende einheimische Nachfrage, etwa für ein motziges XXL-Format von Norbert Bisky (Levitation, 2007, Öl auf Leinwand, ca. 110 x 157, 92.000 USD). Bei den gesetzten Rankinggrößen griffen hier auch verstärkt Amerikaner zu. Etwa bei Contemporary Fine Arts, Berlin, mit Großformaten von Jonathan Meese und Daniel Richter (Still, 2002, Öl auf Leinwand, 700.000 USD). Auch bei Anton Kern (Anton Kern Gallery, New York), einem der Mitglieder des Zulassungskomitees, zückten Stammkunden bereitwillig die Kreditkarten, beispielsweise für eines der Bilder von Wilhelm Sasnal (u.a. A.Z., 2007, Öl auf Leinwand, 47.000 USD).

Auf Wandlungsphänomene verwiesen hingegen die Teilnehmer der größeren Satellitenmessen. Diese traf das Szenario einer drohenden Rezession in besonderer Weise, da hier vorauseilendes Krisenbewusstsein Experimentelles - sonst ein Erfolgsgarant der Begleitveranstaltungen - eher an den Rand drängte. Till Woeske (Galerie Michael Schultz, Beijing/Seoul/Berlin) verkaufte deshalb auf der immer noch quirligen Pulse vor allem zeitgenössische Chinesen (Shen Liang, Bird and Flower, 2007, Öl auf Leinwand, 275x400 cm, 74.000 USD), manche zu Einstiegspreisen. Aber Ben Kuckei (Kuckei+Kuckei, Berlin) und der Züricher Römerapotheken-Chef Philippe P. Rey (Galerie Römerapotheke, Zürich), beide mit Fotografien von Jörn Vanhöfen gut aufgestellt, zeigten sich zufrieden über die einsetzende Normalisierung: "Das Scheck-und-Dollar-Schießen à la Miami ist endlich vorbei", so Rey.

Was sagt aber die Kunst? Unsicher wie die Lage, so tastend ist das Bemühen der auswählenden Galeristen, sich ohne bereits neue Konzepte an den Wänden zu haben von den alten Erfolgstrends abzukoppeln, bevor deren Verfall die Geschäftsgrundlage ruiniert. Mutig vorneweg schritt wie immer Gerd Harry Lybkes Galerie eigen+art, Leipzig/Berlin. Die Messe-Stars der letzten Jahre - von Neo Rauch und Matthias Weischer bis zu Tim Eitel - sind an ihrem Heimatort schon länger nicht mehr zu bewundern. Zwar blätterten Besucher, die gezielt nach den zu Hause gelassenen Marktgrößen der Leipziger Schule fragten, am Kojentisch Mappen ihrer Favoriten durch, etwa solche mit lasziven Lolita- und Kätzchenbildern von Martin Eder. Doch am Stand waren sie nicht zu sehen. Nach ihnen stehen die Sammler ohnehin Schlange. In antizyklischer Manier bot Lybke stattdessen eine Solo-Show von Maix Mayer, einem Leipziger Hochschul-Absolventen älteren Semesters (geb. 1960), der mit fotografischen Anamnesen einer verlassenen Architekturmoderne zwischen Taiwan und Berlin überzeugte und die tapetenhafte Wandgestaltung der Koje selbst übernahm. Sorgen machen müsste man sich erst, wenn "Judy" Lybke einen ganzen Stand voller Rauchs präsentiert. Aber so weit ist es nicht.

Der in New York geglückte Schritt zur ästhetischen Konzentration kann als ein Parallelphänomen zur Entschleunigung des Marktgeschehens gesehen werden.  Der in New York vorgenommene Tritt auf die Bremse, wenn man ein Fazit angesichts der neuen Unübersichtlichkeit überhaupt ziehen mag, erzeugte aber längst keine beschauliche Reisegeschwindigkeit.



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