11. Juni 2007
La Biennale di Venezia, 52. Esposizione Internazionale d’Arte, Venedig. Vom 10. Juni bis 21. November 2007
Der viel zitierte Jahrhundertsommer zeitgenössischer Kunst hat begonnen. Gleich einer seltenen Sternenkonstellation vereint er mit der Venedig-Biennale, der Art Basel, der documenta in Kassel und den Skulptur Projekten Münster vier Großereignisse der zeitgenössischen Kunst – von der Marketing-Idee „Grand-Tour“ benutzerfreundlich zu einem schnell verdaulichen Pauschalpaket des hippen Kulturtourismus geschnürt. Die erste Hürde ist erfolgreich genommen, die Welle der Internationalen Jet-Set-Kunstschickeria hat die Serenissima am Canale Grande hinter sich gelassen und rollt nun auf Basel zu.
Entgegen der eventsüchtigen Schnelllebigkeit des gefräßigen Kunstbetriebs behauptet die venezianische Ur-Biennale ihre herausragende Stellung innerhalb der weltweiten Inflation an Biennalen. Die kulissenartig-inszenatorische Architektur der Stadt Goldonis, in der jeder Spaziergang zum Auftritt, jede banale Beobachtung zur Szene wird, bereitet der grundlegend theatralisch-schrillen künstlerischen Zeitgenossenschaft eine ideale Bühne. Trotz Dolce Vita, den üblichen glamourösen Empfängen und Party-Exzessen gibt sich die 52. Biennale Venedig unter der Direktive des Amerikaners Robert Storr jedoch betont inhaltlich. Dabei hatte Storr mit seinem allzu rhetorischen Biennale-Titel „Think with Senses – Feel with the Mind” zu einem konzeptuellen Einerlei analytischer und ästhetischer Kunstbetrachtung aufgerufen, womit er sich bereits im Vorfeld die immer wieder gern bemühte Kritik der Beliebigkeit einhandelte.
Mit seiner Schau im Arsenale bezieht er nun Position, nicht nationalstaatlich-borniert, sondern mit erfreulich globalem Weitblick. Der moralisch-didaktische Zeigefinger ballt sich nur selten in der Tasche zur Faust, so etwa bei dem verkitschten Kommentar des 87-jährigen Argentiniers León Ferrari zur westlichen und christlichen Zivilisation. Auch die Installation Airplanecrashclock des Amerikaners Charles Gaines – bereits 1997 entstanden –, die ahnungsvoll den Supergau eines Flugzeugunglücks über Manhattan antizipiert, wird nicht zuletzt durch reale Ereignisse wie 9/11 und die omnipräsente Flut der Medienbilder in der allzu plakativen Bildfindung noch im Nachhinein als künstlerische Nullaussage entlarvt.
Die dokumentarische Ästhetik der großformatigen Fotografien des in Mailand geborenen Gabriele Basilico zeigen dagegen betont unsentimental das nach dem Bürgerkrieg völlig zerstörte Beirut – auch Paris des Orients genannt –, und schaffen ein kraftvolles Mahnmal des kulturellen Untergangs. Beeindruckend in der Einfachheit künstlerischer Mittel ist auch die Arbeit der 26 Jahre jungen Amerikanerin Emily Prince. Eine ganze Wand füllt sie mit den passbildgroßen Porträtzeichnungen im Iran und Afghanistan gefallener Soldaten und bezieht mit diesem Memorial wirkungsvoll still Position zur aktuellen Politik ihres Landes. Gewohnt schrullig, schrill, testosterongeladen und laut kommt dagegen die Raum füllende Installation Tijuanatanjierchandelier des kürzlich verstorbenen Jason Rhoades daher, ein Potpourri aus Pin-up-Ästhetik und Tex-Mex-Kitsch.
Insgesamt präsentiert Storr eine solide und komplexe Schau, die allerdings keine wirklich viel versprechenden neuen Talente bietet, sondern eher ein klassisches kuratorisches Konzept durchspielt. So mag sich mancher das – übrigens auch damals viel beschimpfte – anarchisch-experimentelle Tohuwabohu im Arsenale von 2003 zurückwünschen und angesichts der diesjährigen Schau von „Miserenabbildungskunst“ (Niklas Maak in der FAZ) sprechen. Letztendlich verbirgt sich hinter solcher Phobie vor Inhalten jedoch erneut das große Dilemma zeitgenössischer Kunst zwischen beliebiger Überproduktion, Kreativdruck und zunehmender Kommerzialisierung bei gesellschaftlicher Irrelevanz.
In krassem Gegensatz zu der Schau im Arsenale steht der zweite Ausstellungsteil im italienischen Pavillon der Giardini. Offenbar eigenen subjektiven Vorlieben folgend, vereint Storr dort ohne Sinn und Verstand das „Who’s who“ aktueller Kunst der letzten Dekaden – von deutschen Größen wie dem immer noch Markt führenden Gerhard Richter (bekanntermaßen einer seiner persönlichen Favoriten) über neueste Arbeiten von Sigmar Polke, Ellsworth Kelly, Kara Walker, Bruce Naumann bis hin zu Martin Kippenberger und Lawrence Weiner und schließlich – politisch korrekt in der Ostkurve – einer Hommage an den kürzlich verstorbenen großen Venezianer Emilio Vedova mit aktuellen Arbeiten von Georg Baselitz. Et voilà, hier ist es wieder, das große Kunst-Ragout. Der gute Wille allein reicht eben nicht und schon gar nicht im Rahmen einer Biennale. Gleichermaßen erweist sich die Entscheidung für einen großen Afrika-Pavillon im Ansatz als weitsichtig und lange überfällig, in der Umsetzung aber als kurzsichtig und ärgerlich – denn Storr übernahm die Präsentation afrikanischer Kunst auf dem wichtigsten Kunstforum der westlichen Welt gebrauchsfertig aus der Sammlung des umstrittenen angolanischen Privatsammlers Sinidika Dokolo. Die aktuell wieder sehr brisante Problematik einer institutionellen Überhöhung privater Sammlervorlieben wurde erst kürzlich wieder in Berlin sinnfällig und lautstark diskutiert.
Neben Afrika finden sich unter den vertretenen 76 Ländern – übrigens so viele wie niemals zuvor – weitere Neuzugänge wie der Libanon oder die Türkei. Der vom Globalisierungswahn beschworene Anachronismus nationaler Kunst scheint Legende. Insgesamt sind die Pavillons größtenteils erfreulich, zeugen von einem souveränen Umgang mit aktueller medialer Vielfalt und einer neuen Ernsthaftigkeit des Kunstbestrebens. Allerdings finden sich auch dort kaum verheißungsvolle Neuentdeckungen und man greift hier und da zurück auf Altbewährtes – im amerikanischen Pavillon beispielsweise auf eine Ausstellung des vor zehn Jahren verstorbenen Felix Gonzales-Torres oder dem heimlichen Publikumsliebling der letzten Biennale, Francesco Vezzoli, im italienischen Pavillon.
Bemerkenswert ist das große weibliche Trio der drei zentralen europäischen Nationen zeitgenössischer Kunst. Rock’n’ Roll im englischen Pavillon: Tracey Emin, Punkgöre und wichtigste Vertreterin der jungen britischen Künstlergeneration, die u. a. mit Installationen wie My Bed oder Everyone I Have slept With 1963-1995 für Aufsehen sorgte, ist erwachsen geworden und die erfreulichste Überraschung der Biennale. Die pubertierenden Psychologisierungen der 1990er Jahre, in denen die Künstlerin ihre eigene Biografie wie Vergewaltigung und Abtreibung verarbeitete, hat sie zugunsten einer komplexen und reifen Formensprache hinter sich gelassen. Emins skulpturale Hommage an die Familie gleich am Eingang zeugen in ihrer lakonischen Ästhetik von souveräner Selbstironie und formaler Eleganz, ebenso ihre fast fünfzig kleinformatigen Monotypien oder die wunderbar flüchtigen Leinwand-Arbeiten, in denen sie ihrem großen Thema, der Sexualität, treu bleibt. Der gezähmte Exzess wird zur eigentlichen Provokation.
Mit einem poetischen Augenzwinkern präsentieren sich auch die Franzosen in der von Daniel Buren kuratierten Schau von Sophie Calle. Gewohnt persönlich, nimmt sie den verzweifelten Abschiedsbrief eines stillen Verehrers zum Anlass, um das Potential menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten anhand von über 100 Frauen – mitunter auch prominent wie zum Beispiel Jeanne Moreau – in ihrer sozialen und kulturellen Dimension durchzuspielen. Die Franzosen garantieren gute Laune und laden zum Verweilen ein. Bereits bei der letzten Biennale erhielt Frankreich mit Annette Messager den Preis für den besten Nationenbeitrag.
Eher unfreiwillig verweilt man in diesem Jahr auch vor dem deutschen Pavillon, für den der Kurator Nicolaus Schaffhausen die bekannte große Unbekannte des deutschen Kunstbetriebs ausgewählt hat: Isa Genzken. Schon beim Schlange stehen – es werden immer nur 25 Personen in den Pavillon eingelassen (auch so schürt man Erwartungen) – fragt man sich ernsthaft, ob das Gerüst um den deutschen Pavillon lediglich vergessen wurde oder etwa ein kritischer Kommentar zur Nazi-Architektur des Gebäudes sein soll. Beides wäre schon schlimm genug, aber es kommt noch dicker: Die Arbeit von Genzken für den deutschen Pavillon heisst Oil und das orangefarbene Netz um das Gerüst sei aus Plastik, also auch Öl, erklärt Genzken in einem Spiegel-Interview. Sie fährt fort: „Öl, dafür sind ganze Kriege ausgebrochen. Bei diesem Wort fangen die Leute an nachzudenken, das liebe ich.“ Alles klar?
Nun ja, die deutsche Kopflastigkeit ist bereits Legion und Reflektion gibt es genug, denn Genzken hat den ganzen Vorraum mit Spiegeln ausgekleidet. Hier wird noch versucht, dem vermeintlich bedeutungsschwangeren intellektuellen Hohlraum im Inneren des Pavillons vorzubauen, der mit postmodernem Gedankenmüll und ideologischen Andeutungen von Astronauten-Gummipuppe über Totenkopfäffchen bis hin zu zerrupften Eulen angefüllt ist. Auch die zentral positionierten Koffer wären besser in Berlin geblieben. Leise hallt noch das Echo der letzten Biennale: „This is so contemporary…” Wohl wahr! Der Staffellauf um die aktuelle Kunst hat seine erste Hürde genommen.
























