14. April 2007
„There is never a stop and never a finish. In memoriam Jason Rhoades“, Werke aus der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof, Berlin. 5. Mai bis 19. August 2007
Die neue Ausstellung aus dem Fundus der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin präsentiert Arbeiten, die unter dem populär-kulturellen Stichwort „trash“ wie in einer Testreihe zusammengestellt sind. Es entspricht der Produktions- und Konsumlogik der Moderne, dass die Zeitspanne vom nützlichen Gebrauch der Dinge bis zu ihrer Entwertung zum nutzlosen Abfall immer kürzer wird. Gleichzeitig findet eine Entdifferenzierung statt: In unserem Alltag sind wir von einer solchen Fülle von Dingen umgeben, dass wir sie weder nach ihren unterschiedlichen Gebrauchsfunktionen noch nach ihrem kulturellen Status differenzieren. Ob etwas nützlich, luxuriös oder nutzlos ist, wie diese Wertung überhaupt funktioniert, darüber denken wir kaum noch nach. Künstlerinnen und Künstler haben darauf mit Stoizismus und Melancholie reagiert und dem ästhetisch Schönen und dem Neuen eine provokante Aufwertung des Vergänglichen entgegengesetzt. Oder sie haben mit frechem Protest das Banale aufgewertet und die künstlerische Artistik bewusst abgewertet.
Heute ist auf Grund der rasanten Geschwindigkeit von Umwertung und Entwertung die Setzung einer neuen Wertung in der Kunst schwierig geworden. Aber man kann in dieser Ausstellung besichtigen, dass die Arbeiten der älteren Künstler wie Dieter Roth, Martin Kippenberger oder Isa Genzken nichts an Schärfe verloren haben. Ihre provokanten Umwertungen treffen unser unüberlegtes Verständnis der Dinge immer noch im Kern. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie die Fetischisierung der Dinge zu angeblich nützlichen Waren und sinnvollen Konsumgegenständen gezielt aufbrechen und entlarven. Dagegen sind die Arbeiten der jüngeren Künstler wie zum Beispiel die obsessiven Gegenstandsakkumulationen und die semantischen Verwerfungen von Andreas Hofer oder Jason Rhoades ohne Biss und analytische Schärfe. Diese Arbeiten kennzeichnet ein selbstgenügsamer Kreislauf von Bedeutungen und Wertungen. Die Dinge als Waren und Konsumgüter werden in ihnen nochmals fetischisiert, ihr Fetischcharakter geradezu gedoppelt. Eine Distanz im und für das Verständnis der fetischistischen Bedeutung und doppelbödigen Wertung der Dinge kann so nicht entstehen. Auch ästhetisch provokante Grenzüberschreitungen können im heutigen sozialen Kontext, der hochgradig entkonventionalisiert ist, kaum noch wirken. Im Vergleich mit dem exzessiven Aktionismus eines Otto Muehl wirkt die Thematisierung von Sexualität und Pornografie bei Paul McCarthy nur wie der verklemmte Reflex auf die moralisch regressive Kultur Amerikas.
Der Begriff „trash“ beschreibt eine Entwertung von Material und Ding. Als „white trash“ meint er die gesellschaftliche Abwertung einer sozialen Gruppe als Abschaum der Gesellschaft. Er ist in die populäre Kultur übernommen worden und hat unter dem Schirm der „cultural studies“ als breite bis diffuse kulturwissenschaftliche Beschreibung Eingang in die zeitgenössische Kunst gefunden. Dementsprechend ist der Bogen der Ausstellung vom Verfall bis zum Wohlstandsmüll locker und assoziativ. Die Ausstellung benutzt „trash“, um einen metaphorischen Kontext zu öffnen, in den man ein Allerlei an Materialien und Dingen hineinstellen kann. Zu bezweifeln ist, ob diese Kategorie im Laufe der Kunstdebatte jemals eine ästhetische Unterscheidungskraft und Relevanz wie das „Hässliche“ gewinnen wird. Für die Arbeiten des Widmungsträgers der Ausstellung, für die ausufernden Ansammlungen von Alltagsdingen des im August letzten Jahres verstorbenen amerikanischen Künstler Jason Rhoades, mag der Begriff als Beschreibungskategorie des Mülligen zutreffen.
Gedanklich und thematisch bestimmter und absolut sehenswert sind die Arbeiten von Dieter Roth, die das Vergängliche der Existenz und den Verfall jeglicher Materie vor Augen führen. Dieter Roth verwahrte einfache Dinge, die ihm tagtäglich in seinem normalen Alltagsleben unterkamen. Roth umging jegliche Methode der Konservierung, konzentrierte sich auf die Entscheidung der Auswahl und der möglichst zurückhaltenden Ordnungs- und Präsentationsweise. Fasziniert kann man an diesen Dingen ihren Verfall beobachten. Die beiläufigen Alltagsdinge entfalten nun, da sie des nützlichen oder überflüssigen Gebrauchs entzogen sind, eine überraschende Schutzlosigkeit. Die 33 Käsestücke des Käse Multiples zersetzen sich seit 27 Jahren und sind augenblicklich im Zustand eines geheimnisvoll rot leuchtenden Schimmels.











