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Art Basel Teil 1 - Zeitgenössische Kunst

Was ist der Preis des Erfolges?

Frank Frangenberg

16. Juni 2006 

Art|37|Basel, Messeplatz, Basel. Vom 14. bis18. Juni 2006, 11 – 19 Uhr, 16. Juni 14 – 19 Uhr

Es ist ebenso leicht wie überflüssig die Art Basel zu kritisieren, da ihr einziges Manko der Erfolg ist, an dem sie irgendwann zu ersticken droht. Und was könnte ein Kunstkritiker sonst berichten über die diesjährige Ausgabe? Die Qualität der Kunst ist gut, Gemälde und Zeichnungen überwiegen, die Formate sind menschlich, allzu menschlich: kleinteilig. Die gehandelten Künstler? Die bekannten Namen. Entdeckungen? Fehlanzeige. Weder eine junge, auf sich aufmerksam machende Galerie (in der neuen Sektion „Art Premiere“ überrascht von 12 Teilnehmern nur eine Galerie) noch ein neuer, viel versprechender Künstler (für die Sektion „Art Statements“ wurden bereits bekannte Namen ausgesucht, von Shannon Bool bis Simon Dybbroe Møller). Bei aller Großartigkeit des Geschäftsplatzes – innovativ ist das nicht, was die Art Basel in diesem Jahr präsentiert.

Innovativ muss sie auch nicht sein, aber Messedirektor Samuel Keller hatte in den letzten Jahren darauf geachtet, dass sich bei jeder Auflage der Art Basel etwas veränderte, so dass die Besucher neugierig blieben. Im Bereich der zeitgenössischen Kunst gibt es in diesem Jahr allerdings kaum nennenswerte Neuerungen, bis auf die Tatsache, dass die „Art Statements“ – die Riege viel versprechender Künstlertalente – nicht mehr einen Laufsteg-Gang im Obergeschoss der Messe einnehmen; sie sind nun in den Eingangsbereich der „Art Unlimited“ gepfercht und entwickeln dort, in der Halle für außergewöhnliche, große Kunstformate, den Charme von Kaninchenställen. Samuel Keller, der kurz vor Messeeröffnung bekannt gab, dass er die Art Basel verlassen und ab 2008 die Fondation Beyeler im heimatlichen Riehen übernehmen wird, scheint sich in dem Moment nach einer neuen Herausforderung umgesehen zu haben, als die Art Basel für ihn keine mehr war. Irgendwie passt es dazu, dass sein fünf Jahre alter Schritt über den Atlantik mit der Gründung des Ablegers „Art Basel Miami Beach“ nun zurück wirkt, da eine der parallel in Basel stattfindenden, kleinen Messen – die „Balelatina Zeitkunst“ mit Galerien und Künstlern aus Südamerika – von amerikanischen Köpfen ausgedacht wurde.

Dabei scheint die Art Basel 2006 grandios erfolgreich zu verlaufen. Eine Mehrzahl der Händler vermeldete schon am Dienstagvormittag um 11 Uhr, Stunden vor der Vernissage für die Sammler, ausverkaufte Stände. Da nicht anzunehmen ist, dass die Galeristen bereits verkaufte Ware mit auf die Messe nehmen, müssen die Interessenten am Morgen schon zugeschlagen haben, die Sammler in aller Herrgottsfrühe aufgestanden sein, noch vor den Kritikern, denen bei ihren so genannten Pressevorbesichtigungen kaum noch Kollegen auf den Gängen begegnen. Ein Kunstfreund soll sich sogar verkleidet haben, mit Glatzkopfperücke, um am Samstag bereits unerkannt als Aufbauarbeiter durchzukommen. Die Art Basel legt jedoch großen Wert darauf, den Sammlern so gut es geht gleiche Bedingungen zu gewähren und ahndet solche Verstöße. Der Galerist, der letztes Jahr einem Sammler einen Ausweis besorgte, der ihm mit dem Zutritt zu den Hallen einen verfrühten Zugriff auf die Ware verschaffte, darf in diesem Jahr zusehen.

Nichts scheint leichter, als heutzutage auf der Art Basel Kunst zu verkaufen. Wenn soviel Geld bewegt wird und die Ware sich anscheinend wie von selbst verkauft, wäre es doch nahe liegend, dass die Galerien durch ins Auge fallende Präsentationen ihren eigenen Namen als Marke stärken würden. Nein, das tun sie nicht: Ein intelligentes Standkonzept hat sich kaum eine Galerie einfallen lassen. Was ein intelligentes Standkonzept ist? Paul Maenz hat einmal seinen kompletten Stand auf der Art Cologne dem Künstler Robert Barry zur Verfügung gestellt und selber sechs Tage lang im Gang gestanden. Die Mehrzahl der Galeristen inszeniert ihre Kojen immer noch in gefälligen Accrochagen und simulierter Wohnzimmeratmosphäre.

Was Tim Neuger und Burkhard Riemschneider aus Berlin dagegen inszenieren, mag zynisch erscheinen, ein gelungenes Statement ist es auf jeden Fall: Ihre Koje ist eine Passage, kein halbwegs geschlossener Raum mehr. Die Besucher laufen durch eine shopping mall, auf der einen Seite drei große Dreiecke von Michel Majerus von 2002 für 150.000,- Euro, auf der anderen Seite, am Eröffnungstag, Wandteppiche von Pae White für je 25.000,- Euro, alle sechs für 125.000,- Euro. Alles kann der Flaneur mitnehmen, wenn er will, auch die Arbeitsplätze der Galeristen, zwei von Jorge Pardo gestaltete Schreibtische.

Die Galerie Gebr. Lehmann aus Dresden hat ihren Stand mit Werbebannern behängt, mit Fehldrucken von Logos der Firmen Telekom und Citroen, auf denen die Arbeiten von Eberhard Havekost, Tatjana Doll und Olaf Holzapfel gezeigt werden – ein Konzept von Suse Weber, ebenfalls Künstlerin der Galerie. Luis Campaña aus Köln sitzt in einer, gemessen an den anderen Ständen, sparsam bestückten Koje: drei Module aus Holz von Jan de Cock, eine Fotoarbeit von Gregor Schneider, auf der seine schwarze Kaaba doch noch auf dem Markusplatz in Venedig steht, die zweite Hälfte des Standes nimmt eine ganz normale, nackte Garage aus Beton ein, das Rolltor steht offen – die Arbeit von Gregor Schneider gibt es für 300.000,- Euro.

Die beste Präsentation im Gang der „Art Premiere“ mit einem dem Thema Zeit gewidmeten Stand gibt in der Sektion „Art Premiere“ die gb agency aus Paris ab: mit Robert Breer – Jahrgang 1926, ein bekannter Name in Kreisen des Independent Cinema – und seiner kleinen Zeichnung von 1969; mit Roman Ondák und dessen Fotoarbeit tomorrows von 2002 (12.000,- Euro), auf der Kinder historische Szenen nachstellen; mit Pia Rönicke, die modernistische Konzeptionen unserer Gesellschaft und die Brüche zwischen ihrer Theorie und Praxis aufarbeitet. Without a name erzählt in einer Diaprojektion die wahre bis fiktive Geschichte des Designers Le Klint, während drei seiner Lampen, von der Künstlerin nachgebaut, darüber schweben (12.000,- Euro).

Es gibt schöne Momente auf der 37. Art Basel: Patrick Painter aus Santa Monica hat eine heilige Dreifaltigkeit aufgehängt aus Kissing Kidneys (1989) von Mike Kelley in der Mitte, flankiert von zwei Arbeiten Francis Picabias; dazu gibt es einen ganzen Raum für Mike Kelleys 45-teilige Fotoarbeit (175.000,- Dollar). Andrea Rosen zeigt auf ihrem Stand eine Reihe von Zeichnungen: Butter von Sigmar Polke von 1964, Claes Oldenburgs Store Window von 1961 und drei kleine Papierarbeiten von Richard Tuttle von 1977 bis 1978.

Gisela Capitain widmet eine lange Kojengerade den drei großen Formaten von Georg Herold Kunstraub I-III von 1985, ein gekonntes Treffen von Dachlatten und Stoffen für mehr als 100.000,- Euro. Dazu präsentiert die Kölner Galeristin Fotografien von Margarete Jakschik (800,-/ 1000,- Euro) und Computerausdrucke von Albert Oehlen für 16.000,- Euro. Barbara Weiss stellt den großartigen Thomas Bayrle aus, mit einer roadmap für 20.000,- Euro, Madonna d’oro (1988), einer Collage mit Blattgold für 100.000,- und der Stadt von 1976 für 50.000,- Euro.

Ansonsten gefielen Einzelpositionen: Bei Francesca Pia die abstrakte Komposition von Wade Guyton von 2006 für 14.000,- Euro sowie zwei Stoffarbeiten von Mai-Thu Perret für je 4.300,- Euro. Casey Caplan zeigt neben Nathan Carter und Simon Starling einen bird von Jason Dodge, der das Geräusch eines Singvogels mechanisch nachahmt (12.000,- Dollar). Ein weiterer Jason Dodge steht bei Yvon Lambert aus Paris; die Maschine macht Wind, wenn man an der Kurbel dreht. Bei Jan Mot aus Brüssel laufen mehrere Projektionen – Manon de Boer steuert Sylvia march 1 aus dem Jahr 2001 bei und zeigt die ehemalige Erotikqueen und Hobbykünstlerin Sylvia Kristel rauchend, vier Minuten lang, im 16-mm-Format; bezaubernd das Storyboard von David Lamelas für 55.000,- Euro.

Die Londoner Frith Street zeigt Fotoarbeiten von Dayanita Singh, Theaterbühnen, Stühle (2500,- Britische Pfund), neben Gouachen auf Fotografien von Tacita Dean aus 2006 und einem schönen Callum Innes für 30.000,- Britische Pfund. BQ aus Köln haben zwei frühe Leinwänden von Reinhard Voigt in dessen pixeliger Malweise dabei, Porträt Ute M. von 1968 (12.000,- Euro) und 1½ Porträt von 1969 (12.800,- Euro). Christian Nagel räumt Martha Rosler für ihre 12 Fotocollagen bring the war home von 2004 (jeweils 7.000,- Euro) eine Wand ein. Bei Gregor Podnar aus Ljubljana überzeugen die Fotoarbeiten des ungarischen Künstlers Attila Csörgő, eine spherical vortex von 2004 kostet 9.000,- Euro.

Daniel Buchholz und Christopher Müller haben einen neuen Künstler des Programms mitgebracht: Vincent Fecteau, Franzose, in New York lebend, und seine kleine Skulptur für 16.000,- Euro, die mit Pappmaché und brauner Farbe eine Bronze simuliert. Bei Esther Schipper – angetreten mit dem neuen Galeriedirektor Rainald Schumacher,den sie der Münchner Sammlung Goetz abwerben konnte - prangt auf der Außenwand eine Arbeit von General Idea, überdimensionierte Anti-Aids-Pillen, zur Hälfte weiß und zur Hälfte blau, für 175.000,- Euro. Eine Innenseite nimmt Angela Bullochs Lampenwand smoke spheres von 2006 ein (110.000,- Euro). Die Holzschnitte von Gert & Uwe Tobias, zu finden in der verschachtelten Kojenarchitektur von Michael Janssen, haben ihren Preis bei 12.000,- Euro.

Wer sich für die indische Kunstszene interessiert, kann einen wenig befriedigenden Blick in die Koje von Nature Morte aus Neu Delhi werfen, mit Arbeiten von Subodh Gupta - übereinander gestapelte Eimer aus Stahl – und digitalen Fotografien von Rashid Rana. Bei Eigen+Art langweilen die großen Formate von Tim Eitel, beispielsweise ein dunkler Hubschrauber vor dunkelblauem Fond, während bei Contemporary Fine Arts die Arbeiten von Peter Doig erschrecken, Leinwände zum Vergessen. Auch die Foksal Gallery Foundation aus Warschau bietet mit Monika Sosnowska, Robert Kuśmirowski und Pawel Althamer wenig Neues. Mehr als einen Blick wert sind die, natürlich ausverkauften, kleinen Zeichnungen von Jakub Julian Ziólkowski (ein Block von vier Zeichnungen für 6.000,- Euro).

Was bleibt, ist der Eindruck eines hervorragend organisierten und funktionierenden Marktplatzes für Kunst und doch auch das Gefühl, dass etwas fehlt. Wo sind die Entdeckungen? Es gibt keine mehr. Wo ist das Wagnis? So uninspiriert wie dieses Jahr waren die Statements selten. Zwar sind die Gewinner des Baloise Kunstpreises für das beste Statement – Peter Piller bei Frehrking Wiesehöfer und Keren Cytter bei Elisabeth Kaufmann – würdige Preisträger, aber eben schon ziemlich bekannte Namen. Hinzuzufügen bleibt, dass auch von der „Liste“ in diesem Jahr kaum Aufregendes zu vermelden ist. Terence Koh hat das Ennui auf seinem Stand bei Peres Projects in Gold gegossen (jeweils 100.000,- bis 150.000 Euro). Ist das der Preis des Erfolges, in dem sich die Art Basel sonnt?



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