Bringen Sie, nach 22 Jahren immerhin, der Hitliste der angesagtesten Künstler Britanniens, „Turner Prize“ genannt, auch kein großes Interesse mehr entgegen? Halten Sie sie mittlerweile auch für ein routiniertes, gut inszeniertes Marketing? Woran mag das liegen?
Als Martin Creed vor fünf Jahren den Preis – unter anderem für seine Arbeit The Lights Going On and Off – aus den Händen von Popqueen Madonna entgegen nahm, strahlte der Turner Prize seine größte Anziehungskraft aus. Dass die Lichter danach immer weniger leuchteten, verdankt sich wahrscheinlich einem simplen Phänomen: Auch dem Vereinigten Königreich gehen die Künstler unter 50 aus, die in einer Ausstellung im letzten Jahr durch Können oder Kontroversen aufgefallen wären.
Als Sir Nicolas Serota von der Tate zu Beginn der Woche die Nominierten vorstellte, schlug die Auswahl für den Turner-Preisträger 2006 keine großen Wellen wie noch vor ein paar Jahren. Der Kommentar des englischen Guardian zur Wahl der Jury – Lynn Barber, Margot Heller, Matthew Higgs, Andrew Renton, und Sir Nicolas Serota höchstpersönlich –, die auf die Malerin Tomma Abts, die Bildhauerin Rebecca Warren, den Videokünstler Phil Collins und den mit vielen unterschiedlichen Medien hantierenden Mark Titchner fiel: „Not so shocking“. Zwar ist das kein allgemeines Kriterium für gelungene Gegenwartskunst, für den Turner Prize war es jedoch immer eins. Gut, dieses Jahr gibt es palästinensische Discotänzer, aber Skandal heischend wie ein virtueller Besuch im Heim von Osama bin Laden ist das nicht. Könnte es also nun nach all den Jahren mit künstlichen Kontroversen einmal nur ums Handwerk gehen?
So gilt in diesem Jahr die deutsche Künstlerin Tomma Abts (38) als Favoritin und hat die besten Chancen, nach Wolfgang Tillmans vor ein paar Jahren, die zweite deutsche Künstlerin zu werden, die mit dem Preis ausgezeichnet wird. 1967 in Kiel geboren, lebt sie seit langem in London und hat dort auch ihre ersten Einzelausstellungen in Galerien gehabt. Sie ist sich und ihrer Arbeit treu geblieben in den vergangenen zehn Jahren. Auf einen schmalen hochformatigen Bildraum trägt Tomma Abts geometrische, runde oder eckige Formen auf, die ihn in Spannung, in Bewegung versetzen. Kleine, handliche Formate, an die man nahe herantreten kann. Jedes ihrer Bilder verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit, jedes tritt auf wie ein Individuum, beansprucht eine eigene Identität.
Gute Chancen hat auch die zweite Dame im Rennen. Rebecca Warren (41) aus London macht mit ihren Skulpturen gute Laune. Jurymitglied Margot Heller, Direktorin der South London Gallery, beschwor das Grotesk-erotische, die „riesigen runden Brüste und enormen wackelnden Hintern" in den Arbeiten der Künstlerin. Als wären Rodin und Degas im Eimer voll Quark gelandet, zeigen ihre aus ungebranntem hellem Ton geformte Skulpturen eine enorme Lust am Figurativen. Nikki de Saint-Phalle ohne die süßlichen bunten Effekte.
Phil Collins (35) aus Runcorn in Cheshire wird auch nach dem Turner Prize 2006 noch mit dem gleichnamigen Popstar verwechselt werden. Für seine bekannteste Arbeit They shoot horses von 2004 reiste Phil Collins nach Ramallah, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, und organisierte einen acht Stunden dauernden Disco-Marathon mit neun jungen Palästinensern und filmte das Ereignis, das Ergebnis: ein Video in Echtzeit. In Bagdad lud er 40 Personen ein, an einer Testvorführung für einen nicht existierenden Film teilzunehmen. Juror Andrew Renton vom Goldsmith College pries das Talent von Phil Collins, Arbeiten von außergewöhnlicher Generosität anzubieten.
Mark Titchner aus Luton ist mit 33 Jahren der jüngste Finalist. Er scheint sich nicht festlegen zu wollen auf eine Technik oder ein Material und arbeitet mit Wandzeichnungen, Leuchtkästen, digitalen Animationen und Skulpturen, mit Poplyrics und politischen Manifesten, Postern und Bannern, bis sich jede Information, die vielleicht zu fassen war, verflüchtigt hat. Margot Heller beschrieb seine Soloschau im Arnolfini in Bristol in diesem Frühjahr als „eine der großartigsten Ausstellungen im vergangenen Jahr“. Das Statement steuerte den Gerüchten entgegen, die Jury hätte hin und wieder auf Kataloge zurückgegriffen, statt sich tatsächlich jede Ausstellung angesehen zu haben.
Die Schau der vier Nominierten für den Turner Prize wird ab dem 3. Oktober in der Tate Britain zu sehen sein, der Gewinner von 25.000,- Britschen Pfund wird am 4. Dezember verkündet. Bis dahin ist noch viel Zeit. Viele Schlagzeilen wird der Turner Prize bis dahin nicht mehr machen.



















