14. Mai 2008
Über Robert Rauschenberg zu reden, ist ein bisschen wie über das Wetter zu reden: Er ist immer ein Thema und eine Referenz. Künstler seines Einflusses werden gerne als Väter und Großväter dieser oder jener Künstlergeneration bezeichnet - das Wetter aber mag tatsächlich eine bessere Metapher sein, um Rauschenberg zu beschreiben. Es ist da, man kann es nicht wegdiskutieren und es betrifft jeden. Eine genealogische Einordnung hätte Rauschenberg sicher abgelehnt. Er betätigte sich eher als Künstler, der sich mit seinen Arbeiten in jede Lücke zwischen Kunst und Realität zwängte. Seine dadurch erreichte Omnipräsenz kunsthistorisch zu sehen, wäre eine sehr europäische Betrachtung aus großer Entfernung, die versucht, Hierarchien zwischen Künstlerpositionen wie in Historienbildern klar zu organisieren. Rauschenberg aber hat sein Leben lang gegen diese Hierarchien angearbeitet.
Angefangen hat er mit den White Paintings 1951 und der Ausradierung einer Zeichnung von Willem de Kooning im selben Jahr. Was zuerst wie eine negative Geste aussah, wie eine Entleerung aller Bildinhalte, füllte Rauschenberg später durch seine wuchernden Combine Paintings wieder auf - mehr als das. Es war die Geste eines jungen Künstlers, der Tabula rasa machen musste, um wirklich anzufangen. Als Schüler von Josef Albers am legendären Black Mountain College hatte er noch die europäische Avantgarde der Moderne mitbekommen, nur um aus Trotz oder Genie sich von deren Blasiertheiten ab- und den Dingen des Alltags zuzuwenden: Die Pop-Art war geboren. Mit anderen Künstlern seiner und der darauffolgenden Generation arbeitete er an einem radikal neuen Bildbegriff, der sich von der bisherigen Praxis, Bilder zu organisieren und zu komponieren, unterscheiden sollte.
Seine Kunstwerke betrachtete Rauschenberg nie als "fertig", viele sollten durch den Betrachter auch verändert werden können. Sein Crossover in andere Bereiche in den 1960er Jahren und seine Zusammenarbeit mit Merce Cunningham und John Cage war getragen von einem kollektiven Versuch der Sprengung des gesellschaftlichen Rahmens. Es ist das künstlerische Verdienst von Robert Rauschenberg, diesen zerborstenen Rahmen in seinen Kunstwerken positiv zu wenden und als eine endlose Fülle von Möglichkeiten darzustellen. Der Mann der Möglichkeiten - Robert Rauschenberg - ist am vergangenen Montag auf Captiva Island, Florida, im Alter von 82 Jahren gestorben.
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