6. Dezember 2007
Nun hat er sie endlich doch gewonnen, die internationale britische Kunstmeisterschaft, für die Mark Wallinger bereits 1995 nominiert war. Wie in der englischen Fußball-Liga feierten auch auf der Insel lebende Ausländer in letzten Jahren große Erfolge: So erhielten die Deutschen Wolfgang Tillmans 2000 und Tomma Abts 2006 den Turner-Preis. Ist man mit gebürtigen Briten allein in der Kunst nicht mehr konkurrenzfähig – wie im Fussball, wo das Mutterland dieser Sportart bei der Europameisterschaft nicht vertreten ist?
Einige deutschsprachige Feuilletons scheinen dieser Meinung zu sein, denn sie tun alles, um Wallinger als künstlerischen Zweitligisten abzuqualifizieren. Nominiert wurde Wallinger mit seiner Arbeit State Britain, basierend auf der aus Schrifttransparenten, Collagen und Zeichnungen bestehende Protestmeile gegen den Irak-Krieg, die der Friedensaktivist Brian Haw seit 2001 gegenüber dem Palace of Westminster initiiert hatte. Nachdem die Meile 2006 auf offiziellen Beschluss hin weitgehend entfernt wurde, konservierte Wallinger sie und baute sie minutiös in der Tate Britain wieder auf.
Nachdem die Neue Zürcher Zeitung am 5. Dezember bereits moniert hatte, dass der vermeintlich politisch engagierte Gutmensch Wallinger das Preisgeld nicht mit Haw zu teilen gewillt sei, legte Thomas Steinfeld heute in der Süddeutschen Zeitung nach. Steinfeld meint, ein „Ready Made“, das keine „Arbeit am Ausdruck“ erkennen lasse, könne kein funktionierendes politisch-kritisches Kunstwerk sein. Wallingers in die Tate versetzte Aktivistenmeile zeige eine „Verwechslung von gestischer und argumentierender Kritik“ und überantworte den politischen Widerstand der musealen Konservierung und Verharmlosung.
Aber genau diese „Stillstellung“ der Protestwand verweist ja deutlich darauf, dass es Wallinger nicht um den politischen Aktivismus als solchen geht, sondern dass er den Trompe-l’oeil-Effekt, den die Versetzung eines öffentlichen Szenarios in ein Museum mit sich bringt, geradezu herausstellt. Und geschah nicht Vergleichbares durch das unscheinbare Band, das Wallinger im Sommer auf den Skulpturprojekten in Münster durch die Stadt laufen ließ? Die fast unsichtbare Eingrenzung bezog sich einerseits auf die jüdische Tradition des Eruv, aber vielleicht zog der Künstler auch auf subtile Weise die ästhetische Grenze nach, die automatisch entsteht, wenn ein ganzer Stadtraum mehr oder weniger zur Kunstausstellung erklärt wird.
Dass eine Protestmeile im Museum keine Protestmeile mehr ist, dürfte niemandem so bewusst sein wie Wallinger selbst. Dass Dinge nicht das sind, was sie scheinen, ist in seinem gesamten Werk zu beobachten. Oder war es etwa ein echter Bär, der 2004 als Sleeper nächtelang durch die Berliner Nationalgalerie streifte? Nein, es war eine Illusion und wie bei einem täuschend echt gemalten Gemälde wussten die Rezipienten, dass es sich um ein Spiel handelte. Der illusionistische Raum der Kunst ist nicht derjenige der alltäglichen Realität. Dafür, dass er Kunst und Leben nicht verwechselt, hat Wallinger den Turner-Preis allemal verdient.
Aber ist eine Kunstkritik preiswürdig, die einerseits lobt, dass diesmal ein stillerer Künstler als die Marktschreier Hirst oder Emin prämiert wird (was letztes Jahr mit Tomma Abts ja auch der Fall war), andererseits aber kritisiert, dass seine politische Kritik nicht laut genug daherkommt? Dass Wallinger mit State Britain eher einen Denk- als einen Handlungsraum eröffnet hat, hat ja zumindest dazu geführt, dass viele Menschen – und nicht zuletzt Kunstkritiker – sich anhaltend den Kopf darüber zerbrechen.
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