4. Juli 2008
Wer ist eigentlich der bedeutendste Fotograf seit 1826? Oder ist diese Frage zu vernachlässigen, weil Fotografie nur auf Platz vier der einflussreichsten Kunstgattungen steht, deutlich abgeschlagen hinter der öffentlichen Großinstallation, dem Eiskunstlauf und der plastischen Gesichtschirurgie? Andy Warhol immerhin steht auf Platz eins der Hitparade des Umsturzes. Das hat die redaktionelle Selbstprüfung eines Boulevardkunstmagazins ergeben, das unter den "Top 100 der Kunstgeschichte seit 1948" (war der Krieg nicht schon früher vorbei?) Samuel Keller vor Jackson Pollock und Marcel Duchamp, Peggy Guggenheim hingegen hinter Harald Szeemann sieht ("Ranking der Revolutionäre"). Wer nun Pollock und Duchamp erkennt, Keller aber für einen 1920 verstorbenen Schweizer Maler hält, gehört vermutlich bereits zur Best-Ager-Altersgruppe, die in einer Zeit aufgewachsen ist, in der man mit den Künstlernamen nicht zugleich auch den Stammbaum der Messedirektoren und Kunstspediteure auswendig gelernt hat.
Oder hätten Sie gedacht, dass Simon de Pury, der Society-Auktionator, zwar weit hinter Keller, dem Ex-Art-Basel-Impresario, aber erstaunlicherweise vor Leo Castelli, dem galeristischen Ziehvater von Jasper Johns und Bruce Nauman rangiert? An dieser Stelle der Hackordnung schlägt er sage und schreibe um 83 Plätze den Fluxus-Propheten George Maciunas, der selbst übrigens weder an den Kritiker Celant (Venedig Biennale, Guggenheim) noch an die Galeristen Zwirner, Fischer und Werner oder die Museumsangestellten König, Rosenthal, Hultén und Krens heranzureichen vermag.
Kurz und gut, die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden. Es genügt nicht, im Todesjahr Mahatma Gandhis mit dem Zählen zu beginnen, als nicht nur der indische Top-10-Pazifist (Platz 3), sondern auch die wichtigsten Mäzene bereits gestorben waren. Cosimo de Medici etwa führt unangefochten die Top 20 aller Kunstbetriebsangehörigen seit Anbruch der Neuzeit an. Ihm zu Ehren bleibt Platz zwei für alle Zeiten unbesetzt, bevor ihm mit Respektabstand Julius II. folgt (Petersdom). Auf Platz vier verdrängt Walt Disney knapp Claude Monet (Seerosen-Poster). Michelangelo schlägt Helmut Newton (dickste Kunstmonografie). David Hamilton (Nymphen-Romantik) siegt über Richard Hamilton (Pop-Romantik). Jonathan Meese (Pop-Romantik) unterliegt Horst Janssen (populäre Wohnideen), errechnet nach dem Flächenmaß in Umlauf befindlicher grafischer Meterware. Dass Johann Christian Arnold (erste deutsche Tapetendruckerei) einen Platz vor Hans-Ulrich Obrist (Top 50 der Fugenlosigkeit), aber drei Plätze vor Franz Ackermann (ebendort) zu verzeichnen ist, mag eine kunsthistorische Petitesse sein, dass Hermann Göring dagegen François Pinault deklassiert, ist eine wertneutrale Frage der Masse (wirkungsreichster Sammler). Erst einige Plätze später im Gesamtklassement folgen Benedikt Taschen und Michael Ringier (Marktführer in der Kategorie "Künstlerisches Ranking").
Während das "Ranking der Reaktionäre" und der Index der 400 wichtigsten Rankings noch in Arbeit sind, hat das bereits erwähnte Boulevardmagazin zusätzlich die 100 wichtigsten Meisterwerke ("Stations") vorgestellt; ein in Buchform eher lästiges Ranking, weil man die Meisterwerke darin auch noch mühevoll beschreiben muss - Nicholas Serota, Larry Gagosian und Mary Boone überdies aber weder malen noch zeichnen können. Ist es nicht reaktionär, das Kunstgeschehen so einseitig zugunsten der produzierenden Künstler zu verzerren? Ist die Zeit nicht vorüber (Sozialismus, Platz 4 der aktuellen Weltideologien) als man die Produktivkräfte überbewertete und Arbeitern Denkmäler baute? Ist Damien Hirst nicht der einzig wahre Künstler, weil er seine tiefgründigsten Artefakte selbstlos durch seinen Manager anfertigen lässt?
Die Überbewertung der Kunstwerke ist nicht nur zum reaktionären Relikt einer anderen Zeit geworden, sie ist auch ein methodisches Ärgernis. Tatsächlich nämlich bevorzugen Kanonisierungen einseitig Kunst, die sich beschreiben, mit deren gehaltvollen Verschränkungen sich kritisch wuchern, deren arabeske Gedankenschwere die Vermittlung Kapriolen schlagen lässt. Kann das aber die Aufgabe von Zeitnehmern und Linienrichtern, von Buch- und Kassenprüfern sein? Welchen Sinn hat die konservative Ängstlichkeit, Werke zu vergleichen, ein solches Klammern an der ästhetischen Intimbeziehung, wenn Sammler, Händler, Buchbinder und -halter ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit eingegangen sind, wenn der selbst erweiterte Kunstbegriff den Redaktionspraktikanten aufblühen lässt, ja wenn selbst hier, innerhalb einer Special-Interest-Redaktion wie der unseren (Kritik) Schuhgrößen, Brustumfänge und Privilegien gemessen werden.
Und doch lohnt sich das Zählen. Dass der Kunstbetrieb auch nach Volkszählungskriterien mutiger, kritischer und partizipativer ist als VIVA-TV, sieht man erst jetzt. Man erkennt es daran, dass seine Glamourpresse die Bühnenakteure in der gleichen Liste wie die Roadies führt, ja, dass Groupies enzyklopädische Backstage-Hitparaden publizieren, in denen der schönste Ticket-Verkäufer, der geschmeidigste Backstage-Schmeichler unbestechlich neben der renditestärksten Kreativkraft aufgeführt werden. Kunst ist demokratisch, seit man sie nicht mehr verstehen muss. Seit es keine Kriterien mehr gibt, wird die Hitparade zum Potpourri der konkurrierenden Genres und Sparten und muss jeden Monat neu komponiert werden. Und das ist es dann auch, was uns die durchtriebenen Publizisten des leichten Genres hier lehren wollten: Die einzige, die letzte Kritik am Kunstbetrieb ist die bedingungslose Teilnahme an ihm. Das ist die Koons'sche Regel. Überbieten kann man den ungebändigten Wahnsinn nur durch ungehemmte Verausgabung. Nur wer dann alle überholt hat, weiß, dass sich alles unterbieten lässt. Der Statistiker ist der letzte Zuschauer bei seinem eigenen Schiffbruch. Wir wollen mit ihm fühlen, wenn es nichts mehr zu zählen gibt.
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