Sommerfest des Löwenbräu-Areal, Zürich.
26. August, ab 18 Uhr
Zürich hat es geschafft: Seit zehn Jahren gilt die Finanzmetropole als der Ort für Gegenwartskunst innerhalb der Schweiz. Wer in der internationalen Kunstszene etwas auf sich hält, pilgert nicht nur jedes Jahr zur Art Basel, sondern fährt gleich weiter zum Löwenbräu-Areal und sieht sich dort an, was denn gerade das Migros Museum, die Kunsthalle Zürich oder die Galerie Hauser & Wirth zu wichtigen Positionen in der aktuellen Kunstszene auserkoren hat. Dem Löwenbräu gelingt es nicht nur, ein internationales Publikum anzulocken - der Attraktivität des Kunstareals ist es auch zu verdanken, dass sich das einst heruntergekommene Industriequartier in Zürichs Westen zu einem regelrechten Trendstandort entwickelt hat. Gerade ist man dabei, das Viertel auszubauen. Auch für das Löwenbräu bestehen Erweiterungspläne.
Was heute als selbstverständlich betrachtet wird, hat natürlich eine Vorgeschichte. Es ist das Jahr 1996: Aufbruchstimmung herrscht in der Schweizer Kunstszene. Seit einigen Jahren hat sich eine neue, junge und selbstbewusste Künstlergeneration entwickelt, die sich locker auf dem nationalen wie internationalen Parkett bewegt. Zurückgezogenheit und Innerlichkeit, wie sie noch in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Schweizer Kunst vorherrschte, ist ein Ding der Vergangenheit.
Die Ausstellung „Freie Sicht aufs Mittelmeer“, 1998 im Kunsthaus Zürich, konstatiert genau dieses Phänomen. Mit dem Titel greift sie zurück auf einen Slogan der Jugendunruhen zu Anfang der 1980er-Jahre, als man nicht nur für weniger Engstirnigkeit, sondern mehr kulturellen Freiraum kämpfte – den man daraufhin zum Teil auch bekam. So entstand 1984 aus dem alten Fabrikgelände am Zürcher See die Rote Fabrik mit der Shedhalle als künstlerisches Laboratorium an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und Diskurs. Im selben Jahr wurde der Verein Kunsthalle Zürich "als autonomer Gegenpol zum traditionellen Kunstgebaren" gegründet. Und schon zehn Jahre später zählt man zahlreiche neue Kunstzentren.
Aber nicht nur die alternative Szene ist damals rege - immer häufiger entstehen jetzt Museen, von denen die Fondation Beyeler bei Basel nur das berühmteste Beispiel darstellt. Ein weiteres ist das Migros Museum für Gegenwartskunst, ein Jahr vor der Fondation gegründet, und genau wie diese aus dem Gedanken heraus entstanden, eine Sammlung der Öffentlichkeit zu präsentieren – nämlich die schon seit 1957 bestehende Sammlung des Migros-Genossenschafts-Bundes. Während jedoch Ernst Beyeler seinen Werken vom Architekten Renzo Piano die perfekte Hülle verpassen lässt, zieht das Migros Museum in den bestehenden Gebäudekomplex der Brauerei Löwenbräu, der aufgrund der wirtschaftlichen Umstrukturierungen wie andere Industriebauten in Zürichs Westen leer steht.
Entscheidenderweise zieht jedoch nicht nur das Migros Museum ein. Vielmehr mietet es sich zeitgleich, die Gunst der Stunde nutzend und nicht lange im Voraus geplant oder abgesprochen, mit der von Bernhard Mendes Bürgi geleiteten Züricher Kunsthalle ein, die - soeben vom Schöller-Areal vertrieben - auf der Suche nach einem neuen Ort ist. Und schließlich gehören zu den ersten Zugezogenen auch die Galerien Peter Kilchmann und Bob van Orsouw, Hauser & Wirth, Eva Presenhuber und Brandstetter & Wyss, sowie der heute kaum mehr wegzudenkende Buchladen Kunstgriff. Einige Jahre später gesellen sich die aus der privaten Sammlung des Unternehmers Stephan Schmidheiny bestehende Daros Collection, die Galerie de Pury Luxembourg, Fabian & Claude Walter und die Galerien Serge Ziegler und Kabinett dazu.
Was das Programm anbelangt, zeigt man sich ambitioniert. Gesetzt wird auf junge Künstler, die den Durchbruch schon geschafft haben oder sich auf dem besten Weg dahin befinden. Hat das Zürcher Helmhaus die Auflage, ausschließlich Künstlern zu zeigen, die in der Schweiz geboren sind oder dort leben, so legt man im Löwenbräu von Anfang an Wert auf internationale Beteiligung. Die Schweizer Künstler, die in den Museen gezeigt und von den Galerien vertreten werden, haben längst auch im Ausland Fuß gefasst und Anerkennung gefunden. Darunter sind Namen wie Pipilotti Rist, Christoph Büchel, vertreten von Hauser & Wirth, Fabrice Gygi, Theresa Hubbard/Alexander Bircher bei Bob van Orsouw und Ugo Rondinone bei Eva Presenhuber. Dieselben Galerien vertreten auch Namen wie Louise Bourgeois, Anton Henning, Julian Opie und Isa Genzken. Der Galerist Peter Kilchmann kann sich rühmen Teresa Margolles, Francis Alys, Santiago Serra und den Schweizer georgischer Abstammung, Andro Wekua,entdeckt und früh gefördert zu haben.
Nicht weniger am Puls der Zeit agieren sowohl die Kunsthalle, als auch das Migros Museum. Beide Institutionen haben es sich zur Aufgabe gemacht, aufstrebende Künstlerinnen und Künstler in Einzelpräsentationen vorzustellen, obwohl auch thematische Projekte – „zur Aufarbeitung thematischer Fragestellungen des aktuellen Kunstdiskurses“ – vorkommen können. Bis vor kurzem zeigten das Migros Museum die Isländerin Gabríela Fridriksdóttir. Ab heute Abend ist das Motto „It’s Time For Action (There's No Option about Feminism)“ angesagt: Die bis Ende Oktober laufende Ausstellung versammelt Arbeiten verschiedener weiblicher Künstlergenerationen, die sich durch eine selbstbewusste, nonkonformistische Position auszeichnen. Mathilde ter Heijne ist dafür ebenso mit von der Partie wie Yoko Ono, Patty Chang oder Katharina Sieverding. Zeitgleich setzte die Kunsthalle bis Anfang August auf die erste Übersichtspräsentation des malerischen Werks der Amerikanerin Laura Owens. Heute Abend eröffnet man eine Ausstellung der Werke von Terence Koh.
Das Modell Löwenbräu ist eine Erfolgsgeschichte. Die darin beheimateten Galerien und Institutionen setzen Trends und verhelfen Künstlern zu internationalen Karrieren. Die im Löwenbräu anfänglich zufällig entstandene Konstellation verschiedener Orte der Kunstpräsentation unter einem Dach hat sich durchgesetzt. Sich terminlich abzusprechen, Sommerfeste wie das heutige zu veranstalten und damit den Kundenkreis zu erweitern, hält der Galerist Michael Krethlow für das Zukunftsmodell für Galerien.
Doch gelegentlich ergeben sich auch Konflikte aus der nachbarschaftlichen Situation. Heike Munder, die Direktorin des Migros Museums, erläutert, dass das Modell der Mischung von öffentlich und kommerziell das „Laien-Publikum“ manchmal verwirre, und auch für die „Profis“ böte das Modell reichlich Zündstoff für Konflikte. So haben sich das Migros Museum und die Kunsthalle dieselbe Vermittlungsaufgabe gesetzt und operieren in direkter Konkurrenz zueinander: Glücklicher Fügung ist es wohl zu verdanken, dass die beiden Institutionen und ihre Leiter die Situation eher positiv bewerten. Es bleibt zu hoffen, dass die Konkurrenz mit dem Schwergewicht Kunsthaus - das immer häufiger auf Gegenwartskunst setzt und gerade einen Erweiterungsbau plant - ebenfalls eine positive bleiben wird.
Allemal schwieriger gestaltet sich jedoch das Nebeneinander von Institution und Verkauf. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Showroom zu sein“, so Heike Munder. Sie zielt damit auf nicht selten vorhandene und zugleich doch falsche Erwartungen so mancher Künstler und Galeristen an. Erwartungen, denen – wie es dem außenstehenden Betrachter scheint –von Seiten der Kunsthalle jedenfalls manchmal etwas zu effizient nachgegangen werden.
In kommerzieller Hinsicht scheint das Löwenbräu dennoch nicht nur gut zu funktionieren. Global Player Iwan Wirth setzt schon seit langem auf Sammler im Ausland und ist mit zwei Dependancen in London vertreten. Eine dritte wird im Oktober diesen Jahres dazukommen. Neu hinzugezogene, kleinere Galerien haben auf dem Areal hingegen einen schweren Stand. Michael Krethlow, Berner Galerist mit vorzüglichem, aber auf junge Schweizer Künstler spezialisiertem Programm, eröffnete vor einigen Jahren einen Ableger seiner Galerie Kabinett direkt gegenüber dem Löwenbräu. Nach nur wenigen Jahren gab er ihn wieder auf – der Umsatz stimmte nicht.
Gerade in letzter Zeit haben einige neue Galerien und Ausstellungsräume in Zürich eröffnet, die sich jedoch aus dem Dunstkreis des Löwenbräus zurückziehen, sich auf eine unabhängige Praxis besinnen und alternative Positionen vorstellen. Ausstellungsraum25, Plattformelf, White Space, Les Complices, staubkohler, Galleria Laurin oder Artrepco sind nur einige der Namen, die die Zürcher Kunstszene mit frischem Blut versorgen und mit Ironie und Provokation Kultur als Wirtschaftsfaktor, wie das Löwenbräu es vormacht, kommentieren.
Daros am schönsten ist von Henrike Schulte

















