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Neue Galerien in Berlin - Teil II

New kids on the block II

Dominikus Müller

7. September 2007 

Die zweite Runde der Galerie-Neueröffnungen dieses Herbstes startet gleich mit einem internationalen „Big Player“ ersten Ranges. Die bislang in London und Zürich beheimateten Haunch of Venison machen nun doch nach langem Hin und Her ihren Projektraum in Berlin auf. In der Heidestraße hinter dem Hamburger Bahnhof wird in Zukunft ein mehrere hundert Quadratmeter großer Raum Platz für unterschiedlichste Projekte geben. Laut Aussage des künftigen Direktors Jürg Judin, der bislang für die Züricher Dependance von Haunch of Venison zuständig war, wird der Berliner Ableger jedoch nicht als Galerie geführt. „Wir haben in Berlin kein Sales-Team“, so Judin. Stattdessen soll der massive Raum eher für längerfristige und in anderen Räumen aufgrund des Umfangs oder der Art schwierig zu bewerkstelligenden Shows genutzt werden. So wird auch die Eröffnung am 13. September mit dem Projekt „Lustfaust“ des jungen britischen Künstlers Jamie Shovlin eine eher ungewöhnliche Veranstaltung sein. Shovlin hat eine fiktive Berliner Krautrock-Band der späten 1970er Jahre namens „Lustfaust“ aus der Taufe gehoben, die an diesem Abend eine Live-Performance mit dem Berliner Musiker Schneider TM geben werden. Parallel dazu werden limitierte Split-7inches mit „Kollaborationen“ der fiktiven Mitglieder der alten Band erscheinen. Rund um diesen musikalischen Kern hat Shovlin ein ganzes Devotionalien- und Memorabilia-Universum entworfen – alte Tapes, Tourposter und T-Shirts, Eintrittskarten, Fanzines etc. – und so die Geschichte einer Band aus den Erinnerungsfragmenten und Fetischen einer fiktiven Fankultur geschrieben. Ab dem 29. September wird dann die Berlin Buddha betitelte Arbeit des chinesischen Künstlers Zhang Huan gezeigt. Huan lässt 7,5 Tonnen Asche abgebrannter Räucherstäbchen aus China importieren und wird daraus eine gigantische Buddha-Statue pressen. Am Abend der Eröffnung sollen die Verschalungen gelöst werden. Die Unsicherheit, ob die Statue sofort in sich zusammenfallen, in einem langsamen Zerfallsprozess peu à peu aus der Form gehen, oder gar bis zum Ende der Ausstellung am 8. Dezember stehen bleiben wird, ist Teil des Projekts. Anschließend sind bislang Shows mit Brian Alfred, der die Wände der riesigen Lagerhalle mit über 300 kleinformatigen Portraits bedecken, und Barry Le Va, der große, raumfüllende Skulpturen präsentieren wird, geplant. Generell will Haunch of Venison den Berliner Raum nicht im Galerie-Rhythmus bespielen, sondern sich auf circa vie längerfristige Projekte pro Jahr beschränken und dabei auch Künstler zeigen, die nicht zwingend aus dem Galerieprogramm stammen müssen. Haunch of Venison können es sich also leisten, in Berlin „eher museal“ und „unabhängig vom Markt auszustellen“ (wie Jürg Judin das formuliert) und sich ganz auf ihre repräsentative Anwesenheit in Berlin zu konzentrieren. Kein Wunder, steht doch seit einigen Monaten mit dem Auktionshaus Christie’s eine der wohl finanzkräftigsten Größen der Kunstwelt als Eigentümer hinter der Galerie.

Eine gute Woche später eröffnen Henrikke Nielsen und Oliver Croy ihre neue Galerie in der Hedemannstraße 14 im nördlichen Kreuzberg. croy nielsen gibt es zwar schon seit 2 Jahren, doch war das Projekt bisher eher als einer der profiliertesten Off-spaces Berlins bekannt. Betrieben wurde croy nielsen in Henrikke Nielsens und Oliver Croys Privatwohnung in der Oderberger Straße am Prenzlauer Berg. Oliver Croy war bislang hauptsächlich als Künstler tätig und unter anderem auf der letzten Berlin Biennale vertreten. Henrikke Nielsen hat die letzten zwei Jahre als Assistentin für Esther Schipper gearbeitet und zeichnete dort jüngst für die Gruppenshow „Der Droste-Effekt“ verantwortlich, die gleichzeitig ihren Abschied von der Galerie markiert. Nielsen und Croy haben sich dazu entschieden, sich ganz auf die eigene Galerie zu konzentrieren und wollen mit einigen der bislang ausgestellten Künstler weiter arbeiten. Der dänische Künstler Jacob Dahl Jürgensen, der bereits 2005 zusammen mit der Malerin Anja Schwörer in der Oderberger Straße ausgestellt hat, wird zur Eröffnungsausstellung am 21. September die neuen Räume in der Hedemannstraße bespielen und „die ganze Galerie als Kulisse inszenieren“, so Henrikke Nielsen. Dahl Jürgensen wird sowohl mit Diaprojektionen und Postern, als auch mit skulpturalen Elementen und einer speziell entworfenen Lichtdramaturgie arbeiten. Danach sind Ausstellungen des Fotografen Roman Schramm und der Berliner Videokünstlerin Judith Hopf sowie eine Gruppenshow mit Des Hughes und Falke Pisano geplant.

Oliver Croys ehemalige Künstlerkollegen Jaro Straub und Matthew Burbidge bestreiten am 28.September nur wenige Querstraßen entfernt in der Kochstraße 55-58 die Eröffnung von Spesshardt & Klein. Annette von Spesshardt, die bis vor einem Jahr mit dem Galerie-Projekt „Echolot“ in der Schröderstraße von sich Reden machte, hat sich nach einer Babypause dazu entschlossen, in anderen Räumen und als klassische Galerie unter eigenem Namen neu zu eröffnen. Zusammen mit ihrem gleichberechtigten Partner Peter W. Klein, einem Stuttgarter Sammler, hat sie die luxuriösen, 300 Quadratmeter großen Räume einer ehemaligen Bank in der Kochstraße übernommen. Aus dem alten Echolot-Team nimmt von Spesshardt allein Franziska Holstein mit in ihr neues Galerie-Programm, das momentan zwar nur fünf Positionen umfasst, aber bereits Anfang nächsten Jahres auf sieben Künstler aufgestockt werden soll. Neben den genannten Matthew Burbidge, Franziska Holstein, Jaro Straub, Markus Krieger und Bettina Krieg, die die zweite Ausstellung und von Spesshardts Teilnahme an der PREVIEW BERLIN bestreiten wird, ergänzen dann Alexandra Hopf und Stefanie Schneider das Programm. Burbidge/Straub präsentieren zur Eröffnung eine Reihe gemeinsamer Arbeiten, die von Werken aus beider Soloprogramm flankiert werden. So soll sich eine Mischung aus gegenseitigen Annäherungen, Kollaborationen und den jeweiligen Ausgangspositionen von Straub und Burbidge ergeben. Das Zentrum der Galerie bildet eine Art Brunnen, eine Plaza in der Galerie, die – so zumindest der erste Eindruck nach der Besichtigung – das Erscheinungsbild der Ausstellung definitiv bestimmen wird. Burbidge und Straub arbeiten immer wieder mit Geräuschen und Musik, wie auch sich bewegenden skulpturalen Elementen: So wird es zum Beispiel eine Art strombetriebener „Non-intentional-Steeldrum“ zu sehen und zu hören geben. Das architektonische Extra der Räume Annette von Spesshardts und Peter W. Kleins wird ebenfalls mit einer Soundarbeit bespielt: Von der alten Bank ist ein Tresorraum mit massiver Stahltür geblieben, der als erweiterter Ausstellungsraum für Sonderarbeiten genutzt werden soll. Burbidge und Straub werden darin unter dem Titel Patterns Why? eine bearbeitete Version eines Musikstücks des amerikanischen Minimal-Komponisten Morton Feldman installieren. Den kleinen Tresorraum will Annette von Spesshardt im weiteren Verlauf für Sonderprojekte und Aktionen neben dem regulären Ausstellungsbetrieb nutzen, genauere Pläne diesbezüglich wollte sie allerdings noch nicht preisgeben.

Zurück in den Norden von Mitte, zurück in die unmittelbare Nachbarschaft von Haunch of Venison. Am 27. September eröffnet in der Invalidenstraße 90 Birte Kleemann, bis vor kurzem noch Assistentin von Judy Lübke bei Eigen + Art, zusammen mit ihrem Partner Alexander Duve unter dem Namen duvekleemann. Die erste Ausstellung wird mit Ali Kepenek gleich einer der bekanntesten Fotografen Berlins übernehmen. Kepenek, vor allem durch seine Sub- und Streetkultur-Themen wie auch Modefotografie aufgefallen, zeigt mit „Theo – Leipziger Straße – Berlin“ nach einer Reihe von Teilnahmen an Gruppenshows seine erste Einzelausstellung. Er hat Theo, einen engen Freund, mit der Kamera durch dessen Leben begleitet und kombiniert die dabei entstandenen Fotografien mit Gegenständen aus Theos Leben zu einer Installation, die ein umfassendes Portrait ergeben. Thematisch bleibt sich Kepenek treu: Theos Leben ist gekennzeichnet von einer Berliner Ausgeh- und Szenekultur - in ihren positiven wie auch negativen Seiten. Neben dieser ersten Ausstellung wird am 2. Oktober die Performance MÄXIMAL von Martin G. Schmid zu sehen sein, der ab dem 15. November, dann mit abstrakter Malerei, die zweite Einzelausstellung von duvekleemann bestreitet. Während dieser zweiten Ausstellung ist außerdem ein Talk mit Marcus Steinweg fest eingeplant. Laut Birte Kleemann ist das Programm für das erste halbe Jahr generell bereits unter Dach und Fach. Es endet mit einem interessanten Projekt ab Januar nächsten Jahres: Während sechs aufeinander folgenden Wochen soll jeweils für eine Woche eine eigenständige Videoposition gezeigt werden. Zwar wollen duvekleemann ganz klassisch im Sechs-Wochen-Zyklus eröffnen, planen aber darüber hinaus, unregelmäßige Veranstaltungen jenseits des normalen Ausstellungsbetriebs fest im Galerieprofil zu etablieren.

Dank der Eröffnungen von duvekleemann und Haunch of Venison etabliert sich im Areal um den Hamburger Bahnhof mit den schon ansässigen Spielhaus Morrison, Schuster & Scheuermann sowie Frühsorge allmählich so etwas wie ein neues Galerie-Cluster, das zwar schon seit einer Weile beschworen wird, doch erst jetzt stärker an Form und Kontur gewinnt. Man darf gespannt sein, denn standort-technisch bekommen die Galerien starke Konkurrenz aus dem Süden: Claes Nordenhake hat in der Lindenstraße in Kreuzberg ein ganzes Haus gekauft und nimmt gleich einige Kollegen mit ins Boot. Doch dazu, wie auch zu Aurel Scheiblers neuen Räumen in der Charlottenstraße, nächste Woche mehr.


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