Interessierten Kunden, die Ware und gleich das nötige Kaufgeld dazu anzubieten – das wäre für Kunsthändler ein schöner Traum. In der Automobilbranche ist er seit einigen Jahren üblich. Erst trägt man das Geld zum Kunden, um es dann beim Verkauf wieder zurückzuerhalten. Und man macht eine doppelte Schnitte, denn man verkauft zweifach: das Auto und das Geld. Eine pfiffig ausgedachte Geldmaschine, die sich diskret als Finanzdienstleistung deklariert. DaimlerChrysler hat die für Amerika zuständige Zentrale seines international agierenden Finanzdienstleisters Financial Services vor Jahren in Detroit, einem geschichtsträchtigen Ort der Automobilindustrie, angesiedelt. Weil heute Dienstleister ihren Firmensitz nicht mehr im Zentrum einer Stadt haben müssen, hat es DaimlerChrysler Financial Services in den Detroiter Vorort Farmington Hills verschlagen.
Dieser Standort in der urbanen Pampa war anfangs äußerst gewöhnungsbedürftig, hat aber zu einer ganz besonderen Nachbarschaftsfreundschaft geführt. Vor den Toren von Detroit liegt im grünen Campus die 1932 privat gegründete und von Eliel Saarinen gebaute Cranbrook Art Academy, die heute im Ranking graduierter Kunstausbildung an amerikanischen Hochschulen unter den ersten fünf liegt. Die enge Kooperation zwischen DaimlerChrysler Financial Services (DCFS), dem drittgrößten automobilen Finanzdienstleister der Welt, und der Cranbrook Art Academy, einer hochselektiven Künstlerschmiede mit nur 150 Studenten, begann, weil man die Hallen und Räume von Financial Services mit Kunst ausschmücken wollte. Für Jürgen Walker, den Vorstandschef von Financial Services, lag es nahe, die Kunsthochschule um die Ecke anzufragen. Gemeinsam mit den Mitarbeitern wurden die Ateliers der Kunststudenten besucht und seit mehren Jahren werden jedes Mal von 30 Mitarbeitern Kunstwerke ausgesucht und für ein Jahr ausgeliehen. Gleichzeitig finden regelmäßig Gespräche über zeitgenössische Kunst für die Mitarbeiter statt. In der Zwischenzeit ist die Freundschaft immer enger und engagierter geworden und seit 2005 vergeben der deutsche Finanzdienstleister und die amerikanische Kunsthochschule gemeinsam einen Preis für junge Künstler – den „Emerging Artist Award“.
Wenn Unternehmen sich für Kunst und Kultur engagieren, tun sie dies, weil sie auf Imagegewinn und starke Außenwirkung setzen. Was eignete sich dafür besser, als generös einen Kunstpreis zu stiften und damit eine effiziente Medienpräsenz zu erzeugen? Es wird eine die Legitimation stützende Fachjury eingesetzt und dann kommen auf wunderbare Weise Preisträger dabei heraus, die mit dem Markenbewusstsein bestens kompatibel sind – wie zum Beispiel bei dem von der Modemarke Hugo Boss gestifteten und vom Guggenheim Museum betreuten Preis. Jurieren wird dann zur kuratorischen Glanzleistung, wenn es darum geht, das richtige Zusammenspiel von Herrenmode und Künstler, eines Hugo-Boss-Style und eines Preisträgers wie Matthew Barney zu finden.
Financial Services verkauft keine schicken Produkte, sondern handelt mit sehr Profanem, mit Geld – augenblicklich mit einem Vertragsvolumen von 115,3 Milliarden Euro. Vielleicht deshalb hat sich das Kunstengagement von DCFS zuerst nach innen gerichtet und zeitgenössische Kunst zur Mitarbeitermotivation und -bindung genutzt. Erst später kam die Idee, eine größere Außenwirkung anzupeilen und einen Preis zu stiften. Als Geldverleiher darin geübt, das Risiko des Totalverlustes zu verarbeiten, setzte man mutig auf eine Preisvergabe an einen noch im Entstehen begriffenen Künstler, der erst allmählich sichtbar wird. Wie sich die kreativ-künstlerische Substanz des „emerging artist“ wirklich entwickeln wird, ist noch ungewiss. Die Auswahl steht für ein Versprechen, aber auch für ein Risiko – und das ist ja etwas, wovon Jürgen Walker als Finanzdienstleistungs-Stratege etwas versteht.
Was bewegte Jürgen Walker zu dieser Risikoaufnahme? „Zahlen sind nicht alles“ und „Es gibt Dinge im Leben, die nicht in Zahlen auszuwerten sind“, erklärt er im Gespräch. Man glaubt es ihm sofort. Es klingt überzeugend, dass im Ausgleich zur Suche nach Gewinnmargen aus Zins- und Risikoverarbeitung die Suche nach Sinnressourcen sein Motiv für das Kunstengagement war. Aber er fügt hinzu, dass erst das stetige Engagement anderer Menschen – beispielsweise Marylin Finaly, die die Kunstgespräche mit den Mitarbeitern durchführt – auch bei den Mitarbeitern Interesse und Begeisterung für die junge zeitgenössische Kunst auslöste. Der Geschäftsführung hat deutlich gemacht, dass Kommunikation über Kunst eine höchst sinnvolle Investition für ein Unternehmen sein kann.
Diese langsam gewachsene Überzeugung belegt, was Prof. Dr. Michael Hutter wissenschaftlich untersucht hat. Der Wirtschaftwissenschaftler an der Universität Witten-Herdecke sagt, dass Kunst und die Irritation von Kunst in der Routine von Unternehmenskommunikationen äußerst produktiv wirken können. Aber das Kunstengagement von Unternehmen untersteht immer auch einer betriebswirtschaftlichen Rechtfertigung gegenüber Eigentümern und Anteilseignern. Das ist wohl auch der Grund für die von DCFS bemühte Legitimations-Rhetorik, die auf eine Werteideologie rekurriert. In der Preisbroschüre heißt es, es werde bei der Auswahl nach Künstlern gesucht, die „die von beiden Kooperationspartnern geteilten Werte wie Integrität, Offenheit und Respekt … “ und so weiter verkörpern. Treffender ist es, wenn Jürgen Walker bekennt, es gehe ihm um „superheiße Kunst in der Geschäftswelt“. Hutter beschreibt es dahingehend, das „Störpotential“ junger zeitgenössischer Kunst in die Routinen des Unternehmens einzuschleusen.
In diesem Jahr wurde Andrew Simsak, geboren 1977, aus den zehn von der Hochschule vorgeschlagenen Kandidaten ausgewählt. Der Preis umfasst eine öffentliche Ausstellung jeweils im Herbst im Berliner Hauptsitz der DaimlerChrysler Financial Services am Potsdamer Platz. Die Ausstellung wird leider auf Grund der extrem kurzen Dauer von nur 14 Tagen nicht wirklich von der Berliner Kunstöffentlichkeit wahrgenommen. Ein Stipendium ermöglicht es, für einen Monat im Berliner Künstlerhaus Bethanien zu leben und als Dreingabe gibt es für diese Zeit ein Auto. In diesem Jahr wurde zusätzlich arrangiert, dass der Preisträger den Auftrag erhielt, die Presselounge des Berliner Art Forums zu gestalten. Für Andrew Simsak war es das erste Mal, in öffentlichem Auftrag eine ziemlich große Fläche zu inszenieren. Ihm ist mit einem lichtgrünen Raum, in dem er wasserdurchspülten Objekten und eine florale Videoprojektion arrangierte, sehr treffend gelungen, seine Auffassung von Natur und Körper unaufdringlich mit einer angenehm kühlenden Atmosphäre für den meist sehr warmen Messeraum zu verbinden.
Mehr im Dossier Kunst und Markt













