11. April 2007
Risikoreich, experimentell und projektorientiert – so lässt sich die kuratorische Arbeit unter der Federführung von Gail B. Kirkpatrick beschreiben. Seit 1991 setzt die Amerikanerin ihre Projekte in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster (AZKM) auf diese Weise um und scheut dabei das Wagnis nicht, dass ein Vorhaben auch mal scheitern könnte. Mit Münster verbunden ist Gail B. Kirkpatrick, die in Princeton, New Jersey aufwuchs, schon seit langer Zeit. Ein Studienwechsel führte sie vom New Yorker Wells College in die westfälische Universitätsstadt, wo sie zunächst ihr Studium fortsetzte und später – neben der Arbeit als wissenschaftliche Assistentin am Rheinischen Landesmuseum in Bonn – einen Lehrauftrag wahrnahm.
Münster – ungefähr 270.000 Einwohner, Fahrradmetropole, Provinzstadt mit Charme und nach dem LivCom-Award 2004 sogar die lebenswerteste Stadt weltweit. In der Regel kaum vom internationalen Kunst-Jetset frequentiert, wird Münster in diesem Jahr zu einer der wichtigsten Pilgerstätten, die die Liebhaber zeitgenössischer Kunst ansteuern werden. Der Publikumsmagnet ist die vierte Auflage der skulptur projekte, die seit 1977 in 10-jährigem Rhythmus stattfinden. Als weiterer verheißungsvoller Anziehungspunkt präsentiert sich die zeitgleich in der AZKM laufende Ausstellung des Briten Phil Collins, der 2006 für den Turner Prize nominiert war.
Wie zeitgenössisch ist die Kulturlandschaft der westfälischen Universitätsstadt – auch außerhalb der Zeit der „skulptur projekte“? Wie hochkarätig ist ihr zeitgenössisches Kunstangebot? Welches Potential besitzt der Kunststandort Münster? Als permanente Diskussionsplattform für zeitgenössische Kunst prägt vor allem die AZKM die dortige Kulturlandschaft. Grund genug, vor Ort einmal nachzufragen. Im Gespräch mit Kristina Diall sprach Gail B. Kirkpatrick über die Arbeit der AZKM und den Kunststandort Münster.
artnet Magazin: Frau Dr. Kirkpatrick, seit 1991 leiten Sie die Geschicke der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster. Welche Herausforderung haben Sie damals angetreten?
Gail B. Kirkpatrick: Das war eine relativ große Herausforderung, denke ich, wenn ich zurückblicke. Damals gab es keine städtische Institution für bildende Kunst in Münster – keine städtische Galerie, keine Kunsthalle. Unser damaliger Dezernent Herr Jansen meinte, es sei wichtig – zumal Münster auch eine Kunstakademie hat –, dass auch die Stadt sich bemühe, diese Dynamik aufzunehmen, ein Ausstellungsprogramm mit internationalem Zuschnitt zu entwickeln und gleichzeitig Kooperationen mit Künstlern einzugehen, die hier wohnen, um damit die Kunst etwas großzügiger zu fördern. Damals haben wir immer nach einer Halle gesucht, in der Ausstellungen stattfinden könnten. Angefangen haben wir dann in der Hawerkamp-Halle. Die steht heute noch und wird von uns als Lager benutzt. Wir haben dort mehrere Jahre lang Ausstellungen gemacht mit einem Programm, das von ganz jungen Nachwuchskünstlern, häufig auch Absolventen der Kunstakademie, bis hin zu ganz renommierten Namen reichte – wie zum Beispiel Simon Starling, der vor ein paar Jahren den Turner Prize gewonnen hat. Dieses Programm setzt die Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst fort.
artnet Magazin: Im Jahr 2004 sind Sie mit der Städtischen Ausstellungshalle am Hawerkamp hier in die fünfte Etage des Speichers II gezogen. Was hat sich durch den Umzug geändert?
Gail B. Kirkpatrick: Hier im Speicher II ist es viel besucherfreundlicher als in der alten Hawerkamp-Halle. Wir haben professionellere Bedingungen, eine eigene Werkstatt. Zudem ist der Anschluss an die Innenstadt vorteilhafter: Vom Bahnhof aus sind wir in gut fünf Minuten zu Fuß erreichbar, sodass wir mit unserem Programm einen viel größeren Interessenskreis erreichen können.
artnet Magazin: Die AZKM versteht sich als „Laboratorium“ und „Diskussionsforum“. Was bedeutet dies konkret für die Künstler?
Gail B. Kirkpatrick: Das bedeutet, dass wir sehr häufig Projekte realisieren, die für unseren Raum konzipiert werden. Eine Künstlerin oder ein Künstler wird eingeladen, und wir überlegen, was wir ganz neu, sozusagen speziell für Münster entwickeln können. Ich habe ein Team von Mitarbeitern, darunter mein technischer Leiter Christian Geißler, das sehr intensiv an solchen Projekten arbeitet. Es entstehen aber nicht nur ganz neue Arbeiten. Die Ausstellung, die wir zurzeit zeigen, ist relativ klassisch. Eine Malereiausstellung der Amerikanerin Laura Owens mit Arbeiten, die im Atelier der Künstlerin entstanden sind. Sehr häufig agieren wir hier vor Ort wie in einem Laboratorium, denn gerade unsere Räumlichkeiten bieten sich für diese Art von Ausstellung an.
artnet Magazin: Die Arbeiten entstehen also teilweise direkt vor Ort…
Gail B. Kirkpatrick: …ja genau, im Dialog mit den Künstlern, mit unseren Bedingungen hier, mit unserem Publikum. Wir haben ja auch die Kunstakademie hier… Alle diese Faktoren sind Gesichtpunkte, die in den Dialog mit einfließen.
artnet Magazin: Das Ausstellungsprogramm der AZKM ist experimentell und projektorientiert ausgerichtet. Auf welche Künstler setzen Sie? Fördern Sie auch Künstler aus der Region?
Gail B. Kirkpatrick: Ja, auf jeden Fall. Das ist ein Schwerpunkt unseres Programms. In regelmäßigen Abständen veranstalten wir Ausstellungen mit ganz jungen aus der Region, aus Nordrhein-Westfalen. Im vorletzten Jahr hatten wir ein Projekt mit Kathrin Schlegel, eine Künstlerin, die ihren Abschluss hier an der Kunstakademie bei Guillaume Bijl gemacht hat. Dass wir ganz junge Positionen zeigen, ist wirklich sehr wichtig für unser Programm. Dass wir auch renommierte Künstler wie Laura Owens zeigen, gehört, sagen wir, ein bisschen mit zu unserem Förderkonzept: Die international renommierten Namen „ziehen“ in gewisser Weise die noch nicht so bekannten jungen Künstler mit. Es ist für uns sehr bedeutsam, dass wir diese Vielfalt anbieten. Und das ist wichtig für die jungen Künstler, die sich so hoffentlich mit unserer Hilfe positionieren können.
artnet Magazin: Hier im Speicher II befindet sich die AZKM in der fünften Etage. Größtenteils beherbergt das Gebäude Ateliers, die Künstler zu einem günstigen Preis mieten können. Kooperieren Sie auch mit diesen Künstlern, hängen die Ateliers mit der AZKM zusammen oder sind sie unabhängig?
Gail B. Kirkpatrick: Hier im Haus haben wir drei Funktionen: Ganz unten befinden sich die Atelierräume der Modemacherin Siggi Spiegelburg und Büroräume des Coppenrath Verlags unseres Hausherrn Wolfgang Hölker, dann folgen die vier Atelieretagen und hier oben die Ausstellungshalle. Wir sind alle autark, aber natürlich ist es für mich sehr interessant, einen Künstler aus dem Haus zu berücksichtigen, wenn wir eine Ausstellung konzipieren und im Haus ein Künstler arbeitet, der sehr gut in dieses Projekt passt. Im nächsten Jahr plane ich die Gruppenausstellung „Der Künstler als Geschichtenerzähler“ mit international renommierten Künstlerinnen und Künstlern wie Sven Johne, Sophie Calle, Marcel van Eeden und Corinna Schnitt. An diesem Projekt wird sich zum Beispiel auch Milo Köpp beteiligen, der ein Atelier hier im Haus hat. Diese Mischung ist uns wirklich wichtig; das ist lebendig und für einen Ausstellungsmacher sehr interessant. Ich bin aber nicht nur auf den Speicher II fixiert, wenn es um das künstlerische Potential in und um Münster geht. Ich versuche, so viele Ateliers wie möglich hier in Münster und der Umgebung zu besuchen. Ganz aktuell fördert das Kulturamt ein ganz junges Projekt: Die Künstler- und Kuratorengruppe „Initial“ wird in temporären Projekten die Stadthausgalerie als Ausstellungs- und Projektraum nutzen. Konzerte, Lesungen, Filmabende und Diskussionen über die Bedeutung der „Off-Spaces“ sollen – unter der Regie der AZKM – ein zusätzliches Kunstangebot in der Innenstadt insbesondere während der „skulpturen projekte“ schaffen.
artnet Magazin: Kommen wir einmal zum Kunststandort Münster. Die westfälische Universitäts- und Fahrradstadt mit ihrem historisch wieder aufgebauten Prinzipalmarkt ist vielerorts für ihren provinziellen Charme und ihre gediegene Atmosphäre bekannt. Unweit dieser schönen Idylle entwickelt sich jedoch seit Jahren der Hafen Münsters zu einem Gegenpol, der urbaner, rauer und weniger perfekt wirkt. Die AZKM ist genau dort, am so genannten „Kreativkai“, ansässig. Wie lässt sich die Szene am Kreativkai beschreiben? Wer ist hier in den letzten Jahren zusammengekommen?
Gail B. Kirkpatrick: Der Hafen ist nicht im traditionellen Sinne „Zentrum“. Dort ist es industriell, nicht so aufgeräumt und charmant wie in der Innenstadt. Das hat einen ganz besonderen Reiz – obwohl sich auch hier eine Entwicklung feststellen lässt: Als wir angefangen haben, war es noch viel rauer, noch viel unaufgeräumter. Ich denke, in den nächsten Jahren wird es immer schöner und eleganter, auch wenn das Hafengebiet natürlich immer rauer bleiben wird als der Stadtkern. Am Hafen herrscht eine andere Lebensdynamik, ein anderes Lebensflair und ich glaube, die Menschen mögen diese Unterschiede. Das Hafengebiet in Münster erzeugt ein Anderssein, dort ist es nicht so geregelt wie im bürgerlichen Alltagsleben. Ich glaube, dass man dies schätzt. Außerdem läuft das parallel zu dem Anliegen zeitgenössischer Kunst, das vorgestellt wird. Deshalb ist es eigentlich ganz angenehm mit einem Programm zeitgenössischer Kunst an diesem Ort arbeiten zu können.
artnet Magazin: Frau Dr. Kirkpatrick, ist es eigentlich schwierig, in Münster eine Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst zu betreiben? Wie kunstsinnig ist der Münsteraner und wie aufgeschlossen gegenüber zeitgenössischer Kunst?
Gail B. Kirkpatrick: Wir haben hier in Münster ein sehr interessiertes Publikum. Ein gutes Beispiel dafür ist der Freundeskreis der AZKM, der seit 2000 mein vergleichsweise elitäres Ausstellungsprogramm mit großem Engagement und Kunstverständnis unterstützt. Es gibt zahlreiche bisher wenig bekannte Sammler in Münster und im Umland. Schließlich hatte Münster durch die „skulpturen projekte“ 30 Jahre Zeit, sich immer wieder mit den neuesten Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst auseinander zu setzen. Zeitgenössische Kunst hat einen wirklichen Stellenwert in der hiesigen Kulturlandschaft.
artnet Magazin: Wie aber sieht die zeitgenössische Kunstlandschaft in Münster überhaupt aus? Welche Institutionen oder Galerien machen sich abgesehen von der AZKM für diese Kunstlandschaft stark?
Gail B. Kirkpatrick: Wenn man Münster mit vergleichbaren Städten misst, haben wir eigentlich ein relativ dichtes und hochkarätiges Angebot. Zum Beispiel mit dem Kunstverein, der einer der ältesten in Deutschland ist und ein sehr anspruchsvolles Programm bietet. Auch das Landesmuseum hat einen Schwerpunkt auf zeitgenössischer Kunst – natürlich durch die Skulpturenausstellungen. Dann wären da zum Beispiel noch die Kunstakademie und dessen Wewerka-Pavillon zu nennen, wo ganz experimentelle, junge Positionen von Studierenden gezeigt werden. Oder auch der Förderverein Aktuelle Kunst. Wir haben hier vielleicht weniger Galerien, aber dennoch einige, die ganz interessante Positionen zeigen. Zum Beispiel Stefan Rasche mit einer Mischung aus Künstlern, die in Münster studiert haben, und überregional arbeitenden Künstlern. Dann Mike Karstens hier im Speicher II mit einem Programm, das zu den interessantesten und wichtigsten gehört und das sich Künstlern widmet, die sich mit Druckgrafik auseinander setzen: Richter, Kabakov, aber auch einige junge Künstler, die im Speicher II ihr Atelier haben. Also eine bunte Vielfalt an teilweise sehr anspruchsvollen Aktivitäten und Ausstellungsangeboten.
artnet Magazin: Im Juni eröffnet die vierte Auflage der „skulptur projekte“ und wird die internationale Aufmerksamkeit auf Münster lenken. Zeitgleich zur „skulptur projekte 07“ wird in der AZKM eine Video-Installation des britischen Künstlers Phil Collins zu sehen sein, der 2006 für den Turner Prize nominiert war. Haben Sie sich bewusst dazu entschieden, Collins während der Skulpturenausstellung zu zeigen?
Gail B. Kirkpatrick: Dass Phil Collins für den Turner Prize 2006 nominiert worden ist, war Zufall, denn ich hatte ihn vor seiner Nominierung nach Münster eingeladen. Aber es ist gar kein Zufall, dass ich ihn ausgewählt habe, um eine seiner Arbeiten während der „skulptur projekte 07“ zu präsentieren. Die Ausstellung beschäftigt sich mit Arbeiten im öffentlichen Bereich, also salopp gesagt: hauptsächlich mit Projekten im Außenbereich. Collins aber setzt sich mit Öffentlichkeit auf einer medialen Ebene auseinander und geht der Frage nach, wie unsere Privatsphäre durch die Medien, durch die medialisierte Öffentlichkeit geändert, beeinträchtigt oder gesteuert wird. Er thematisiert Öffentlichkeit, aber im Bereich der Medien. Das Projekt The return of the real, das er hier in Münster zeigen wird, setzt sich mit dieser Problematik im Hinblick auf Reality TV auseinander. Wenn sich Künstler mit dem Thema Öffentlichkeit beschäftigen, gehört der mediale Aspekt unbedingt dazu.
artnet Magazin: Mit dem Thema Öffentlichkeit schlagen Sie also eine Verbindung zur „skulptur projekte 07“. 1997 haben Sie im Anschluss an die dritte Ausgabe der „skulptur projekte“ die Schau „Plastik. Eine Ausstellung zeitgenössischer Skulptur“ gezeigt. Wieso gab oder gibt es eigentlich keine Kooperation zwischen „skulptur projekte“ und der AZKM? Die „skulptur projekte“ kooperieren ja zumindest mit dem hiesigen Kunstverein und der Kunstakademie.
Gail B. Kirkpatrick: Also die Kooperation mit dem Kunstverein liegt nahe, da sich dieser im Landesmuseum befindet. Ich finde aber, dass die verschiedenen Institutionen hier in Münster auch ihre eigene Identität behalten sollen. Unser Projekt ist kein Teil der „skulptur projekte“, aber es passt dialogisch sehr gut dazu. Ich stehe in Kontakt zu Kasper König, aber es ist auch ganz wichtig, dass andere Institutionen und das, was unsere Halle ausmacht, während der Zeit der Skulpturenausstellung sichtbar bleiben. Das Ausstellungsprogramm, das ich seit 15 Jahren verantworte, hat einen eigenen roten Faden. Phil Collins während der „skulptur projekte“ zu zeigen, ist aus inhaltlichen und konzeptionellen Gründen konsequent. In dem Ankündigungsheft der „skulptur projekte“ werden wir mit einem Hinweis vertreten sein. Auf dieser Ebene gibt es natürlich schon Kooperationen.
artnet Magazin: Frau Dr. Kirkpatrick, ich möchte Sie zum Schluss einmal folgendermaßen zitieren: „Ich betreibe einen Ausstellungsort, an dem Künstler risikoreich arbeiten können. Und das bedeutet, dass hin und wieder ein Projekt auch mal scheitern kann; das gehört für mich zu der gewollten Dynamik meines ‚Kunstbetriebs'. Zeitgenössische Kunst auszustellen, bedeutet für mich grundsätzlich ein Wagnis, sowohl für den Produzenten als auch für den Rezipienten." Ist schon mal eins der Projekte gescheitert oder wurde der Mut zum Risiko bislang belohnt?
Gail B. Kirkpatrick: Wenn man zeitgenössische Kunst ausstellt, ist das etwas anderes, als wenn man eine historische Position ausstellt. Das ist ein Angebot. Ein Angebot, um ästhetische Fragen zu stellen. Es werden eher kritische Kategorien erarbeitet, als dass feste, wissenschaftliche Gegebenheiten geliefert werden. Obwohl auch Wissenschaft natürlich etwas Dynamisches ist. Ich suche eine Künstlerin oder einen Künstler aus, deren oder dessen Position ich wichtig finde, aber ich weiß nicht immer, wie das Kunstwerk genau ausgehen wird. Dass man experimentieren kann, ist einfach ganz wichtig.
















