Ein Erdrutsch offenbar, ein Erdbeben vielleicht oder die alle Zivilisationsspuren versiegelnden Lavakrusten eines Vulkanausbruchs – John Millers Topology for a museum (1994) scheint das Modell eines postmodernen Pompeji, der sechsteilige skulpturale Entwurf für einen Landschaftspark, in dem die Überreste urbanen Lebens zu braunen Klumpen aus Gips, Latex und Acryl verrührt sind. Ein bisschen Backe-Backe-Kuchen mit dem alten verbotenen Exkrement, ein bisschen auch eine kleinliche Spielzeugeisenbahntopografie, in der aufragende Verkehrszeichen, antike Säulen und anderer Schrott vom naiven Machtanspruch eines Kinderzimmergestalters künden.

Und doch ist die Lage komplizierter. Sie ist geradezu vertrackt. Jedes der aufgesockelten Klumpatsch-Gelände folgt nämlich dem gleichen hoch formalen Rezept. Immer die gleichen Elemente sind in die braune Masse eingearbeitet, deren Ausformungen sich bei näherem Hinsehen als materialund geschichtsbewusste Plastiken entpuppen. Die Skulpturen sind solide verankert in der konzeptuellen Nachkriegskunst, mit einer Referenz zu Robert Smithson, und werden als Deklination geografischer und geologischer Bezüge sauber in ein geometrisch-minimalistisches Raster eingefügt. Wo Altmeister wie Mike Kelley und Paul McCarthy oder feministische Sprachschöpferinnen wie Cindy Sherman und Carolee Schneemann „abject art“, das künstlerische Spiel mit den verdrängten Körperfunktionen und -ausscheidungen als politische Therapie gesellschaftlicher Obsessionen verstehen, spielt Miller mit der Institution Museum und dem Kunstglauben seiner Betrachter. Hoch und niedrig, schön und eklig, handgemacht und verhunzt – Miller kehrt eher das Unbewusste des Kunstbetriebs nach außen, als dass er Erfahrungsseelenkunde an seinem Publikum betriebe. In einer schönen neuen Welt der Spaßkunst, 14 Jahre nach der Entstehung des Werks, erscheint Millers Topologie wie das hellsichtige Menetekel einer immer naiveren Pop-Kultur.

John Miller wurde 1954 in Cleveland, Ohio, geboren und lebt in Berlin und New York. Er ist nicht nur ein prägender Vertreter künstlerischer Institutionskritik, sondern auch als glänzender Theoretiker und Kritiker bekannt.