Jubiläumsauktionen, Villa Grisebach Berlin. 30. November bis 2. Dezember 2006
Jaja, die gute alte Teenie-Zeit. Nach der Wahrheit suchen, Pickel im Gesicht, Gehversuche unter Alkoholeinfluss und mit zerzaustem Haar weinend Tagebuch schreiben, bei Kerzenlicht, versteht sich. Nur Udo Jürgens mag einen, wenn man siebzehn ist. Mit zwanzig ist dann Schluss mit lustig. Aus dem properen Spätpubertierenden ist gefälligst ein Mensch geworden. Kein Wunder, dass Heranwachsende ihren Abschied vom Teenie-Dasein oft als Bruch der eigenen Identität erleben.
Die Villa Grisebach wird nun zwanzig und ist doch schon längst kein wilder Hüpfer mehr. Im Gegenteil: In zwei Jahrzehnten hat sich das Berliner Auktionshaus zu einem der wichtigsten deutschen Anlaufpunkte für Sammler weltweit entwickelt. Die klassische Moderne vertritt es wie kein anderes Haus in Deutschland. Und so gilt es an diesem Wochenende weniger, den Schritt aus der Adoleszenz, als vielmehr den Erfolg der vergangenen Jahre zu feiern. Dazu hat man einiges aufgefahren. Das fulminante Jubiläumsangebot, das vom 30. November bis zum 2. Dezember versteigert wird, umfasst beinahe 1.500 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Graphiken und Fotografien und hat ein Gesamtvolumen von 18,5 Millionen Euro (Schätzpreis). Da ist noch mehr drin!
Was Bernd Schultz, Micaela Kapitzky und ihre Mannen in den letzten Monaten für die Jubeltage zusammengesammelt haben, ist außergewöhnlich. Höhepunkt der Versteigerung bilden vier Gemälde von Lyonel Feininger, darunter auch die Hohen Häuser, eine Gruppe zum Abriss bestimmter Gebäude, die Feininger 1918 in Paris sah und ein Jahr später in Weimar auf die Leinwand brachte (Schätzpreis 1,2 bis 1,5 Mio. Euro). Karl Schmidt-Rotluff ist gleich sechsmal vertreten, unter anderem mit zwei Original-Druckstöcken (Schätzpreis 18.000,- bis 24.000,- Euro bzw. 20.000,- bis 30.000,- Euro) und einem 1923 entstandenen Haus im Schnee mit der Darstellung einer zusätzlichen Szene bäuerlichen Lebens auf der Rückseite des Ölgemäldes (Schätzpreis 500.000,- bis 700.000,- Euro). Eine eigene Auktion ist einem weiteren Sahnebaiser auf der Geburtstagstorte gewidmet: Zwanzig Aquarelle von Emil Nolde hat man zusammentragen können, viele der begehrten Blumenbilder, aber auch eine ungewöhnliche Gebirgslandschaft im Winter ohne genaue Datierung ist dabei (Schätzpreis 60.000,- bis 80.000,- Euro).
Ebenfalls eine eigene Versteigerungssession hat man der Sammlung Hopf eingerichtet. Der 2004 verstorbene Peter Hopf – Maler und ehemaliger langjähriger Leiter des Berliner „Kunstamts“ – hatte seine Sammelleidenschaft vor allem den Künstlern der „Novembergruppe“ gewidmet. Viele darin ab 1918 tätigen Künstler gehören der so genannten „Vergessenen Generation“ an und sind nur wenigen Eingeweihten bekannt. Zu Unrecht, wie der eigene Katalog zur Auktion beweist, denn die Werke von Rudolf Ausleger, Eduard Braun, Otto Möller, Harry Deierling oder Paul Fuhrmann bringen frischen Saft und neue Kraft ins manchmal arg eintönig scheinende internationale Auktionsgeschehen und sind zugleich noch zu relativ moderaten Preisen zu haben. Höhepunkt der Sammlungsversteigerung bildet Albert Birkles großformatige Kreuztragung Friedrichstrasse von 1924, ein Hauptwerk des zum Entstehungspunkt des Gemäldes erst 24-jährigen Künstlers (Schätzpreis 90.000,- bis 120.000,- Euro).
Besonders hervorzuheben ist das sichtbar verbesserte Angebot der Villa im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Während vor ein paar Jahren schon der Aufruf eines Dieter Rothschen Sonnenuntergangs für Geraune im Saal gesorgt haben dürfte (diesjährig Schätzpreis 7.000,- bis 9.000,- Euro), hat sich das Segment unter der Leitung von Daniel von Schacky klar gemausert und bietet zunehmend gute Ware. Zum Beispiel das rot glühende Abstrakte Bild von Gerhard Richter (1992, Schätzpreis 400.000,- bis 500.000,- Euro), ein Märklinhaft wirkendes Bulgarisches Haus von Matthias Weischer (Schätzpreis 100.00,- bis 150.000,- Euro), Eine kleine Nachtmusiek (2) von Francis Alÿs (1993, Schätzpreis 50.000,- bis 70.000,- Euro), ein unbetiteltes Aquarell mit rotmundiger Schönheit von Chris Ofili (2001, Schätzpreis 9.000,- bis 11.000,- Euro) und die Abbildung wild kreischender Blumen am Arsch der Hölle von Daniel Richter (Schätzpreis 7.000,- bis 9.000,-). Ein bisschen Teenie-Gefühl ist also doch noch da.























