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Deutsche Frühjahrsauktionen erfolgreich

Händlers Nachschub

Stefan Kobel

20. Juni 2007 

Neumeister Auktionen, München, 23. Mai 2007.
Kunsthaus Lempertz, Köln, 1. Juni 2007
Hauswedell & Nolte, Hamburg, 1. Juni 2007
Van Ham Kunstauktionen, Köln, 4. Juni 2007
Galerie Bassenge, Berlin, 9. Juni 2007
Ketterer Kunst, München, 12. Juni 2007
Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 9. Juni 2007

Der Auktionsmarkt für Moderne und zeitgenössische Kunst läuft auf Hochtouren und alle wollen von dem großen Kuchen etwas abhaben. Die Händler brauchen Nachschub, nicht zuletzt weil viele von ihnen fünf bis sechs Messen im Jahr beschicken. Im Obergeschoss der Art Basel findet sich sogar bei der aktuellen Kunst Ware, die bereits ihre zweite Runde durch die Galerien dreht. Viele Sammler konkurrieren da lieber gleich bei den Versteigerungen mit dem Handel, anstatt später dessen Margen bezahlen zu müssen. So häufen sich die Auktionsrekorde auch in Deutschland, wo immer stärker über das Telefon geboten wird und einheimische Sammler im Saal oft auf die Rolle des Zuschauers beschränkt sind. Der Markt wird zweifellos globaler und die deutschen Auktionshäuser profitieren mächtig davon.

Neumeister Auktionen, München

Mit dem zweithöchsten Auktionsergebnis für ein Werk der britischen Op-Artistin Bridget Riley krönte Neumeister in München seine bisher beste Moderne-Auktion am 23. Mai. 1,32 Millionen Euro netto setzte ein Saalbieter in München für die wandfüllende Arbeit Byzantium aus dem Jahr 1969 (Taxe 600.000,- bis 700.000,- Euro) ein, um sie zukünftig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der gleichen Kunstrichtung hatte sich Victor Vasarely verschrieben, dessen quadratisches Vexierspiel Quasar II aus dem Jahr 1965 international marktgerechte 120.000,- Euro (Taxe 40.000,- bis 60.000,- Euro) von einem deutschen Händler im Auftrag gekauft wurde. Aus dem Besitz des Kunsthistorikers Max Imdahl stammte Günter Fruhtrunks durch schwarz-weiße und einen blauen Streifen rhythmisierte Leinwand Skansion. Der vom Markt etwas vernachlässigte Künstler verbuchte mit einem Gebot über 49.000,- Euro (Taxe 30.000,- bis 35.000,- Euro) ebenfalls einen neuen Höchstpreis. Ein Schüttbild von Hermann Nitsch aus dem Jahr 1989 ging für 34.000 Euro,- (Taxe 15.000,- bis 20.000,- Euro) an einen neuen Eigentümer. Die Moderne musste da etwas zurückstehen. Den höchsten Zuschlag erzielte der Geburtstagsstrauß Lovischens, den Lovis Corinth 1912 in ungewohnt zarten Farben auf die Leinwand bannte. Zum Preis von 240.000 Euro,- (Taxe 200.000,- bis 220.000,- Euro) ging das Bild an einen deutschsprachigen Telefonbieter. Ein pittoresker Sonnenuntergang am See von Gabriele Münter brachte 180.000,- Euro (Taxe 120.000,- bis 150.000,- Euro).

Kunsthaus Lempertz, Köln

Den Auftakt der Juniauktionen bildeten Hauswedell & Nolte in Hamburg und Lempertz in Köln, jeweils am 1. Juni. Henrik Hanstein von Lempertz freute sich anschließend wieder einmal über „die beste Zeitgenossen-Auktion, die wir je hatten.“ Obwohl die Summen, die in diesem Bereich verhandelt werden, in Deutschland (noch) niedriger sind als bei der Klassischen Moderne, zieht die Quote weiter an. Gut 70 Prozent der angebotenen Lose konnten vermittelt werden.

Die Parade wurde angeführt von Nam June Paiks humoriger Miss Rheingold, einer roboterförmigen Skulptur aus Altelektronik, die dem Betrachter vier leere Bierdosen der Marke „Rheingold“ entgegenstreckt. Bei der bis Drucklegung des Katalogs hohen Taxe von 110.000,- bis 140.000,- Euro fanden sich einige Interessenten, die fest entschlossen waren, noch mehr zu zahlen. Letztlich setzte sich ein koreanischer Telefonbieter gegen einen italienischen mit 210.000,- Euro netto durch. Wenige Tage zuvor hätte das einen Rekord bedeutet, wäre der hohe Preis nicht bereits im Mai bei Christie’s in Hong-Kong übertroffen worden. Der bisherige bei Philipps erzielte Höchstpreis für eine Arbeit Norbert Biskys wurde mit fast bescheiden wirkenden 50.000,- Euro von einer portugiesischen Privatsammlung für das Bild mit dem bezeichnenden Titel Alle greifen nach den Sternen leicht verbessert.

Stark im Kommen ist die in den 1980er und 1990er Jahren wenig beliebte Op Art. So stritten sich deutsche und internationale Händler, von denen man es kaum erwartet hätte, um Victor Vasarely frühe schwarzweiße Arbeit Ibadan-Pos, die für 185.000,- Euro (Taxe 80.000,- bis 120.000,- Euro) in die Schweiz ging. Gleich 21 Telefone hatten sich für Enrico Castellanis über Nägel gespannte Superficie Bianca angemeldet, so dass erst bei 125.000,- Euro (Taxe 45.000,- Euro) Schluss war. Kurios der Zuschlag von 59.000,- Euro für ein spätes Schüttbild von Hermann Nitsch, das vor einem Jahr an gleicher Stelle für ein Drittel zu haben gewesen wäre.

Die siebenstelligen Beträge blieben jedoch der Klassischen Moderne vorbehalten. Toplos wurde der mit 1,3 bis 1,5 Millionen Euro sehr ambitioniert angesetzte zweiteilige Entwurf Projet pour un Monument pour Gabriel Péri von Alberto Giacometti. Dessen Arbeiten aus Gips sind längst nicht so beliebt wie die Bronzen. Doch die Rechnung ging auf: Der internationale Handel bewilligte die untere Taxe. Im Bereich der oberen Schätzung landete Fernand Légers Wasserfarben-Studie zu einem Contraste de Formes – von einem in privatem Auftrag bietenden Händler im Saal zu 1,05 Mio. Euro ersteigert. Zur bis Mitte Juni teuersten Arbeit auf Papier von Marc Chagall wurde nicht ganz unerwartet die höchst dekorative Mäherin, für die ein rheinischer Sammler schriftlich 600.000,- Euro bot (Taxe 450.000,- bis 500.000,- Euro). Gar zu arg angesetzt waren hingegen die 200.000,- bis 300.000,- Euro, die sich der Einlieferer von Amedeo Modiglianis sparsamer Zeichnung Cariatide erwartet hatte. Alles schluckt der Markt nun doch nicht. An beiden Tagen setzte Lempertz zusammen 14,5 Mio. Euro brutto um.

Hauswedell & Nolte, Hamburg

In Relation noch erfreulicher verlief das gleiche Wochenende für Hauswedell & Nolte. Das Hamburger Auktionshaus setzte 8,2 Millionen Euro netto um, was einer Verkaufsquote von 105 Prozent der Schätzpreissumme entspricht. Ernst Nolte jubilierte hanseatisch zurückgenommen: „Im Grunde war das für uns eine ganz positive Überraschung. Das haben wir seit vielen Jahren so nicht erlebt.“ Nicht unwesentlich trug der Verkauf von Alexej von Jawlenskys Wendebild mit einem Frauenkopf mit roter Wange auf der einen Seite und einem braunen Frauenkopf mit Locken auf der anderen Bildseite aus den Jahren 1912/1913 dazu bei. Der Karton befand sich ehemals im Besitz der Familie Stern, frühen Förderern des Museums Folkwang in Essen. Die Schätzung von 800.000,- Euro wurde mit 1,65 Millionen Euro netto durch einen russischen Bieter – einen „in Russland lebenden Russen“, wie Nolte auf Nachfrage mitteilte –mehr als verdoppelt.

Die große Stärke der Hamburger ist jedoch die Grafik, bei der sich der Auktionator im Trend sieht: „Mittlerweile begreifen die Leute, dass diese Blätter zu den wichtigsten Werken der Jahrhundertwende gehören“, kommentierte er den Run auf die Drucke Edvard Munchs. Dessen Holzschnitt Frauen am Meeresufer ließ sich der norwegische Privatsammler Ulving Schwindel erregende 485.000,- Euro (Taxe 120.000,- Euro) kosten. Die Fünf Radierungen von Otto Dix  erzielten 260.000,- Euro (Taxe 70.000,- Euro). Der kleine Sonderkatalog mit einer Sammlung von Zeichnungen und Drucken des Worpsweder Künstlers Heinrich Vogeler wurde nahezu vollständig verkauft.

Van Ham Kunstauktionen, Köln

Ein Mittwochs-Interludium bot Van Ham am 4. Juni. Die Terminnot zwischen den großen Auktionshäusern und den Megaevents zwang dazu. Geschadet hat es der Versteigerung nicht. Rund 60 Prozent konnten die Kölner in der Auktion absetzen. Die Ergebnislisten der anderen Versteigerer beinhalten in der Regel bereits erste Nachverkäufe. Der Bruttoerlös beläuft sich auf 3 Millionen Euro. „Der Markt zeigte sich wieder stark selektiv“, urteilt Van-Ham-Experte Robert van den Valentyn. „Glücklicherweise konnten wir, wie zum Beispiel bei den Warhol-Grafiken oder Richter-Gemälden, die richtige Qualität in ausreichendem Umfang anbieten.“

Den höchsten Preis erzielte erwartungsgemäß ein unbetiteltes Wolkenbild Gerhard Richters von 1970. 190.000,- Euro netto (Taxe 120.000,- Euro) legte ein niederländischer Sammler dafür aus. Das ist vergleichbar mit der unteren Taxe von 150.000,- Pfund, mit der das Werk ein Jahr zuvor bei Christie's in London in einer Abendauktion durchgefallen war. Richters 1971 entstandene gelbe Ähre dithyrambisch auf grauem Grund wurde von einem deutschen Museum bei 125.000,- Euro (Taxe 55.000,- Euro) übernommen.

Mit einem Gebot über 90.000,- Euro für das Gemälde Paar (Spieler) von 1963 (Taxe 70.000,- bis 80.000,- Euro) egalisierte ein Händler im Saal den in der Berliner Villa Grisebach aufgestellten Rekord für ein Werk von Horst Antes. Ein europaweit zuvor mehrfach von einem Händler vergeblich eingelieferter Halbakt mit erhobenem Arm von Karl Hofer konnte bei ähnlicher Taxe wie bisher (38.000,- Euro) endlich für 55.000,- Euro an einen süddeutschen Sammler verkauft werden.

Galerie Bassenge, Berlin

Mit 62 Prozent verkaufter Lose lag die Quote bei Bassenge für die Kunst des 20. Jahrhunderts ähnlich. Allerdings machte diese Abteilung nur einen kleinen Teil der dreitägigen Auktion der Berliner aus, auf der ebenfalls Alte Kunst und Grafik verhandelt wurden. So zum Beispiel Rembrandts gestochenes Studienblatt mit Selbstporträt, einem Bettler und einer Frau mit ihrem Kind, das für 53.000,- Euro netto verkauft wurde (Taxe 35.000,- Euro). 180.000,- Euro (Taxe 80.000,- Euro) zahlte ein Händler am Telefon für Werner Heldts 1952 entstandenes Stillleben am Fenster und verdoppelte damit den bisherigen Auktionsrekord. Einen beachtlichen Preis erzielte auch Richard Pettibons Andy Warhol, 25 Flowers 1 aus dem Jahr 1971. Mit seinen Miniaturen nach Vorbildern von Andy Warhol trieb Pettibon dessen Appropriation noch weiter. Die serviettengroße Version des bekannten Blumenmotivs brachte ganze 92.000,- Euro (Taxe 15.000,- Euro). Eine der noch vor kurzem schwer verkäuflichen Papierarbeiten Neo Rauchs aus den 1980er Jahren, eine unbetitelte Caféhausszene, stieg von 25.000,- auf 35.000,- Euro.

Ketterer Auktionen, München

Bei Ketterer konzentrierte sich die mediale Aufmerksamkeit auf Emil Noldes Nadja. Robert Ketterer resümierte: „Mit dem Resultat unserer Juni-Auktion bin ich äußerst zufrieden. Nicht nur, dass wir 'Nadja' so gut verkaufen konnten, sondern auch das Gesamtergebnis gibt Anlass zur Freude.“ Das nach einem Diebstahl lange verschollen gewesene Porträt aus dem Besitz der Erben des Vetters von Walther Rathenau war wegen der guten Beziehungen zur Familie in dem Münchner Auktionshaus gelandet. Ketterer hatte vor einigen Jahren den Kunstverlag von Ernst Rathenau übernommen. Das vorsichtig mit einer weiten Spanne von 1,2 bis 1,8 Millionen Euro angebotene Werk war erwartungsgemäß heiß begehrt und geriet mit 2,15 Millionen Euro netto zum teuersten Nolde auf einer deutschen Auktion. Der Käufer, ein Mönchengladbacher Zigarettengroßhändler, möchte das Bild zumindest leihweise an ein Museum übergeben.

Als weiterer deutscher Expressionist war Otto Mueller erfolgreich, dessen Aquarell Stehendes Mädchen vor Bäumen von deutschem Handel mit 300.000,- Euro (Taxe 80.000 bis 120.000,- Euro) honoriert wurde. Die tanzende Maschka brachte 130.000,- (Taxe 140.000,- bis 180.000,- Euro), nachdem sie Ende 2006 bei Lempertz mit einem wesentlich höheren Schätzpreis durchgefallen war. In der bereits vor der Auktion ausgedünnten Abteilung russischer Avantgarde konnte lediglich das von Paul Cézanne inspirierte Gemälde Vier Badende Mädchen Wladimir von Bechtejeffs mit nachvollziehbarer Provenienz und alter Ausstellungsgeschichte reüssieren: es erzielte 385.000,- Euro. Die übrigen Arbeiten, von denen einige zuvor bei einem anderen deutschen Auktionshaus zurückgewiesen wurden, fielen weitgehend durch.

Die Nachkriegskunst hatte ihren Höhepunkt mit Pierre Soulages später Leinwand Peinture 102 x 81 cm, 4. Mai 1981, für die ein französischer Sammler 210.000,- Euro (Taxe 100.000,- bis 150.000,- Euro) bewilligte. Den Gesamtumsatz gibt das Haus mit 10 Millionen Euro brutto an. Die Zuschlagsquote nach Losen beläuft sich auf 64 Prozent.

Villa Grisebach Auktionen, Berlin

Die beste Auktion lieferte jedoch die Berliner Villa Grisebach ab. Micaela Kapitzky zog euphorisch Bilanz: „Von der Quote her gesehen war es wie noch nie – bis hin in die Third-Floor-Auktion.“ Über alle Abteilungen hinweg wurden 80 Prozent aller Lose verkauft, wobei die Fotografie mit 60 Prozent den Schnitt etwas senkte. Gleich drei Millionenzuschläge konnten die Berliner von der Abendauktion am 8. Juni vermelden. Ein Dortmunder Galerist bot im Sammlerauftrag erwartungsgemäße 2 Millionen Euro für Ernst Ludwig Kirchners gischtumspülte Landschaft am Ufer (Fehmarn) (Taxe 1,8 bis 2,4 Millionen Euro). Emil Noldes Kleine Sonnenblumen mit einem Mädchen, das den Betrachter aus weit aufgerissenen blauen Augen anschaut, wurde für 1,9 Millionen Euro (Taxe 1 bis 1,5 Millionen Euro) von einer ebenfalls für Privathand bietenden Düsseldorfer Galerie zugeschlagen. Ein Hamburger Sammler schließlich setzte sich selbst mit einem Gebot über 1,8 Millionen Euro (Taxe 1 bis 1,5 Millionen Euro) für Noldes Abendhimmel und Meer gegen den internationalen Handel durch. Eine deutliche Korrektur erfuhr das mit 180.000,- bis 240.000,- Euro arg niedrig angesetzte Holzrelief Fisch und Pflanzengestalt von Hans Arp durch einen Pariser Händler, der 840.000,- Euro einsetzte.

Bei den Zeitgenossen bewies sich eindrucksvoll die Globalität des Kunstmarktes. Das gedoppelte Bild eines Zeltes Beziehung 2 des fast ausschließlich in London und New York gehandelten Dresdners Eberhard Havekost wurde von einem griechischen Sammler mit einem Rekordgebot von 199.000,- Euro (Taxe 100.000,- bis 150.000,- Euro) bedacht. Der achtbare kleine Katalog mit Werken Karl Hofers wurde ohne besondere Vorkommnisse ebenso erfolgreich wie der Rest verhandelt. Die teuerste auf einer deutschen Auktion verkaufte Fotografie ist übrigens ab sofort Dieter Blums melancholischer Marlboro-Mann, den ein hessischer Sammler für 80.000,- Euro (Taxe 30.000,- bis 35.000,- Euro) ersteigerte. Unter dem Strich kamen bei allen vier Auktionen 23,5 Millionen Euro brutto zusammen.



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