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Carl Spitzweg bei Ketterer Kunst, Hamburg

Kein biedermeierlicher Kleingeist

Stefan Kobel

28. März 2008 

Als Carl Eduard Biermanns Bild gewordene Feier der Industrialisierung Ende letzten Jahres bei Villa Grisebach unter den Hammer kam, wurde das Werk als Inkunabel der Gründerzeit gepriesen. Das ganz dem heroischen Realismus der Historienmalerei verpflichtete Gemälde bejubelt den bürgerlichen Entrepreneurgeist. Es ist eine Apotheose Deutschlands noch vor seiner Gründung als Nationalstaat. In der Symphonie qualmender Schlote kommt der ganze Stolz der Reichtum und Wohlstand schaffenden gehobenen Bürgerschicht zum Ausdruck.

Dass man die Entwicklung auch anders sehen konnte, brachte Carl Spitzweg etwa zur gleichen Zeit auf die ihm eigene Weise zum Ausdruck. Anders als sein preußischer Kollege betrachtete er die angebrochene Ära mit stiller Ironie und ein wenig romantischer Wehmut, wie sich in dem Gemälde Gnom, Eisenbahn betrachtend offenbart, das am 5. April bei Ketterer Kunst in Hamburg aufgerufen wird. Da steht ein Zwerg im Eingang seiner bewachsenen Berghöhle und schaut versonnen auf eine Eisenbahn, die durch das noch ländliche Tal dampft.

Ein wenig mag bei dieser Darstellung der lokalpatriotische Neid des Urmüncheners durchscheinen. Schließlich war 1835 die erste deutsche Eisenbahnstrecke von den ungeliebten Franken zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet worden. Vor allem manifestiert sich in dem Gemälde jedoch der Blick der alten Zeit, geprägt von Romantik, Idylle und Tradition, auf die neue Zeit, die sich das Schneller, Höher, Weiter der Moderne auf die Fahnen geschrieben hatte. Diese Skepsis dem Neuen gegenüber, gepaart mit einem ironischen Blick auf sich selbst und seine etwas behäbigen Zeitgenossen, hat wohl kein deutscher Künstler so stimmig in Malerei übersetzt wie Carl Spitzweg. Zu Unrecht wurde er sowohl vom Markt als auch vom Ausstellungsbetrieb in den letzten Jahrzehnten als schlichter Chronist biedermeierlicher Kleinbürgerlichkeit aufs Abstellgleis geschoben.


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