Zweiter Prozesstag „Sammlung Jägers“ in Köln

Beltracchis Seifenoper

Damian Zimmermann
22. September 2011

Es ist ein wenig Zwischenruhe eingekehrt in den Prozess um den wohl größten Kunstfälscherskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte - wenngleich das Medieninteresse am gestrigen zweiten Prozesstag weiterhin ungebrochen groß schien. Kein Wunder, wurde doch erst in der letzten Woche bekannt, dass offenbar ein weiteres gefälschtes Gemälde von Heinrich Campendonk aufgetaucht ist. Es soll ebenfalls vom im Kölner Prozess angeklagten, mutmaßlichen Fälscher Wolfgang Beltracchi in den 1980er-Jahren gemalt worden sein. Das vom Sprengel Museum in Hannover erst zu Anfang dieses Jahres als Neuwerbung vorgestellte Gemälde Katze in Berglandschaft wurde kürzlich durch eine Farbuntersuchung enttarnt.

Erstmals kamen nun gestern die Angeklagten zu Wort, vor allem um zu ihren jeweiligen Biografien Stellung zu nehmen. Die Fakten der Anklage selbst bleiben durch sie weiterhin unkommentiert. Und so waren die Aussagen insbesondere eines: unterhaltsam wie eine Seifenoper und zwar immer besonders dann, wenn der mutmaßliche Fälscher und Hehler Beltracchi in sehr rheinischer Art bildreich aus seinem Leben berichtete. Geboren wurde er 1951 „in einem kleinen Dorf im Wald“ bei Höxter. Der Vater war Kirchenmaler und Restaurator, die Mutter Hausfrau. Mit 17 Jahren sei er vom Gymnasium geflogen, nach der Sonderbegabtenprüfung aber anschließend an der Werkkunstschule Aachen aufgenommen worden. Abschlüsse habe er dort nie gemacht und stets nur die Kurse besucht, die ihn interessierten – anatomisches Zeichnen, Bildhauerei und Siebdruck beispielsweise. „Ich wollte nur das lernen, was ich noch nicht konnte“, sagte er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Wilhelm Kremer und fügte hinzu: „Ich konnte mit 17 schon ziemlich viel.“

Es folgten wilde Jahre, in denen Wolfgang Beltracchi viel „auf Studienreise war“, wie er es nennt. Er sei durch Europa gereist, habe gekifft, LSD „und vielleicht auch mal ein Pilzomelette“ zu sich genommen. „Das war damals sehr ‚in‘ - zumindest in der Kunstszene. Es war, wie man sich das so vorstellt: Sex, Drugs und Rock 'n' Roll.“ Zwischenzeitlich muss Beltracchi, der damals den Namen seiner späteren Frau noch nicht angenommen hatte und dementsprechend noch Fischer hieß, auch Kunst produziert haben, denn 1976 verkaufte er eine eigene Arbeit an das Haus der Kunst in München – für immerhin 11.000 Mark. „Das war viel Geld damals.“ 1983 sei er dann nach Krefeld gezogen und seit 1986 nehme er auch keine Drogen mehr, so Beltracchi. 1992 schließlich lernte der mutmaßliche Fälscher Helene Beltracchi „in einem Kölner Filmstudio“ kennen und lieben. Sie heirateten ein Jahr später, Wolfgang nahm Helenes Namen an und so, wie beide im Gerichtssaal übereinander und miteinander sprechen, nimmt man ihnen ihre romantischen Gefühle bis heute gerne ab.

Als Helene Beltracchi später ebenfalls aus ihren Leben erzählt, gerät sie bei der Beschreibung ihres Mannes geradezu ins Schwärmen. Auch Tränchen fließen. Sie, die aus sehr einfachen Verhältnissen stammt und in Bergisch Gladbach aufwuchs, liebe Wolfgangs Humor und Fantasie. „Er hat das Talent, spontan Geschichten zu erfinden“, sprudelt es zur allgemeinen Erheiterung aus ihr heraus. Wie absurd gut dieser Satz zu den erfundenen Gemälden und den ausgedachten Sammlungen „Jägers“ und „Knops“ passt, mit denen die vermutliche Bande insgesamt 16 Millionen Euro eingenommen haben soll, ist ihr in diesem Moment offensichtlich nicht recht bewusst.

Rasant und aufregend ging das gemeinsame Leben der beiden Angeklagten weiter: Beide änderten ihre bisherigen Gewohnheiten radikal, kauften sich ein amerikanisches Riesenwohnmobil und reisten jahrelang durch Südeuropa. 1999 entschlossen sie sich dazu, in Frankreich sesshaft zu werden: Für zwei Millionen Francs kauften die Beltracchis ein Landgut, die „Domaine des Rivettes“, im Mittelmeerörtchen Mèze. Später, als ihre gemeinsame Tochter ans Internat nach Freiburg wechselte, kauften sie auch dort ein Haus. Ein feines Leben.

Dem Mitangeklagten Otto Schulte-Kellinghaus, dem vorgeworfen wird, die gefälschten Kunstwerke in den Markt geschleust zu haben, erging es offenbar weniger feudal. Nach einer Lehre als Chemie-Laborant arbeitete er in der Gastronomie, dann wieder beim lokalen Chemiewerk von Bayer, anschließend erneut in der Gastronomie, bis er für einige Zeit nach Ägypten ging, in einem Touristenlokal jobbte und zusätzlich mit deutschen Werkzeugen handelte – erst nebenbei, dann hauptberuflich und wohl wenig leidenschaftlich. In der Krefelder Kunstszene habe er sich hingegen immer sehr wohl gefühlt – auch, weil es dort stets viel zu feiern gab, so Schulte-Kellinghaus. Anfang der 1990er-Jahre startete er den Versuch, eine Gruppe von Kleinkünstlern zu managen: „Da waren ein Jongleur, einer mit einer Hundenummer, ein Feuerschlucker und ein Musiker dabei.“ Zwischenzeitlich arbeitete der Angeklagte in einer Krefelder Galerie sowie für einen Lichtkünstler, gründete die Arbeitsgemeinschaft „Narah“ für Künstler, aus der er „ein sogenanntes Gesamtkunstwerk machen wollte“, versuchte sich an der Organisation von Reggae- und House-Partys auf Ibiza – und scheiterte doch am Ende mit allen Plänen: „Letztlich war ich nie richtig erfolgreich“, sagt Schulte-Kellinghaus. Und einen halben Atemzug später fügt er hinzu: „Bei der Förderung der Künstler.“ Wie erfolgreich er zumindest bei der „Vermarktung“ der gefälschten Kunstwerke war, werden die nächsten Prozesstage zeigen.


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Immer wieder Campendonk. Der mutmaßliche Fälscher Wolfgang Beltracchi hat offenbar bereits in den 1980er-Jahren Werke in den Handel geschleust. Betroffen ist nun das Sprengel Museum.


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