Zwei neue Bücher zum Mythos Roland Barthes

Rhetorische Trompetenstöße

Mirjam Wittmann
22. Juli 2010

Als im Frühjahr 2010 das „Tagebuch der Trauer“ erschien, war Roland Barthes schon mehr als 30 Jahre tot. An eine Veröffentlichung hatte er selbst nie gedacht. Umso intimer sind die Einblicke in das Innenleben eines Mannes, der einen Tag nach dem Tod seiner Mutter, am 26. Oktober 1977, zu schreiben begann: „Erste Hochzeitsnacht. Doch erste Nacht der Trauer?“ Sehnsucht, Schmerz und Ohnmacht sind der Tenor des Buches, direkt und ohne unnötige literarische Schnörkel und Verfremdung geschrieben. Man vermutet hinter dem Text natürlich zunächst ein autobiographisches Werk, doch Barthes wäre nicht Barthes, würde er die Sprachlosigkeit angesichts des Todes nicht auch literarisch reflektieren. Die Autobiographie, so schreibt er in „Ich über mich selbst“, sei kein Sammelsurium objektiver Tatsachen, sondern werde vom Leser zu großen Teilen selbst erschaffen.

Wer also hinter dem „Tagebuch der Trauer“ nur reine Psychologie vermutet, wird überrascht sein. Nach und nach tauchen Anspielungen auf, Querverweise zu „Die Vorbereitung des Romans“ oder den Notizen zur Vorlesung „Das Neutrum“ – beides Projekte, an denen Barthes zur selben Zeit arbeitete, und beides Themen, die die fiktionale Kraft des Dokumentarischen, Neutralen oder vermeintlich Objektiven betonen. Aufschlussreich ist das Buch aber vor allem für Liebhaber seines berühmten Buches zur Fotografie: „Die helle Kammer“. Jetzt sieht man, wie sehr es von der Trauer um seine Mutter geprägt ist. Das „Tagebuch“ löst vor allem aber ein Rätsel auf. Es bestätigt die Existenz einer Fotografie, die im Zentrum der „hellen Kammer“ steht, selbst als Bild aber nicht auftaucht. „Heute morgen mit großer Anstrengung die Photos wiederaufgenommen, überwältigt von einem, das Mam. als kleines Mädchen zeigt, zart, scheu, neben Philippe Binger (Wintergarten von Chennevières). Ich weine. Nicht einmal Lust, sich umzubringen.“ Lange hatte man sich gefragt, ob es das Foto wirklich gibt und warum Barthes es nicht zeigen wollte. Das Tagebuch macht noch einmal klarer, dass Bild und Text nie ineinander aufgehen können. Ein Foto ist bekräftigender Zeuge vergangener Zeiten, aber es fehlt immer der letzte Rest, unmittelbar zu sein.

Um „Die helle Kammer“, und nur um sie, dreht sich auch das Buch „Photography Degree Zero“, herausgegeben von Geoffrey Batchen. Die Publikation versucht, in 13 Aufsätzen namhafter Kunsthistoriker, Romanisten, Fotohistoriker und Künstler die rhetorischen Trompetenstöße Roland Barthes‘ zu verhandeln. Wer sich für eine detailreiche Analyse dieser Bibel der Fototheorie interessiert, dem sei es wärmstens ans Herz gelegt. Man erfährt fast alles, was man über „Die helle Kammer“ wissen muss: Von Geoffrey Batchen einiges über Barthes‘ Kritik an der Unzulänglichkeit einzelwissenschaftlicher Analysen. Über die Unmöglichkeit einer Theoriebildung der Fotografie philosophiert James Elkins. Jane Gallop, Eduardo Cadava und Paola Cortés-Rocca spannen das Netz von den Erotizismen des Texts bis hin zum Begehren, das sich zwischen Bild und Betrachter entwickelt. Margaret Iversen weist den Einfluss von Lacans berühmten „Seminar X“ von 1964 nach. Über die Bedeutungslosigkeit des punctums, das den Betrachter während des Ansehens eines Fotos einfach trifft und einer der Kernbegriffe bei Barthes, sinniert Rosalind Krauss.

Darüber hinaus lockern randständige Themen die Disziplinengrenzen etwas auf. Shawn Michelle Smith untersucht die Rassenproblematik, die in der „hellen Kammer“ mitschwingt, und Jay Prosser liest das Buch als buddhistische Meditation, was keineswegs abwegig ist, da Barthes‘ Nähe zum Zen weithin bekannt ist. Vor allem aber erfährt man hier, dass Verlage von Büchern manchmal selbst nicht viel wissen: Während in der Originalpublikation noch ein Foto eines halbtransparenten Vorhangs von Daniel Boudinet am Anfang der hellen Kammer steht, wurde es in den folgenden Übersetzungen zum Teil einfach weggelassen. Dadurch wurde die spannungsreiche Beziehung zwischen Bild und Text, die bei Barthes immer wieder Thema ist, unnötig verkompliziert. Man mag dem Herausgeber hier Texthedonismus vorwerfen, wenn er sich auf eine Schrift konzentriert. Deshalb ist „Photography Degree Zero“ ein Buch über ein Buch geworden und keines über Fotografie. Das macht aber nichts, denn es ist, wie gesagt, ein gutes Buch über ein gutes Buch.

Roland Barthes: „Tagebuch der Trauer. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Hanser Verlag, München 2010,  272 Seiten, ISBN 978-3-446-23498-7, EUR 21,50 

Geoffrey Batchen (Hg.): Photography Degree Zero“, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 2009, 320 Seiten, ISBN 978-0-262-01325-3, EUR 24,99


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