18. Februar 2010
Hand aufs Herz: Haben Sie nicht auch so etwas wie einen heimlichen Lieblingskünstler? Einen, von dem man in blumigen Worten schwärmen möchte? Dessen Werk man (sich) partout nicht intellektuell erklären will? Weil man lieber glücklich seufzend davorsitzt, es genießt, in sich aufnimmt, die Farben trinkt? Wie bei Henri Rousseau zum Beispiel, mit seinen üppig bewachsenen, beblühten, beblätterten Landschaften, in denen seltsame Tiere mit eigenartigen Fratzen kauern und lauern, fressen und gefressen werden, während im Hintergrund rote, Max-Ernst’sche Sonnen glühen. Wenn auch Sie zu den Fans von Rousseau gehören, aber keine Gelegenheit haben, seine aktuelle Ausstellung in der Fondation Beyeler in der Nähe von Basel zu sehen – grämen Sie sich nicht. Denn es gibt ja den Katalog. Mit seinen vielzähligen, leider etwas trübe reproduzierten Bildern erlaubt er einen Spaziergang durch die Schau vom heimischen Sofa aus und erweitert zugleich die Perspektive auf diesen vermeintlich „Naiven“. Da wandert man durch Kleinstadtstraßen und Schlossgärten, tritt Hochzeitsgesellschaften und etwas steif in ihren schwarzen, weiß-bekragten Kleidern dastehenden Damen gegenüber, trifft auf Musen, bukolische Flötenspieler, ausländische Diplomaten, Karnevalsgestalten. Und natürlich kann man sich in den farbenprächtigen Dschungelbildern verirren, aber auch einen Blick in die domestizierten Parklandschaften in der Nähe von Paris werfen, am Ufer der Seine stehen oder gleich in stürmischen Fluten um die sichere Passage eines Schiffes bangen. Rousseau, das macht der Katalog der Ausstellung deutlich, ist nicht nur dieser sonderbare Tier-Wildnis-Maler, sondern ein Künstler, der überall das „Exotische“ zu sehen und darzustellen vermochte, wie Christopher Green in seinem Essay anschaulich macht. Green, Ko-Kurator der großen Rousseau-Ausstellung 2005/06 in der Londoner Tate Modern, dem Grand Palais in Paris und der Washingtoner National Gallery of Art, rückt gemeinsam mit den anderen Autoren Rousseau an seinen verdienten Platz in der Geschichte der Moderne und räumt mit dem Mythos vom ungebildeten Autodidakten auf. Damit bietet dieser Katalog etwas für jeden. Wer Rousseaus Gemälde nach wie vor einfach nur genießen möchte, kann dies anhand der Abbildungen tun. Wer jedoch den Drang verspürt, diesen Maler zu kontextualisieren und zu intellektualisieren, kann sein theoretisches Futter aus den Essays beziehen.
Ein künstlerisches Kontrastprogramm, jedoch ebenfalls ein dickes Trostpflaster für alle Daheimgebliebenen bietet der – gleich in mehreren Sprachen erhältliche – Katalog zur Ausstellung von Lee Lozano (1930 – 1999), die aktuell im Moderna Museet in Stockholm stattfindet. Nun eignet sich Lozano mit ihrer sehr explizit sexualisierten Bildsprache etwa in den kruden Penis-Nasen-Gemälden, ihren spröden Textarbeiten sowie den reduzierten Abstraktionen sicherlich nicht als Everybody’s Kunst-Darling. Zumal sie zu den Künstlerinnen ihrer Generation gehört, die sich eine lange Zeit sehr bewusst aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen haben. Umso schöner, dass ihr nun nach einer Reihe von Ausstellungen in Europa und ihrer Beteiligung an der letzten documenta eine große Retrospektive mit einem üppig bebilderten Katalog gewidmet wird. Iris Müller-Westermann, Kuratorin am Moderna Museet, übernimmt es, einen chronologischen Überblick über das Werk Lozanos zu geben, gespickt mit Zitaten und Anekdoten – ein Text, an dessen Wissenschaftlichkeit nicht zu rütteln ist und der dennoch von einer, durchaus sympathischen, Parteinahme für die Künstlerin durchdrungen ist. Benjamin Meyer-Krahmer verortet die Textarbeiten Lozanos im künstlerischen Kontext ihrer Zeit, zwischen „Instruction Pieces“ und Statements über die alles kommodifizierende Macht des Kunstmarkts. Neben den zahlreichen Reproduktionen auch so bescheidener Werke wie einer nur 7 x 10,2 cm großen, undatierten und unbetitelten Vogel-Raketen-Flugzeug-Zeichnung, dem mit Inventarnummern versehenen Werkverzeichnis, einer ausführlichen Biographie sowie Ausstellungsvita taugt der Katalog auch als Recherchetool für Kunsthistoriker und andere Interessierte. Für Forscher, Fans und solche, die es werden wollen.
So etwas wie Grundlagenforschung wollen auch Harriet Häußler und Aeneas Bastian in ihrem Band „Aus Künstlersicht“ betreiben. 51 Künstlern wurde ein immer gleicher Katalog aus 13 Fragen vorgelegt, darunter unmöglich zu beantwortende nach dem Wesen der Kunst, aber auch ganz irdische nach Lieblingsmuseum, Vorbildern und biografischen Anekdötchen. Hans-Ulrich Obrist hat das Virus des Künstler-Interviews breit gestreut, nun müssen wir uns also mit seinen pandemischen Spätfolgen herumschlagen. Diese Publikation ist eine davon. Denn die Auswahl der Interviewten ist kaum überraschend und spiegelt nur die herrschenden Verhältnisse am Kunstmarkt wider. Von Marina Abramović bis Erwin Wurm reicht die alphabetische Sortierung, dazwischen weitere Stars des internationalen Kunstbetriebs wie Vanessa Beecroft, Robert Longo, Jonathan Meese, Yinka Shonibare oder Ai Weiwei, dazwischen wiederum nicht ganz so, aber immer noch genügend bekannte Vertreter des internationalen Kunstbetriebs, überwiegend aus Westeuropa, den USA und China. Was diese Publikation – von einer Trophäensammlung der Herausgeber einmal abgesehen – sein will, bleibt fraglich. Denn mit vorfabrizierten Antworten und jeweils einer farbigen Abbildung wird man weder einem Künstler oder seinem Œuvre gerecht, noch sind in Reaktion auf einen derart stereotyp-beamtischen Fragebogen aufregende Erkenntnisse, überraschende Einblicke oder spontane Aperçus zu erwarten. Geradezu ärgerlich wird das Format bei Künstlern, die sich wie etwa Ai Weiwei mutig politisch engagieren und die man in ein kluges, forschendes, nachbohrendes Gespräch verwickelt sehen will. Was alle Teilnehmer letztlich bewogen hat, sich dieser Checklist-Tortur zu unterziehen, man weiß es nicht. So empfindet man größte Sympathie für die Künstler, die angesichts der ewig gleichen Klischees die Flucht in die Verweigerung antreten und möchte sich Markus Schinwald anschließen, der auf die Eröffnungsfrage „Was ist Kunst?“ erwidert: „Bitte nicht.“
Beyeler Museum AG (Hg.): Henri Rousseau, Ausstellungskatalog Fondation Beyeler, Riehen/Basel. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010. Im Buchhandel in deutscher oder englischer Sprache erhältlich, 120 S. mit 87 überwiegend farb. Abb., ISBN der deutschen Ausgabe 978-3-7757-2536-1. EUR 39,80
Iris Müller-Westermann (Hg.): Lee Lozano, Ausstellungskatalog Moderna Museet Stockholm. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern/Stockholm 2010. Im Buchhandel in deutscher oder englischer Sprache erhältlich. 272 Seiten, zahlr. s/w und farbige Abb., ISBN der deutschen Ausgabe 978-3-7757-2566-8. EUR 39,80
Harriet Häusler, Aeneas Bastian (Hg.): Aus Künstlersicht – 13 Fragen – 51 Interviews. Kerber Verlag, Bielefeld 2009. Deutsch/englisch, 244 S., zahlr. farbige Abb., ISBN: 978-3-86678-363-8. EUR 24,80