17. März 2008
„Farewell to Post-Colonialism: 3rd Guangzhou Triennial“, Guangdong Museum of Art, Guangzhou, China. Vom 10. September bis 16. November 2008Am 10. September 2008 wird in der südchinesischen Stadt Guangzhou die dritte Guangzhou-Triennale eröffnen, die schon jetzt erkennen lässt, dass sie im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen ungleich globaler und theoretischer ausgerichtet ist. Bot die erste Triennale in Guangzhou 2002 unter der Leitung des renommierten Kurators chinesischer Kunst Wu Hung einen Rückblick auf die Kunstentwicklung im China der 1990er Jahre, nahmen 2005 die Ausstellungsmacher der zweiten Ausgabe, Hou Hanru und Hans-Ulrich Obrist, die rapiden urbanen Entwicklungen im südchinesischen Pearl River Delta in den Blick. Unter dem provokanten Veranstaltungstitel „Farewell to Post-Colonialism“ ist der Ausgangspunkt der diesjährigen Veranstaltung die kritische Auseinandersetzung mit dem Postkolonialismus als diskursive Praxis sowie dessen Bedeutung für die Kunst- und Ausstellungsproduktion.Â
Das Kuratorenteam bilden neben dem Chinesen Gao Shiming, Kurator und Direktor des Visual Culture Research Centers an der China Art Academy in Hangzhou, und dem Hongkonger Johnson Chang, der aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen als Kunsthändler, Kurator und Autor eine wichtige Rolle in der chinesischen Kunstszene spielt, auch der in Südafrika geborene Sarat Maharaj, der profilierteste Theoretiker der Kuratorentrias, der am Goldsmiths’ College in London und an der Fakultät „Visual Art and Knowledge Systems“ der Universität im schwedischen Lundals Professor tätig ist.
Doch auch wenn der Titel der Veranstaltung in diese Richtung deutet, möchte man sich in Guangzhou keineswegs gänzlich von der Theorieströmung des Postkolonialismus verabschieden. Deren Qualitäten als Instrument der Beschreibung und Analyse der internationalen politischen Machtverhältnisse haben sich in der heutigen Zeit, in der die globalen Verstrickungen noch komplexer geworden sind, bewährt und sind vielleicht sogar aktueller denn je. In der Kritik steht vielmehr die Instrumentalisierung des Postkolonialismus im Dienste einer Identitätspolitik und das damit einhergehende essentialistische Kulturverständnis, das in den Kategorien des „Eigenen“ und des „Fremden“ denkt.
Im Fokus der Triennale steht aus gegebenem Anlass das internationale Ausstellungsgeschehen. Unter Zuhilfenahme der Schlagworte „Multikulturalismus“ und „kulturelle Identität“ wird nach Meinung der Guangzhouer Kuratoren nur scheinbar pluralistisches Kunstschaffen ermöglicht. Was dynamisch und prozesshaft anmutet, ist in der Realität eine Sackgasse. Sowohl der „westlichen“ wie auch der „nicht-westlichen“ Kunst werden aus soziopolitischer Perspektive bestimmte Koordinaten zugewiesen, aus denen eine Befreiung unmöglich erscheint. Die „Schuld“ an diesem Zustand, so möchte man hinzufügen, trägt dabei keineswegs nur der Westen, der ja im postkolonialen Sinne ursprünglich seine Dominanz reflektieren und pluralistisches Kunstschaffen fördern möchte, sondern auch das Rezeptionsverhalten nicht-westlicher Länder, wo postkoloniale Theorien zur Stärkung eines „Wir-Gefühls“ oftmals an identitätspolitische Interessen gekoppelt werden, was in der Konsequenz immer den Ausschluss des „Anderen“ impliziert.
Der Postkolonialismus, so kann die Kritik im Guangzhouer Konzept verstanden werden, hat sich also sowohl in der Produktion, Mediation als auch Rezeption von Kunst als ideologischem Konzept institutionalisiert, das allem voran Political Correctness proklamiert. Kunst wird auf diese Weise instrumentalisiert. Multikulturalismus – das heißt Konzepte von Identität, Vielfalt und Verschiedenheit – fördern entgegen ihrer ursprünglichen Bedeutung Restriktionen in der künstlerischen Praxis und produzieren (kulturelle) Stereotypen. Mit dem Ziel, einen Perspektivwechsel einzuleiten, den Postkolonialismus aus seiner ideologischen Erstarrung zu befreien und ihn zu revitalisieren, soll in Guangzhou die Aufmerksamkeit auf die Grenzen von Multikulturalismus gelenkt werden. Die Triennale will neue Schnittstellen zwischen Kunst und Theorie im globalen Kunstkontext offenlegen und sich dabei nicht nur auf soziopolitische Diskurse versteifen.
Bemerkenswert ist, dass zum ersten Mal China, das in theoretischen Diskursen zur zeitgenössischen Kunst bisher keine wichtige Rolle gespielt hat, initiativ Austragungsort einer neuen Debatte über den Umgang mit globaler zeitgenössischer Kunstproduktion ist. Gründe für die chinesische Initiative liegen zum einen in dem gestiegenen Selbstbewusstsein, das aus der wachsenden internationalen Aufmerksamkeit an chinesischer Kunst und ihrer daraus resultierenden Integration in die internationale Kunstszene resultiert, aber auch aus dem dringenden Bedürfnis nach theoretischer Auseinandersetzung, die in China derzeit aufgrund der herrschenden Marktdominanz nur in sehr beschränktem Maße stattfindet.
Konkrete Vorschläge, wie neue Instrumente der Interpretation und Analyse globaler zeitgenössischer Kunst aussehen könnten, sind der Webseite der Guangzhou-Triennale bisher allerdings nicht zu entnehmen. Einzig ein etwas hilflos und suggestiv anmutender Fragenkatalog deutet die Richtung der kuratorischen Überlegungen an. Mit Fragen wie „Do you consider cultural identity important to your creative work?“ oder „Do you feel political correctness has turned into a form of oppression?“ wendet er sich explizit an Künstler und Kuratoren wendet, verspricht aber aufgrund der sehr engen thematischen Führung weniger Inspiration denn Bestätigung des eigenen Programms.
Skeptisch stimmt auch der Titel der als Vorbereitung für die Triennale gedachten internationalen Konferenz „Restarting from Asia. Art Museum Strategies and Curatorial Practices“, die vom 19. bis 20. November 2007 im Guangdong Museum of Art stattfand. Er steht der soeben noch proklamierten Absage an kulturdualistische Kategorien diametral entgegen und scheint in erster Linie das neue asiatische Selbstbewusstsein widerspiegeln zu wollen, indem kurzerhand Asien zum Zentrum und der Rest der Welt zur Peripherie erklärt wird.
Interessante und produktive Diskussionen im Rahmen der Guangzhou-Triennale verspricht allerdings die Mitarbeit von Sarat Maharaj, der bereits im Kontext der erwähnten Konferenz sanft korrigierend eingriff, als seine chinesischen Kollegen entgegen ihres formulierten Konzepts kulturessentialistischen Argumenten gefährlich nahe kamen. Auf den Titel der Konferenz Bezug nehmend, forderte er beispielsweise dazu auf, sich vor einer Ontologisierung Asiens zu hüten und stattdessen konsequent multiperspektivisch zu denken.
Indem er Kunst als eine Form von Wissensproduktion begreift, kommt Maharaj zu dem Schluss, dass das „Andere“ als eindeutig positiv konnotiert zu verstehen sei und dass man ihm zuhören müsse, um es erkennen zu können. Erst, wenn man die Bedingungen und Grenzen von Kreativität neu kartografiere, gebe man anderen Stimmen Raum.