Zur Eröffnung der documenta 12

Die Kunst in der Grabkammer

Gerrit Gohlke
18. Juni 2007
Als Lehranstalt für ästhetische Bildung war uns die documenta 12 versprochen worden, aber am Ende ist es wie häufig im Schulalltag: Wie anderswo auch herrscht in Kassel Lehrermangel. Schlimmer noch, hier hat sich die Schulleitung schon vor Unterrichtsbeginn mit einem Attest vom Dienst suspendiert. Der Katalog und ein dem Publikum ausgehändigtes Faltblatt sprechen das kuratorische Personal ein für allemal von allen Erklärungs- und Rechtfertigungszwängen frei. Die Ausstellung wird als Terrain „jenseits der Bedeutung“ schlicht und billig zum irrationalen Niemandsland erklärt.

Hier vermitteln nicht rechenschaftspflichtige Kuratoren Kunst. Hier sollen die Werke „in ihrem ‚So-Sein’ erstrahlen“. Das ästhetische Gelände gibt dem Geleitwort zufolge „seine Wahrheit nicht preis“. Stattdessen werden wir wie in der guten alten Zeit unseren „Lebenszusammenhängen entrückt“, gefangen an einem Ort, wo „Bedeutung in herkömmlichem Sinn endet“. Wehe denen also, die von Roger M. Buergels und Ruth Noacks „Kraftfeld“ nicht elektrisiert und ergriffen werden. Ohne Ergriffenheit sind sie in einer solchen sprachlosen Walhall unrettbar verloren. Das unartikulierte Raunen der Werkarrangements stuft jeden zum Banausen herab, der eine Großausstellung als einen groß angelegten, kontrovers zu erwägenden Diskussionsvorschlag versteht. „Die große Ausstellung hat keine Form“, lehren Buergel und Noack. Weil aber auch der Wille zur Formlosigkeit Formentscheidungen nach sich zieht, herrscht in Kassel die Ersatzherrschaft des geschmackvollen Raunens.

Dieses Kasseler Raunen beginnt mit der Verweigerung eines offenen Dialogs über die Auswahl der Künstler und Werke und endet mit der mystifizierenden Sakristeibeleuchtung, die sowohl in Buergels Silberhallen an der Karlsaue als auch in der Neuen Galerie noch die nüchternsten Werke in ein erhabenes Zwielicht taucht. Kein Wort lässt der Katalog darüber verlauten, welchen Ordnungsprinzipien die Ausstellung jenseits der Intuition ihrer Kuratoren folgt. Warum wird Gerhard Richters gesellschaftspolitisch gesättigtes, im trüben deutschen Herbstjahr 1977 entstandenes „Betty“-Porträt von Lee Lozano flankiert? Weil der formale Kontrast so reizend vibriert? Weshalb werden John McCrackens malerisch illusionistische Objekte zu einem der wiederkehrenden Leitmotive des Ausstellungsparcours? Was teilt sich aus dem Übergang von Lu Haos auf meterlangen Pulten dargereichten Textilmalereien zu Xie Nanxings Sinn absorbierenden Leinwänden voller changierender Schwarztöne mit?

Dass die Beantwortung dieser und beliebig vieler weiterer Fragen nicht zufällig, sondern mutwillig der Mutmaßung und Spekulation überlassen bleibt, ist das unheilbare Ärgernis dieser ungemein muffigen Monumentalausstellung, die ihrem Publikum per Gleitwort das „Lauschen und Schauen“ empfiehlt, sich selbst aber in affektierten Posen um jede Auseinandersetzung drückt. War Peter Friedls boshafte Institutionskritik in Catherine David documenta X noch als Kommentar des laufenden kuratorischen Projekts erschienen, als sein Kino-Leuchtzeichen auf dem Dach der documenta-Halle schimmerte, so ist seine den politischen Status der Kunst hinterfragende Giraffe bei Buergel zu einem naturkundlichen Museumsstück verkommen, das im auratisierenden Widerschein informationslos in sich selber ruht. Hito Steyerls Bondage-Erkundung im Treppenhaus des Fridericianums: Warum? Harvey Keitels pathostrunkene Bühnenperformance in James Colemans Videoprojektion als gleißendstes Schlaglicht am Ende der politischen Streifzüge in der Neuen Galerie: Wieso? Die hier und dort applizierten Hintergrundfarben in den Ausstellungskabinetten: mit welcher Motivation?

Wenn einmal begreifliche Pointen aufleuchten auf dieser documenta, dann sind sie so unnötig belehrend und patronisierend wie die Platzierung Kerry James Marshalls, dessen Liebespaar in der Wilhelmshöher Gemäldegalerie unter ein paar dort vorgefundene historische Mohren gehängt wird, weil sich seine schwarze Hautfarbe zu einer so ungemein trefflichen Kolonialismuskritik aufrechnen lässt. Fast wäre man schon dankbar für diesen Moment, weil man augenblicksweise die Schulleitung bei der Arbeit zu beobachten meint. Hier ein Werk hinterlassen, dort eine Oberfläche aufpoliert. Eine Weltkunstausstellung wie ein privates Sammlerkabinett, angefüllt mit allerlei sinnhaften Ideen und nichts und niemandem als den eigenen Vorlieben und gewitzten Eingebungen verpflichtet.

Die documenta 12 wird als höfische Inszenierung im Gedächtnis bleiben. Sie ist ein Akt der Willkür, der selbstgefällig die eigene Subjektivität dem Rest der Welt als Anreiz zum Nachdenken verkaufen will. Weltfremd glauben Buergel und Noack, dass auf so trostlose Weise in all den zwielichtigen Ausstellungskämmerchen das Schöne zum Strahlen kommt. Das Schöne braucht Luft zum Atmen. In Kassel ist die Kunst am Zufall erstickt.


Mehr im Dossier  documenta 12

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