Zur Authentizität des Berliner Holocaust-Denkmals

Eisenmans Hüpfburg

Ric Schachtebeck
15. Juli 2005
Wie? Die Eröffnung des Holocaust-Denkmals war erst in diesem Jahr, und erst im Mai? Scheinbar gewöhnt hat man sich schon an die monumentale Geste zwischen Leipziger und Potsdamer Platz, die einen ganzen Häuserblock einnimmt. Vergessen fast der Zahn eines vermeintlichen KZ-Häftlings, den Lea Rosh zu guter Letzt in eine Stele des Denkmals einbetonieren wollte, um dem Ort doch noch Authentizität zu verleihen; vergessen die mangelhafte Recherche über die Firma Degussa bei der Vergabe der Bauaufträge. Vergessen die zähe, langjährige Debatte des Bundestages, die unzähligen Entwürfe, Juryentscheidungen, Neuausschreibungen und schließlich das Eingreifen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl für seinen Favoriten: den Entwurf von Richard Serra und Peter Eisenman.

Während der Bildhauer Serra jedoch nach ersten angemahnten Veränderungen und Kompromissen aus dem Projekt ausstieg, blieb der Architekt und Pragmatiker Eisenman und überarbeitete den Entwurf. 2700 dunkelgraue Stelen, Betonblöcke mit gleichem Grundriss, stellte er in ein Rastersystem, das wie die Wirklichkeit gewordene utopische Fantasie einer Trabantenstadt aus alten Zukunftsplänen des vergangenen Jahrhunderts aussieht. Und wenn man sich zwischen den einzelnen Stelen, die unterschiedlich hoch und teilweise leicht geneigt auf Hügeln und in Tälern stehen, seinen Weg bahnt, erweckt das den Eindruck, man wäre Godzilla in Manhattan. Von oben – und nur von hier (zum Beispiel von der Aussichtsplattform im Kollhoff-Gebäude, Potsdamer Platz Nr. 1) – erkennt man, dass die Stelen wellenförmig angeordnet sind und je nach Sonnenstand und Schattenwurf plastisch hervortreten. Im Winter wird das schön aussehen, wenn sie mit Schneemützen bedeckt sind!

Eisenman präsentiert eine mathematisch glatte, formale Interpretation, die in ihrer Abstraktion im Austauschbaren gelandet ist. Einige Besucher meinen, ein Labyrinth zu erkennen, aber es ist keins; verlaufen kann man sich nicht, weil Ausgänge durch die horizontalen Begrenzungen immer sichtbar bleiben. Und wieso Labyrinth – Labyrinth als Metapher etwa für den Holocaust? Aber was ist und will das Denkmal denn eigentlich? Will es überhaupt etwas?

Eisenman und Lea Rosh muss diese Frage wohl auch beschäftigt haben; denn stand am Anfang das Denkmal noch für eine schlicht skulptural-monumentale Aussage zum Thema, wurde es, je näher der Eröffnungstermin heranrückte, als ein Erlebnisfeld zur Selbsterfahrung angekündigt, ein Ort zum Nachvollziehen. Es fielen Begriffe wie Beklemmung, Ausweglosigkeit, Orientierungsverlust, die Menschen beim ersten Durchschreiten des Stelenfeldes nachempfunden hatten. Erlebnisarchitektur also? Hatte uns nicht gerade erst Daniel Liebeskind erbost, der mit einer ungeheuer arroganten Geste Besucher des Jüdischen Museums in Berlin für eine kurze Zeit in einen Turm einsperrt, um ihnen das Gefühl eines KZ-Häftlings zu vermitteln? Maßt sich nun ebenso das Holocaust-Denkmal an, auch nur ein einziges Gefühl, das es auslöst, mit dem Gefühl eines verfolgten Juden während des Naziterrors in Verbindung bringen, es sogar nachvollziehbar machen zu wollen? Da schlackern einem doch die Ohren!

Das Mahnmal tut das nicht von sich aus; es sind projizierte Erlebnisse, Hilflosigkeiten, überfrachtete Interpretationen, die das Thema mit sich bringen. Eisenmans Skulpturengarten überrascht nicht, stößt nichts an und ab, provoziert nicht und fordert nichts ein (wie beispielsweise Micha Ullmans Denkmal der Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz); er verhält sich neutral und könnte auch für vieles andere stehen. Das Mahnmal aber, so der Plan, ist ausschließlich für die im Holocaust ermordeten Juden gebaut worden. Andere Opfer, wie etwa Homosexuelle oder Sinti und Roma, sind nicht gemeint und werden deshalb ihre eigenen Denkmäler erhalten. Von einem noch zu bauenden Wasserbecken in der Nähe des Reichstages war zu lesen, in dessen Mitte jeden Tag eine frische Rose gelegt werden soll... Unerfreulicherweise verlängern sich so die hierarchisch wirksamen Strukturen der Winkelsymbole für KZ-Insassen bei der Mahnmalsvergabe. Die Hackordnung im Lager findet ihre Reziprozität in der Erinnerungslandschaft Berlins.

Wohl aus Angst vor allzu großer Neutralität und Mehrdeutigkeit gesellte man dem Denkmal ein unterirdisches Informationszentrum hinzu, um die Besucher auf das eigentliche Thema einzustimmen. Oberbürgermeister Klaus Wowereit mahnte die Bevölkerung an, erst diesen Ort aufzusuchen, um dann im Anschluss das Denkmal besser verstehen zu können. Doch obwohl der Ort der Information auf elegante, effektvoll ausgeleuchtete Weise das Rastersystem des Stelenfeldes in seiner gelungenen Ausstellungsarchitektur aufnimmt und uns so einfache Deutungen nahe legt, wie die, jede einzelne Stele als Sinnbild für die schicksalhafte Geschichte einer Jüdischen Familie zu begreifen, verbinden oder ergänzen sich beide Orte nicht wirklich. Sie bleiben auf erstaunliche Weise, obwohl sie architektonisch miteinander verzahnt sind, ohne Berührung.

Doch nehmen wir einmal nur für einen Moment dem Denkmal seine Bürde, die es zu tragen hat. Versuchen wir einmal außer acht zu lassen, wofür es stehen soll und warum es eigentlich gebaut wurde. Schauen wir einmal (an dem die Rasterstruktur wirklich sehr störenden Fahrstuhlturm des Informationszentrums vorbei) von Nordost diagonal auf den Tiergarten und den angrenzenden Potsdamer Platz, setzen wir uns für einen Moment und sehen den Menschen zu, wie sie in diesem beschwingten Stelenfeld aus dunkelgrauem Beton verschwinden und wieder auftauchen; den Kindern, wie sie versuchen von Stele zu Stele zu springen; dem Eisverkäufer, vor dessen Wagen sich eine kleine Gruppe von Menschen angesammelt hat; erfreuen uns an der romantischen Geste Eisenmans, als er zum Bauende noch einige Nadelbäume und Sträucher zwischen die Stelen pflanzte, so als ob die Natur vom Tiergarten kommend Besitz ergriffe; vergessen wir also kurz einmal die ganze Debatte um das Mahnmal, dann erkennen wir eine durchaus großzügig angelegte Piazza; ein absurdes, bizarres, skulpturales Stadtmöbel, eingerahmt vom Tiergarten und von drei Häuserzeilen, die – und das ist das eigentliche Schicksal des Holocaust-Denkmals – dem Monument allesamt den Rücken kehren.

Der Autor Ric Schachtebeck ist Bühnenbildner und Production Designer und lebt in Berlin.


Weitere Artikel von Ric Schachtebeck


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken
artnet - Die Welt der Kunst online. ©2012 Artnet Worldwide Corporation. Alle Rechte vorbehalten. artnet® ist eine eingetragene Handelsmarke der
Artnet Worldwide Corporation, New York, NY, USA.