Zur Arbeit des documenta-12-Beirats

Heimat für das Ufo

Thea Herold
31. Mai 2007
Vor dem Fridericianum, dem Herzen der documenta 12, steht ein Mohnfeld in Rot auf dem Programm. Aber Vernissage-Termine interessieren Gärtner wenig. Dabei soll es genau auf dem Friedrichsplatz in Kassel zur Eröffnung in drei Wochen dicht und üppig blühen! Aber es gab Regen im Mai und hungrige Tauben. So ist die erste Saat fortgeschwemmt und aufgefressen. In der vergangenen Woche harkte ein Mann die zweite Ladung Mohn in die Erde. In biblischer Ruhe, mit Erfahrung und Sorgfalt. Und er dachte sich wohl: Dann blüht es halt später.

Über solche gärtnerische Ruhe, die jeder braucht, der Pflanzen oder Projekten beim Wachsen zusehen will, verfügt auch Ayse Gülec vom Kasseler Kulturzentrum Schlachthof in der Mombachstraße. Vielleicht ist sie deshalb auch als Sprecherin für den documenta-Beirat ausgesucht worden. Zumindest hat diese Arbeit ihre Begabung für interkulturelle Kommunikation mehr geprüft als jedes andere Projekt zuvor in ihrem Leben. Anderthalb Jahre lang koordiniert sie nun schon die Belange des Beirats. Im selben Boot mit vierzig Experten aus Kassel und unterstützt von Wanda Wieczorek, Assistentin der documenta-Leitung und auch Beirats-Mitglied. Vieles der geleisteten Arbeit dieses neu erfundenen, heterogenen Forums ist bislang nur schwer vorstellbar und auch die kommende Wirkung bleibt ungewiss und ein Balance-Act. „Wie sollen wir auch unser Helfen beim Ideenfinden und das ganze Mitdenken beschreiben? Vielleicht sind wir ja so etwas wie eine lokale Suchmaschine? Auf keinen Fall waren wir auf konkrete Ergebnisse orientiert, Beiratsarbeit ist ein offener Prozess.“

Bei der Erinnerung an das erste „Impuls-Referat“ – bei dem der documenta-Chef Roger Buergel dem Beirat seine Leitfragen erklärte – geht ihre ruhige Stimme ein paar Töne tiefer und wird klar und konkret: „Wir wollten dafür sorgen, dass die Ideen der künstlerischen Leitung auch lokal funktionieren. Und wenn man in der zeitgenössischen Kunst den Zustand der ganzen Welt anzusehen versucht, dann kann man sich die Welt auch gleich und ganz konkret am Beispiel hier ansehen.“ So drehten sich die Debatten im Beirat um die prekäre Kasseler Arbeitssituation, die konkrete Bildungslage, Migrationsproblematik, Integrationsprojekte. Es ging um Themen der Stadtgeschichte, demografischen Wandel, um genaue Orte, um Freiflächen im direkten Sinn und freie Plätze für Ideen im übertragenen Sinn.

Dabei ist das eine Ziel der gemeinsamen Denkarbeit gar nicht so neu: Wie bringt man das Publikum der documenta dazu, sich nicht allein die Kunstwerke, sondern auch den Kunststandort Kassel vor Augen zu führen? Und viel wichtiger als bei jeder anderen documenta zuvor nimmt der Beirat die umgekehrte Blickrichtung: Wie lassen sich die Bewohner von Kassel zum eigenen sinnlichen Erleben und nicht nur zum geduldigen Erleiden der hundert Tage documenta 12 ermutigen? Nicht rein rhetorisch – sondern praktisch. Sind dafür die geplanten sonntäglichen „Lectures“ in der documenta-Halle die richtigen Plattformen? Wer spricht dort, worüber und mit wem? Die Planungen laufen derzeit auf Hochtouren, die Projekte bekommen mehr und mehr Kontur. Und wovon man bisher im wolkigen Konjunktiv redete, das wird gerade in Klartext umgewandelt und soll bald auch aufs Papier.

Richtig ansehen aber lässt sich solche Arbeit trotzdem nicht. Es ist ein Energie-Transfer, der lange vor der Vernissage der großen Kunstparade begann und möglicherweise noch weit länger als die documenta selbst andauern wird. Im Moment hört es sich unter den Passanten in der Karlsaue immer noch genauso an, wie vor den letzten Premieren auch: Man schimpft! Diesmal sind es die drei Millionen für die temporären Gewächshäuser, die den Restaurantbesuchern vor der Orangerie den Caldener Spargel im Halse stecken bleiben lassen. Die ganze Aue sei verschandelt! Und dann diese „Gardinen“ vor dem altehrwürdigen Fridericianum. Was man dafür wohl hat für Löcher bohren müssen. Wie immer wird alles in Grund und Boden gewünscht, was jetzt für documenta-bedingte Bauzäune sorgt. Wie greift also die Arbeit der Experten?

Man wird auf die Projekt-Ergebnisse warten müssen, geduldig wie auf die Mohnsaat auf dem Friedrichsplatz. Erst dann wird sich zeigen, ob die kulturelle Wurzelarbeit aufgeht, so dass die große Sause im Sommer nicht nur ihren Gästen, sondern auch ihren Gastgebern zugutekommt. Dafür wurde im Beirat koordiniert, moderiert, gestritten und manchmal auch alles noch mal von vorne erläutert. Wahrscheinlich wird es nicht immer einfach gewesen sein, das vierzigköpfige Gremium für eine qualifizierte Debatte mit Roger Buergel und Ruth Noack Monat für Monat bei der Stange zu halten. Was haben, bei Licht besehen, ein Universitätsprofessor, eine Sozialarbeiterin im Frauenhaus, ein Globalisierungsspezialist, eine Humangeografin, Kasseler Arbeitslose, Straßenplaner und all die anderen aus diesem bunt gemischten Forum gemeinsam? Die Einkommensgruppe ist es jedenfalls nicht. Vielmehr bringt jeder seine eigene berufliche und Lebenserfahrung in den Diskussionsprozess mit den beiden documenta-Leitern ein. Und ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist letztlich der, dass sie alle irgendwie Kasseler, Kasselaner oder sogar Kasseläner sind.


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