Zum Tod von Lucian Freud

Meister des Inkarnats

Evelyn Pschak
22. Juli 2011

Im Mai wollte er eigentlich noch zur seiner Ausstellungseröffnung bei der Galerie Daniel Blau in München kommen. Schon da ließ es sein gesundheitlicher Zustand nicht mehr zu: Mittwochnacht ist der große Maler Lucian Freud im Alter von 88 Jahren in London gestorben. Er entstammte einer illustren Familie, die er selbst, de manière bohémienne, auch nach Leibeskräften vermehrte. Der Enkel Sigmund Freuds und Sohn von Architekt und Loos-Privatschüler Ernst Ludwig Freud war in erster Ehe mit Kitty Garman verheiratet, der Tochter des Bildhauers Jacob Epstein, die er vielmals porträtierte, etwa in Girl with a Kitten von 1947. Dieser Verbindung entstammen zwei Töchter, Esther und Bella Freud. Seine zweite Ehe mit Lady Caroline Blackwood blieb zwar kinderlos, nicht aber seine zahlreichen romantischen Aventüren. Lucian Freud zelebrierte den Künstlertypus vergangener Zeiten: Dandy und Lebemann, Frauenheld, Spieler und Pferdenarr. Ursprünglich wollte er sogar Jockey werden – die Aufnahme in die Londoner Central School of Arts and Crafts verdankte der sonst eher mittelmäßige Schüler einer Pferdeskulptur aus Sandstein.

Am 8. Dezember 1922 in Berlin geboren, lebte Lucian Freud bis er zwölf Jahre alt war mit seiner Familie am Tiergarten. Mit der Machtübernahme Hitlers zogen die Eltern in die englische Hauptstadt. Hier setzte Freud mit seinen Porträts schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein figuratives Zeichen in der sich mehr und mehr der Abstraktion verschreibenden Kunstwelt. Seine Porträts waren nicht romantisch, nicht idealisierend. Müde sind seine Protagonisten, desillusioniert. Dass der Mensch kein perfektes Geschöpf ist, muss man vis-à-vis des schmerzenden Realismus‘ Freuds einsehen, ob man nun will oder nicht. Die Modelle selbst haben sich damit abgefunden und geben ihre faltigen, fleischigen, gealterten Körper ohne den Schutz von Stoff oder Etikette preis. Ruhig und unbewegt tun sie das, ohne Aufregung, ohne Scham, der Provokation bewusst, ihrer harrend, trotzig. Stark. Lucian Freud war ein Maler des störrischen, ja unappetitlichen Fleisches. Doch er betrachtete es weder sezierend noch mit den Augen eines Karikaturisten. Innig geraten seine Porträts. Melancholisch. Aus der Zeit gefallen.

Freud begleitete die Kunstwelt über sieben Jahrzehnte und war in dieser ungeheuren Zeitspanne nicht nur künstlerisch sondern auch kommerziell anerkannt. Queen Elizabeth II saß für ihn ebenso Modell wie Jerry Hall oder Kate Moss. Der Maler galt den Auktionshäusern als teuerster zeitgenössischer Künstler, seitdem die in prächtiger Fleischlichkeit Schlafende Big Sue, 1995 als Benefits Supervisor Sleeping gemalt, im Mai 2008 bei Christie’s New York für 33,6 Millionen US-Dollar den Zuschlag erhielt.


Das Freud’sche Versprechen auf Zeitlosigkeit von Evelyn Pschak
Schonungslos, verquollen, fast karikaturesk: Lucian Freud hat seinen Modellen nie geschmeichelt. Dennoch gehörten seine Bilder und Zeichnungen zum Hingebungsvollsten, was die gegenwärtige Malerei zu bieten hat. In der Galerie Daniel Blau wird wieder einmal klar, weshalb das auch seinen Preis haben muss.


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