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Zum Tod von Bernd Becher

Die Kunst der Dokumentation

Eric Aichinger
26. Juni 2007
Das Dokumentarische und das Künstlerische schließen einander aus. Diese Auffassung, die sich der romantisch-idealistischen Tradition verdankt, ist ebenso geläufig wie fragwürdig. Ein wesentlicher Grund für die Auflösung dieser Grenze ist auch im Werk von Bernd und Hilla Becher zu finden. Mögen der Reiz von Arbeiter- und Fachwerkhäusern und der Charme von Silos, Speichern, Gasbehältern, Hochöfen oder von Wasser-, Förder- und Kühltürmen aufgrund des Prinzips der Einheit in der Vielheit auch deutlich höher sein als von allen Outletcentern, Bürobunkern und Parkhäusern zusammen, so erschließen sie sich doch nicht jedem unmittelbar. Spröder – so meinte zunächst auch die Kritik – geht es nicht, als den Positivismus ins Bild zu setzen, als „Ausstülpungen“ der Industrialisierung im formalen Vergleich, als „Typologien“ in „Gegenüberstellungen“ und „Abwicklungen“ zu präsentieren.

Das Interesse am Dokumentieren dieser technischen Architektur liegt in der Biografie Bernd Bechers begründet. Geboren 1931 in Siegen, wuchs er in der Industrieregion Siegerland auf und hatte die Bauten und Apparaturen schon in seiner Kindheit vor Augen. Sein Großvater war Platzmeister in einer Hütte, der Vater hatte eine Bergwerkslehre gemacht. Bereits 1959 arbeiteten der studierte Grafiker Bernd und die ausgebildete Fotografin Hilla Becher (geb. 1934) zusammen. Nach der Heirat 1961 traten sie auch beruflich ausschließlich als Künstlerpaar auf. Zu diesem Zeitpunkt begannen sie, sich von der damals vorherrschenden gestaltenden Werbefotografie und der Subjektiven Fotografie Otto Steinerts und seines Kreises abzusetzen. Sich selbst sahen die Bechers hingegen in einer Linie mit der neusachlichen Fotografie der 1920er Jahre, wie sie von August Sander, Albert Renger-Patzsch und Karl Blossfeldt vertreten wurde. Auch sie verwendeten eine alte 13 x 18 Plattenkamera, die jedes noch so feine Element mit minutiöser Detailgenauigkeit registriert und verzerrungsfreie, gleichmäßige Schärfe ermöglicht. Die Verwendung der präzisen Großbildkamera war Teil ihres „methodischen Vorgehens und der Strategie zur Erzielung einer objektiven Fotografie“.

Der objektive Blick wurde zum Maßstab. Schon früh entwickelten die Bechers ein strenges methodisches Konzept, das die Optimierung der schwarzweißen Sachaufnahmen gewährleisten sollte und das sie kaum je durchbrochen haben. Ihr Credo lautete: „Nur von der richtigen Position aus lässt sich das Wesen des Objekts begreifen und ins Typische umsetzen.“ Der Kamerastandpunkt ist immer erhöht, damit aus Augenhöhe auftretende optische Verzerrungen ausgeschlossen sind. Das Motiv ist immer in der Bildmitte platziert, wodurch die menschenleere Umgebung auf ein Minimum reduziert bleibt. Es entstanden meist acht Aufnahmen, frontal und übereck anvisiert, mit einem Halt im Gang um das Objekt nach jeweils 45 Grad. Da Schatten oder Spiegelungen atmosphärische Ablenkungen bedeuten, fotografierten sie bevorzugt bei bleigrau bedecktem Himmel. Das gleichmäßig diffuse Licht lässt das Objekt in aller Schärfe erscheinen und bewirkt einen Eindruck von Zeitlosigkeit. Auf diese Weise haben Bernd und Hilla Becher Stätten industrieller Produktion erst im Ruhrgebiet, dann im umliegenden Europa und den USA aufgesucht und die Bauten – „anonyme Skulpturen“ – vor deren Verschwinden fotografisch erfasst. Es entstand ein archäologisches Inventar aus Tausenden von Einzelaufnahmen.

Doch erst in der Reihe, im typologischen Formenvergleich der Prototypen eines Bauwerks, erhält das Einzelfoto Sinn und Bedeutung. Fotografien sind dafür da, benutzt zu werden. Sie haben eine Funktion, es sind Dokumente, Hilfsmittel; das ist der Ursprung der Fotografie. In Ausstellungen werden die einzeln gerahmten Bilder in zwei bis vier Reihen en bloc präsentiert. In der Reihung, im vergleichenden Sehen, erkennen wir, dass jedes abgebildete Objekt sowohl eine individuelle wie eine typische Erscheinung hat. Doch ist die Fotografie auch künstlerisches Ausdrucksmittel. Die Bechers fotografieren die Zweckbauten als in sich ruhende Solitäre und erheben sie so zu eigenständigen ästhetischen Gebilden mit skulpturaler Präsenz. Die reduktionistische Methode und die Reihung als künstlerisches Prinzip rücken sie in die Nähe der Minimal Art, ihre konzeptuelle Arbeitsweise und die Darstellung des Methodischen in Typologien rücken sie in die Nähe der Conceptual Art. Erste Einzel- und Museumsausstellungen in Düsseldorf und München finden schon in den 1960er Jahren statt. Die Einladung zur documenta 5 und die ausführliche Besprechung ihrer Arbeiten durch Carl Andre (in „Artforum“, Nr.12) 1972 bilden den Auftakt der internationalen Rezeption. 1990 wird ihnen in auf der Biennale in Venedig der „Goldene Löwe“ verliehen. 2003 wurde mit „Typologien industriellen Bauens“ in Düsseldorf die erste große Retrospektive zum Lebenswerk des Fotografenpaares gezeigt.

Bernd und Hilla Bechers Bedeutung für die Fotografie, insbesondere für die weltweite Anerkennung der deutschen Fotografie, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit war Bernd Becher, assistiert von seiner Frau, von 1976-97 Professor der eigens für ihn eingerichteten Fotoklasse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Die mittlerweile legendäre erste Generation seiner Studenten, die wesentlich für die Prägung des Begriffs der „Düsseldorfer Schule“ des Sehens steht, umfasst so klangvolle Namen wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth.

Folgt man den verstreuten Aussagen der früheren Akademieschüler, erfährt man, dass es im Unterricht um weit mehr ging als nur um Fotografie. Der ganzheitliche Denkansatz der Bechers, die Konfrontation der Schüler mit Filmen, der Gegenwartskunst sowie dem politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zeitgeschehen spielte für die Entwicklung ihrer Bild- und Themenfindung eine maßgebliche Rolle. Nun ist Bernd Becher im Alter von 75 Jahren in einem Rostocker Krankenhaus gestorben.


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