Zu den Dingen in der Kunst

Magie der Nebensächlichkeit

Anne Vollenbröker
29. August 2011

„Erstens – Mir fiel auf, dass du sehr klug bist. Zweitens – dass du sehr schön bist. Drittens – dass du scharfsinnig bist“. 1954 verfasst Eero Saarinen eine Liste der Qualitäten seiner zukünftigen Frau Aline Bernstein und kommt bei Punkt dreizehn zur Schlussfolgerung: „... je mehr man am Fundament gräbt, desto mehr stößt man auf das härteste Granit, um darauf für dich und mich ein gemeinsames Leben aufzubauen“. Und mit einem Pfeil fügt er fast schon entschuldigend in kleineren Buchstaben hinzu: „Ich weiß, das ist kein guter Satz“.

Es ist die Liebeserklärung eines großen Architekten des 20. Jahrhunderts und eines der vielen unscheinbaren und vergilbten Stücke Papier, die das Smithsonian‘s Archive of American Art seit 1970 zusammenträgt und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Noch bis Oktober wird Saarinens Bekenntnis im New Yorker Morgan Library & Museum als Teil der Ausstellung „Lists, To-Dos, Illustrated Inventories, Collected Thoughts and Other Artist´s Enumerations“ gezeigt. Die insgesamt 40 Archivalien mögen zunächst als begehrte Fetischobjekte bedeutender Künstler abgestempelt werden, sie verdeutlichen aber vor allem eines: Oftmals deutlicher als in den formellen Kunstwerken können vermeintlich nebensächliche Dinge uns einen Einblick in das private Leben und in die Denk- und Produktionsweise eines Künstlers geben. Durch sie findet ein Heranzoomen auf die Mikro-Ebene statt, auf alltägliche und marginale Dinge, die vom Künstler als kurzzeitige „Nebenprodukte“ hervorgebracht werden oder sich in seinem persönlichen Umfeld befinden. Zu diesen Dingen gehören Dokumente und Archivalien, Schnappschüsse, Sketch- und Tagebücher, Korrespondenzen, Sammlungen jeglicher Art, unfertige Entwürfe und Kritzeleien, Krimskrams, Nippes und Notizen, Schriftliches, Gezeichnetes und Objekthaftes.

Ein Kunstmagazin präsentiert in jeder Ausgabe Lieblingssachen und Herzensdinge der Künstler bei einem Atelierbesuch. Auch und besonders Künstler beschäftigen sich mit den Dingen – und die Dinge schauen zurück. Sie nehmen ihrerseits Einfluss auf die Produktionspraxis der Kunst und bergen für den Betrachter die Möglichkeit, diese unmittelbarer zu verstehen und nachzuvollziehen. Die Beschäftigung mit „Dinglichkeiten“, mit materieller Kultur, welche sich in den vergangenen Jahren in so vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen nicht zuletzt im englischsprachigen Raum entwickelt und verfestigt hat, findet verstärkt in der zeitgenössischen Kunst und Ausstellungspraxis ihren Anklang. Während unser tägliches Leben und auch die Kunst immer virtueller funktioniert, bietet eine Theorie der Dinge die Rückkehr zum Realen.

Dass es bedeutende Archive wie das Smithsonian‘s Archive of American Art, das Kölner Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels oder auch das Deutsche Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg gibt, verdeutlicht die visuelle Kraft und Ausdrucksfähigkeit von Dingen, hier insbesondere von Dokumenten. Zentraler Gedanke solcher Archive ist es jedoch auch, Erinnerung zu bewahren, Biografien nachzuziehen und einen Beitrag zur Wissensgeschichte zu leisten. Nun bedarf es aber Vermittler, die die Dinge in den Archiven erkennen oder sie aus dem privaten Umfeld des Künstlers, aus dem Hintergrund in die Öffentlichkeit bringen, um so die wechselseitige Beziehung zwischen Künstler und Ding sichtbar zu machen. Während Skizzenbücher, Fotografien oder offizielle Dokumente in den Museen lange schon parallel und als Zusatzinformation zu den Kunstwerken gezeigt werden, so sind es aktuell oft Quereinsteiger aus anderen wissenschaftlichen Bereichen, die jenseits der tradierten Kunstgeschichtsschreibung anhand von Dingen und ihren Geschichten neue Herangehensweisen und Ausstellungskonzepte anregen.

Wie kann eine Ausstellung aussehen, die von einer chronologischen oder inhaltlichen Zusammenstellung der Kunstwerke absieht und vielmehr die Kulisse für die Entstehung der jeweiligen Kunst ins Visier nimmt? In der Berliner Kunsthalle Koidl zeigten Mona Hatoum, Arturo Herrera und Karin Sander diesen Sommer nicht etwa ihre eigenen Werke, sondern die Arbeiten anderer Künstler (u.a. Thomas Ruff, Kara Walker, Jeff Koons) – Arbeiten, mit denen sie leben, die sie schätzen, die sie inspirieren. „Künstlersammler“, so der Titel der Ausstellung, ist ein Thema, das in der klassischen Kunstgeschichte durchaus behandelt wird, jedoch wie z.B. bei Peter Paul Rubens traditionell eher mit Aspekten einer ökonomischen Stabilität und sozialen Positionierung in Verbindung gebracht wird. Die Berliner Ausstellung wertet die Sammlung des Künstlers als Rückschluss auf seine private Umgebung und auf Inhalte, mit denen er sich beschäftigt und sie hinterfragt in einem zweiten Schritt, wie der „Gegenstand Kunst“ heute akkumuliert, wie er beispielsweise von Künstler zu Künstler getauscht wird. In ihrer kommenden Ausstellungsreihe „Roots and Echoes“ gewährt die Kunsthalle Koidl wiederum einen unmittelbaren Blick auf die Dingwelt und ihre Funktion in der Kunst: Zwölf Künstler werden je eine Nacht zwei Kabinette einrichten, und somit auch räumlich die Verbindung von Ding und Kunstproduktion verdeutlichen. Ein Kabinett spiegelt, wie der Ausstellungstitel bereits anklingen lässt, in Form von Dingen aus ihrem Privatbesitz die Wurzeln, Inspirations- und Gedankenwelt der Künstler wider. Kabinett Nummer zwei zeigt die formalen Werke, das Endprodukt. Ganz im Sinne von Bruno Latours gesellschaftswissenschaftlicher Akteur-Netzwerk-Theorie möchte die Künstlerische Leiterin Christine Nippe darauf verweisen, dass Dinge als handelnde Akteure auftreten und neben dem Künstler eine aktive Rolle im Produktionsprozess einnehmen.

Dass gerade die Ausstellungshalle eines Privatsammlers die Bedeutung der Dingkultur im Kontext Kunst aufgreift und vorantreibt, ist ebenfalls interessant. Im Gegensatz zum Museum können Sammler subjektiver, das heißt auch freier, agieren und inhaltlich eine Vorreiter-Rolle einnehmen. Und: neben ihren Galeristen halten die Künstler besonders enge Kontakte zu Sammlern, aus denen sich nicht selten Freundschaften entwickeln. Da liegt es nahe, dass außer den Kunstwerken auch Dinge in private Sammlungen gelangen – Grußkarten, Fotos, Skizzen, Geschenke. Im Kontext der Sammlung käme den Dingen dann eine weitere Funktion zu: So wie sie den Schaffensprozess des Künstlers begleiten, können sie eine Brücke zwischen der Biographie des Sammlers und dem fortschreitenden Sammlungsaufbau schlagen. Noch stärker als die gesammelten Kunstwerke gliedern Dinge eine Sammlung hinsichtlich entscheidender Merkmale wie Zeit, Personen und Orte. Ein derartiges Konzept, das die Dingwelt privater Kunstsammlungen offenlegt, wäre eine spannende Ergänzung zu den zahlreichen herkömmlichen Sammler-Ausstellungen.

Welche Bemühungen bisweilen nicht nur für den Ankauf von Kunst, sondern ebenso für den Erwerb von Dingkonvoluten getätigt werden, zeigt sich am Beispiel des Szeemann-Archivs. Seit 2008 stand die Stadt Kassel mit Ingeborg Lüscher, Witwe von Harald Szeemann, in Verhandlungen. Trotz eines festgelegten Kaufpreises von 2,8 Millionen ging im Juni 2011 der Bestand an Büchern und Katalogen, Korrespondenzen, Fotos und Videos, Konzeptpapieren, Originalskizzen und Handzeichnungen von Künstlern sowie persönliche Erinnerungsstücke und architektonische Modelle an das The Getty Research Institute nach Los Angeles. Dort soll innerhalb der nächsten drei Jahre die gesamte Sammlung aufgearbeitet und für die Forschung zugänglich gemacht werden. Dazu gehören auch Dokumente aus Szeemanns Jugendzeit, einschließlich früher Alben zu Theaterstücken und -aufführungen und einer Reihe handgemachter geografischer Skizzenbücher, gefüllt mit akribischen Zeichnungen von Landkarten und Statistiken. „Mein Archiv ist mein Gedächtnis“, sagte Harald Szeemann einmal.

„Lists: To-dos, Illustrated Inventories, Collected Thoughts, and Other Artist´s Enumerations from the Smithsonian’s Archives of American Art” – The Morgan Library & Museum, New York. Vom 3. Juni bis 2. Oktober 2011

„Roots & Echoes – Contemporary Nights” u.a. mit Andy Hope, Olaf Holzapfel, Gregor Hildebrandt, Tim Eitel, Ruprecht von Kaufmann, Alicja Kwade, Thomas Rentmeister – Kunsthalle Koidl, Berlin. Ab 24. September 2011

„Harald Szeemann Archive and Library” – The Getty Research Institute, Los Angeles


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