Zu Besuch bei Markus Lüpertz

40 Container schwer

Astrid Mania
19. September 2009
Im Jahr 2009 kann der Künstler alles sein. Er kann als Großunternehmer firmieren, der ein Heer von Mitarbeitern, Assistenten und Handwerkern befehligt. Er kann als Kleinstunternehmer auftreten, der vom heimischen Schreibtisch aus agiert und sein Atelier auf die Größe des Computerbildschirms geschrumpft hat. Er darf malen, fotografieren und agitieren, bildhauern, beauftragen, konzeptualisieren oder auch alles zusammen. Er kann exaltierter Selbstdarsteller sein oder auch aufmerksamkeitsscheuender Nerd, der sich ganz hinter seinem Werk verbirgt. Und – er kann sogar weiblich sein. Selbst als Frau erfolgreiche Kunst zu machen, die sich nicht geschlechtsspezifisch zuordnen lässt, ist heute möglich. Der Kunstliebhaber sucht in solchen Zeiten rollensoziologischer Beliebigkeit deshalb mit wachsender Verzweiflung Fixpunkte. Künstler zum Beispiel, die dem Klischee vom moschusumwehten Meistermacho entsprechen. Männer, die entschlossen mit Farbe hantieren. Markus Lüpertz etwa ist so ein Prachtexemplar. Malerfürst vom Scheitel bis zur Sohle, beringt, totenkopfbehangen, mit elegantem Einstecktuch und ebensolchem Anzug – ein Auftritt, ein Habitus, der Disziplin verrät und tägliche Konzentration verlangt. Da sind Atelierbesuche noch Audienzen. Der Zutritt zu den Produktionsstätten wird wie bei anderen Unterhaltungsstars kollektiv bei Tourneebeginn oder zum Filmstart gewährt. In diesem Fall als Vorbereitung einer Retrospektive der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Der Maler als Rockstar eines wertkonservativ vermittelten Mediums. Am Ateliereingang wartet das Klischee.

Überhaupt, das Atelier. In Teltow, südlich von Berlin gelegen, inmitten eines kleinbürgerlichen Reihen-Neubau-Idylls, lebt und arbeitet Lüpertz in einem ehemaligen Baubüro. Er ist Herr über 40 Bau-Container. Von Fabrikhallenromantik oder Gutshaus-Noblesse kann hier keine Rede sein. Die Halle selbst ist leer, aufgeräumt, die jüngste Produktion reist längst klimaversiegelt nach Bonn. Die gedeckte Tafel (natürlich Rotwein) lädt zu einer Familienfeier auf Bierbänken ein. Der Besuchsablauf selbst wird mit choreografischer Strenge vom Pressebüro der Kunst- und Ausstellungshalle orchestriert. Da kann es schon passieren, dass Robert Fleck, Intendant und Organisator der Schau, bei seinen begeistert zerfließenden Erläuterungen von der Pressesprecherin mit einem lauten „Cut! Cut!“ unterbrochen wird. Die Quintessenz des Besuchs passt auch in eine filmisch eher kurze Sequenz: Nach Gerhard Richter (1994), Sigmar Polke (1997) und Georg Baselitz (2004) wird nun auch Markus Lüpertz in den Bonner Olymp aufgenommen. Mit einer Schau, die in den 1960er-Jahren einsetzt und auf den Dialog zwischen Malerei und Skulptur baut.

Dann darf Lüpertz sprechen. Ein „Triumph“ sei es, in Bonn auszustellen, im wichtigsten Ausstellungshaus des Landes. Überhaupt ist der Künstler, der 28 Jahre in Düsseldorf lebte und an der dortigen Akademie lehrte, deren Rektor er seit 1988 war, in der ehemaligen Hauptstadt des deutschen Westens gut aufgehoben. So unpolitisch er seine Kunst verstanden wissen will, so vehement er sich gegen eine Instrumentalisierung der Malerei im Dienste der Politik wehrt, so leidenschaftlich erläutert der „begeisterte Bundesrepublikaner“ seine politischen Ansichten. Ob die Freundschaft mit Gerhard Schröder auch eine ideologische sei? Ob er dessen Partei wähle? Nein, er geht gar nicht wählen, sagt Lüpertz, um nachzuschieben, dass er aber sofort aktiv würde, wenn die Grundrechte beschnitten würden. Sogar eine Karriere als Politiker könne er sich vorstellen. Bis es aber so weit ist, will er über den Äther zu uns sprechen. Lüpertz wird im Herbst nächsten Jahres in Potsdam eine Privatakademie eröffnen, zu der eine Radiostation gehört, die „Hölderlin“ heißen wird. Überhaupt ist Lüpertz ja begeisterter Leser und Dichter, und wenn er sich selbst in leichter Unbescheidenheit (ach, endlich erfüllt er nun die an ihn gesetzten Erwartungen!) als sehr talentierten Maler bezeichnet, weist er doch die Vorstellung vom Multitalent entschieden zurück.

Schließlich dürfen dann einige noch im Atelier verbliebene Gemälde in Augenschein genommen werden. In der großen Halle selbst stehen Gipsabgüsse klassischer Skulpturen („für die Atmosphäre“), ist eine Versammlung ausgestopfter Tiere drapiert, von denen sich einige in Gemäldeassemblagen wiederfinden, sind Zeichnungen gehängt – und es findet sich das Modell eines „Herkules“, einer aus Körper-Versatzstücken zusammengesetzten männlichen Figur, die so gar nicht wie ein heroischer Halbgott wirkt und demnächst als Riesenskulptur einem ehemaligen Förderschacht in Gelsenkirchen aufgesetzt wird. Große Themen. Arbeit, Schweiß und die ewigen Werte der menschlichen Existenz. In einer Gemäldegruppe taucht unter dem Schlagwort „Nacht“ der Tod auf. Daneben wird der „Abend“ durch einen müden Arbeiter repräsentiert. Auf dem „Morgen“-Bild kräht erwartungsgemäß ein Hahn. Der Barmherzige Samariter wird auch in den Tageszeitenzyklus eingewoben, ebenso Susanna und die Alten. Sie machen aus bleibenden Sujets bleibende Werte.

Aber was soll das Gerede über Sujets? Die Malerei selbst soll im Vordergrund stehen. Die Oberfläche, die Atmosphäre, die Behandlung des Dargestellten. Abstrakt ist Lüpertz auf diesem Weg jedoch nie geworden. Als „leere Zeichen“ will er seine Motive verstanden wissen, sich selbst als „reinen Maler“. Die interpretatorische Verantwortung schiebt er dem Betrachter zu, von dessen Bildungsgrad es abhängig sei, was er im Gemälde sieht, und dem es natürlich freistünde, auch politische Ausdeutungen aus den Bildern herauszuklauben. Das Publikum macht, was es will, der Maler malt, was er will. Die Malerei ist, was sie ist. Da kann es niemanden wundern, wenn zum Beispiel die immer wiederkehrenden Stahlhelme ideologisch missverstanden werden. Mancher sieht Bedeutungen hinter der Farbe, statt Farbe bedeutsam zu finden. Lüpertz ist das angenehm einerlei.

Man kann sich einer solchen Haltung anschließen oder Einmischung verlangen. Das ist Ansichtssache. Ideologie. Man darf durchaus vermuten, dass manches in der Malerei unbeschadet durch die Zeiten der postmodernen Ent-Deutung gekommen ist. Es gibt eben trotz allem noch Motive, Bilder, Objekte, die sich der Nivellierung widersetzen. Und so überrascht es am Ende doch, dass ein Künstler, der passioniert über die bundesrepublikanischen Ideale spricht (und der Joseph Beuys schon aus dem Grunde lobt, dass er seinerzeit eine undogmatische, „un-expressive“ Alternative zum deutschen Künstlerbild darstellte), sich hinter Palette und Staffelei zurückzieht und nicht für das Wirken seiner Sujets verantwortlich sein will. Und so ist alles offen am Ende der Reise. Nicht, weil die Inhalte ungeklärt sind. Sondern die Verantwortung, die der Maler für sie hat. Und für alles, was außerhalb seiner Bilder ist. Geschützt stehen der Maler und die Bilder im 40 Container schweren Atelier. Ein Klischee ist an die Stelle der anderen getreten. Aber er hat es selbst gewählt.


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