Zeitgenössische Kunst im Berliner Palast der Republik

Tod als Trend

Ric Schachtebeck
19. September 2005
Gerade erst wurde mit der Installation Der Berg ein endgültig allerletztes Spektakel im Palast der Republik beendet, da hauchte die Lecture von Robert Wilson über den Regisseur und Bühnenbildner Einar Schleef der Ruine noch einmal Leben ein. Die Staatsoper unter den Linden schloss sich diesem Wiederbelebungsversuch an und spendierte eine Life-Übertragung ihrer erschreckend konventionellen Parsifalinszenierung von Bernd Eichinger. Und der Palast, er atmet weiter!

Einst politisches Symbol und kulturelles Herz der DDR, nach der Wende jedoch abgeschoben, ausgelacht, bekämpft, entkernt, asbestsaniert und dann zum Abschuss freigegeben, ist der Palast dennoch bis heute nicht tot zu kriegen. Jetzt haben die Künstler und Kuratoren Jonas Burgert und Ingolf Keiner das Gebäude in seiner Einzigartigkeit als Ausstellungsort entdeckt.

Mit ihrer FRAKTALE IV setzen sie eine Ausstellungsreihe fort, deren Ziel es ist, „in einer Zeit des Werteverlustes substanzielle Fragen an die menschliche Existenz zu formulieren“. Im Zentrum ihrer ästhetischen Auseinandersetzung standen jeweils über die Zeit hinaus geltende Phänomene wie Natur – FRAKTALE I (2000), Evolution – FRAKTALE II (2001) und Metaphysik – FRAKTALE III (2002). Da erscheint es nur logisch, dass sie – zeitgemäß, wie die Reihe sich gibt – FRAKTALE IV dem Thema Tod widmen und 23 Kollegen und Freunde, renommierte Künstler und auch Newcomer, ergänzend zu ihren eigenen Arbeiten um eine künstlerische Stellungnahme baten.

Präsentiert werden die Ergebnisse, man muss es wirklich ausdrücklich hervorheben, in zwei atemberaubend schönen Räumen. In das ehemalige Palastfoyer setzten die Kuratoren und ihr Team einen 10.000 Kubikmeter fassenden, klinisch hellen Kubus, der mit seinen über zwei Etagen ansteigenden, zehn Meter hohen weißen Wänden einen spannungsgeladenen Kontrast zu den sezierten Resten des ehemaligen Saals der Volkskammer bildet. Mit nie zuvor gelenktem Blick wirkt der Saal jetzt, mit lasierten Stahlträgern und ausgegossen mit einem neuen Estrich, voller Poesie, wie er in seinen staubverschleierten Fenstern das Berliner Panorama einfängt.

Stephan Huber nutzt diesen Blick nach draußen. Er platziert seine beiden Installationen auf zwei Stockwerken im Treppenhaus, jeweils vor die Fensterfront. Da liegt ein Kreis aus Knochen um ein Loch in einem alten Parkettfußboden, der – gestützt von Metallkufen – über Stuckkassetten schwebt. Ein Stockwerk höher schwingt ein Kristalllüster als Pendel in einer marmorweißen Gebirgslandschaft mit tiefem Graben. Eine effektvoll inszenierte dekorative Geste, ähnlich seiner Lampenskulptur, die aus Skelettmodellen zusammengesetzt ist und in einem Lifestyleshop gut punkten würde. Dort könnte Wiebke Maria Wachmann mit ihrem weißen, in gleißendes Licht getauchten Märchenwald auch gleich die Gestaltung der Schaufenster übernehmen.

In der Malerei von Ruprecht von Kaufmann zeigt sich da ein tiefer gehender Ansatz der Annäherung an das Thema Tod. Von Kaufmann schafft gespenstische, alptraumhafte Halbwachsituationen, verfangene Fieberträume, in denen Menschen, wie in einem schlammigen See versunken, wieder an der Oberfläche auftauchen. Weiter ist John Isaacs blutiger Wachskopf zu sehen und auch sein wuchtiges Mammut, das – halb enthaart, gehäutet und blutig aufgerissen – das Zentrum des Volkskammersaals besetzt hat. Es behauptet sich als organischer Gegenpol zu der verhüllten Langstreckenrakete V1 von Oliver van den Berg und dem geheimnisvollen Schutzbunker von Tobias Regensburger, der auf rührend naive Weise ein Survival-Kit für den Fall der Fälle in seiner Hobbyecke zusammengetragen hat.

So bleibt der Volkskammersaal den größeren Arbeiten (meist Installationen) vorbehalten, während die kleineren im Kubus ausgestellt sind. So auch die von Roman Signer, der einen Modellhubschrauber in eine geschlossene Kiste eingesperrt hat und ihn so lange gegen die Wände stoßen und Überlebenskampf darstellen lässt, bis das Gerät seinen Geist aufgibt. Daneben eine Anzeigentafel mit Departure- und Arrivalanzeige, wie man sie von Flughäfen her kennt von Jörg Lange, der uns deutlich machen will, dass mehr Menschen geboren werden als sterben. Eine hinreichend bekannte statistische Information in cooler Verpackung. Die dunkle Seite, das Schattenreich, zeigt Sid Gastl mit seinen irritierenden Häuserbildern, Unterwasserlandschaften und Canyons aus Matsch, die trotz leicht verstaubter Psychologisierung noch mit scheinbar unlösbaren Rätseln locken.

Der Eyecatcher der Ausstellung jedoch ist Benjamin Bergmanns Arbeit „Hals über Kopf“. Er hat eine allein schon durch ihre Größe beeindruckende Schanze aus weiß übertünchten Brettern und Latten gezimmert und mit der vorgefundenen Stahlträgerkonstruktion verzahnt. An ihrer Schwindel erregend hohen Absprungstelle ist, wie der Stein in einer Zwille, ein Fahrrad zum Abschuss eingespannt, bereit für eine halsbrecherische Fahrt, die über eine riskante Steilkurve hin zum halben Looping im Nichts, das heißt mit einer gewaltigen Bruchlandung enden würde. Doch spätestens hier, nach dieser sensationellen Extremsporteskapade, bei der der Tod doch wohl eher als Missgeschick verbucht wird, sollte man sich wieder auf das eigentliche Thema und Anliegen der Ausstellung besinnen und wird, bei allem Respekt für das hohe Niveau der künstlerischen Leistungen, doch sehr nachdenklich.

Wer einmal in seinem Leben einen Sterbenden, vielleicht den liebsten Freund sogar, an die Trennungslinie, die der Tod dem Überlebenden setzt, begleiten durfte, wer in dem unerträglichen Schmerz des Verlusts wach blieb und die Vergänglichkeit nicht als Bedrohung, die Endlichkeit nicht als Grauen erkannte, wer dem Tod nicht mit Gruseln begegnet ist und dabei den unumgänglichen Zyklus des Lebens begriff, vielleicht sogar mit Gelassenheit auch nur für Momente, der wird in dieser Ausstellung wenige Schnittpunkte für sich entdecken können.

Erstaunlich ist, wie das für uns gemeinsam Unausweichliche immer wieder, sobald es aus der Sphäre der Fernsehbildschirme und Tageszeitungen heraustritt und unser eigenes Leben streift, als – um es salopp zu sagen – Selbstläufer Tabu kultiviert wird. Warum eigentlich? Die eigene Berührung und Ohnmacht tritt auch in dieser Ausstellung nur allzu oft in den Hintergrund. Tod als Trend, als Zeitgeistthema? Was bleibt vom Tod, wenn der Trend sich einem anderen Hype hingibt? Herlinde Koelbls intime Schwarzweiß-Fotografien bleiben in Erinnerung, wichtige Bilder, die die sanfte Seite des Todes zeigen. Doch nach all zu langem Hinsehen müssen auch sie sich gegen den Verdacht auf Voyeurismus erwehren, so, wie es die von Boris Nielsony gesammelten Fotos aus Polizeiarchiven tun müssen, denen man kaum ausweichen kann.

Es ist Jörg Herold, der mit einer erstaunlich schlichten Geste ein nachhaltig berührendes Bild hinterlässt. Er hat eine dreckige, verwitterte, schon lange nicht mehr aufgesuchte Sandkiste aufgestellt, in deren Mitte wie hineingeschwemmt Plüschtiere liegen. Auch sie verdreckt, liegengelassen, vergessen, nicht mehr gebraucht.

Wie bei allen anderen Ereignissen, die seit dem Sommer 2003 im Palast der Republik stattfanden, ist einmal mehr – bedingt allein schon durch die Thematik – der Palast selbst das Zentrum aller Aufmerksamkeit. Die Kuratoren hatten einen großen Ausstellungsraum gesucht, einen, der Morbidität und Todesvermutung ausstrahlt. Fördermittel der Bundesregierung, erst zugesagt, wurden abrupt gestrichen und trotzdem haben die Veranstalter es geschafft, den Palast nach ihren Vorstellungen zu gestalten und dadurch wie kein anderer zuvor überzeugend deutlich gemacht, welch großartiges Potential noch immer in diesem Gebäude steckt. Eine Berliner Antwort auf die Modern Tate könnte er werden, das macht diese Ausstellung erahnbar. Und man wird sich als Besucherin oder Besucher der FRAKTALE IV erneut der Frage stellen müssen: Warum eigentlich ein rekonstruiertes Schloss an diesem Ort, für wen?

Noch bis zum 22. Oktober 2005 im Palast der Republik Berlin.

Der Autor Ric Schachtebeck ist Bühnenbildner und Production Designer und lebt in Berlin.


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